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Im Zeichen der Sichel

Das Berliner Simon-Dach-Projektheater zeigt Bertolt Brechts »Die Rundköpfe und die Spitzköpfe«

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 4 Min.
Wo sich die Beherrschten zusammentun, bricht bei den Herrschenden bald Panik aus – 
so wie in Brechts und Eislers Parabelstück »Die Rundköpfe und Spitzköpfe«.
Wo sich die Beherrschten zusammentun, bricht bei den Herrschenden bald Panik aus – 
so wie in Brechts und Eislers Parabelstück »Die Rundköpfe und Spitzköpfe«.

Verdienstvoll ist es, dass der Regisseur Peter Wittig sich des selten gespielten Stücks »Die Rundköpfe und die Spitzköpfe« aus der Feder Bertolt Brechts und mit der Musik von Hanns Eisler angenommen hat. Verdienstvoll auch, dass er die ästhetische und politische Setzung des Dramas nicht durch Ironie außer Kraft setzt und dass er auf den Text vertraut. Zehn Schauspielerinnen und Schauspieler bringen gemeinsam die Geschichte um Tschichen, an ihren spitzen Köpfen zu erkennen, und Tschuchen, die naturgemäß eine runde Kopfform haben, auf die Bühne der Alten Feuerwache in Berlin-Friedrichshain.

Brechts Parabel auf kapitalistische Mechanismen in Zeiten des aufsteigenden Faschismus folgt einer komplexen Anordnung: Im Staat Jahoo droht den Gutsbesitzern der Aufstand der Pächter. Unter dem Zeichen der Sichel - »Bauer, steh auf! / Nimm deinen Lauf!« - versammeln sich die Ausgebeuteten, die sich über ihre Lage klar zu werden beginnen. Es ist der kaum aufzuhaltende Kampf der da unten gegen die da oben. Aber die Herrschenden - zuvorderst der neue Machthaber Iberin - bedienen sich der List der Spaltung. Künstlich erzeugt man einen Konflikt zwischen den titelgebenden Spitz- und Rundköpfen. Die biologistisch zementierten Differenzen sollen darüber hinwegtäuschen, dass soziale und ökonomische Verhältnisse änderbar sind. Die Tschichen werden der gesamtgesellschaftlichen Ächtung ausgesetzt, die Einheit der sich organisierenden Pächter zerschlagen: Ob arm oder reich, man schaut herab auf die Spitzköpfigen - und mit harter Hand regiert weiter Iberin im vermeintlichen Frieden und unter Aufrechterhaltung der tradierten Eigentumsverhältnisse.

Peter Wittig hat bereits vor dieser Regiearbeit ein gutes Gespür für gesellschaftlich relevante Bühnenstoffe unter Beweis gestellt: zuletzt mit »Die Tage der Commune«, ebenfalls ein Gemeinschaftswerk von Brecht und Eisler, aber auch mit Texten von Volker Braun und Peter Hacks. »Die Rundköpfe und die Spitzköpfe« sind ein erhellendes Stück Literatur, das die richtigen Fragen auch für die unangenehme Jetztzeit stellt. Das Prinzip der Spaltung angesichts wieder auf den Plan tretender Verteilungskämpfe ist wahrlich keine Sache der Vergangenheit. Und die Frage danach, wer davon profitiert, ist es ebenso wenig. Auch heute gibt es schwer erkennbare Ausprägungen der Politisierung, die man nur schwer als zielgerichtet bezeichnen könnte. Auch heute werden Scheinkonflikte geführt und weiter angeheizt.

Unter schwierigen Bedingungen musste die Bühnenarbeit von Wittigs Simon-Dach-Projekttheater entstehen. Pandemiebedingt verschoben, kann sie auch jetzt nicht ohne das Szenische betreffende Einschränkungen gezeigt werden. Denn auf den Bühnengesang soll laut aktuell gültigem Regularium verzichtet werden. Der Regisseur ließ seine Spielerinnen und Spieler die berühmten Eisler’schen Musikstücke (»Die Ballade vom Wasserrad«, »Lied von der belebenden Wirkung des Geldes«, »Nannas Lied« u. a.) im Studio einsingen und setzt während der Aufführungen auf Playback-Darbietungen.

Auch daran werden, bei vielem, was an der Inszenierung zu loben ist, die Schwächen des Abends deutlich: Die Spielweise setzt allzu sehr auf Einfühlung, wo kritische Distanz angezeigt gewesen wäre. Das Vorspiel, das das Darzustellende als Erkenntnis bringende Versuchsanordnung einführt, wird nur auf wenige Zeilen gekürzt wiedergegeben, die Wittig, vor der Bühne stehend, als Impresario ans Publikum richtet.

Brecht hat in seinem in den 30er Jahren verfassten Stück versucht, die Lenkung der sich politisierenden Massen durch die faschistischen Machthaber szenisch zu fassen. Die figurenreiche Parabel der Pächter und Landbesitzer in Jahoo ist kein bloßes Unterhaltungswerk. Allzu schnell kann ein solches Drama zur spannungsgeladenen Geschichte werden, die Einzelschicksale zeigt, statt lehrreich Handlungsweisen und Wirkmechanismen im real existierenden Kapitalismus vorzuführen. Auch in dieser neuen Inszenierung ist Letzteres nicht durchgängig gelungen.

Der alte Brecht ist aus dem Gegenwartstheater im deutschsprachigen Raum nicht wegzudenken. Die Neuordnung der Arbeitsweisen an den Theatern hat er vorangestoßen. Dass das für ihn aber mit der Neuordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse einherging, spricht man heute lieber nicht mehr so laut aus. Episierung und Verfremdungseffekt sieht man auf den Bühnen landauf, landab - egal, ob nun Ibsen oder Dürrenmatt gegeben wird. Überall steht Brecht drauf und ist oft nur kulinarisches Vergnügen drin.

Wittig meint es aber ernst mit Brecht und seinen Wirkungsabsichten. Das ist nötig, denn wie in »Die Rundköpfe und die Spitzköpfe« ist die Sichel, das Zeichen des Aufruhrs und der Unzufriedenheit, kaum mehr sichtbar. Und die da oben, ob Tschichen oder Tschuchen, freuen sich: »Trinkt, Freunde, trinkt! Auf daß da bleibt, was ist!«

Nächste Vorstellungen: 8., 9. und 10.10.

www.alte-feuerwache-friedrichshain.de

Kartenbestellung via SiDat-Theater@web.de

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