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Alle für einen - einer für alle

Dietmar Süß und Cornelius Torp sind von der Notwendigkeit und Wirkmächtigkeit von Solidarität auch heute überzeugt

  • Von Karlen Vesper
  • Lesedauer: 4 Min.

In der Tat: Das aus dem allgemeinen Sprachschatz vor Jahrzehnten mit dem Untergang des realen Sozialismus, der Niederlage aller emanzipatorischen Bewegungen und dem Triumph des Neoliberalismus verschwundene Wort »Solidarität« ist zurückgekehrt. Darf man das sagen: dank der Pandemie? Jedenfalls ist die Feststellung von Dietmar Süß und Cornelius Torp durchaus treffend, dass Solidarität in Corona-Zeiten wiederbelebt zu sein scheint: »Mal ist sie moralischer Imperativ, mal umschreibt sie euphorisch die vielen kleinen Formen nachbarschaftlicher Hilfe im Ausnahmezustand des Lockdowns. Und selbst die Einhaltung der Hygieneregeln und das Abstandhalten zum Nächsten gelten inzwischen als Akt der Solidarität. Das ist vielleicht eine der eigentümlichsten Wendungen eines Begriffes, der mit der Geschichte der modernen Gesellschaft untrennbar verbunden ist.«

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Dietmar Süß/Cornelius Torp: Solidarität. J. H. W. Dietz, 216 S., br., 20 €.

Die Autoren eruieren, was Solidarität in der Geschichte der Arbeiterbewegung meinte und wie sich deren Inhalte, Deutungen und Ausformungen im Laufe der Zeiten veränderten. Früher ein hehres Prinzip linker, demokratischer, emanzipatorischer Kräfte, wird das Wort heute von rechtsextremistischen Kreisen okkupiert, missbraucht, instrumentalisiert, seines eigentlichen Inhalts beraubt, ins Gegenteil verkehrt. Die von Rechtspopulisten und Rechtsextremisten geforderte »Solidarität« beschränkt sich auf deren Klientel, schließt Minderheiten aus und ist national-egoistisch zementiert.

Natürlich, Solidarität kostet. »Wer hat Anrecht auf welches Maß an Solidarität, und welche Schultern sollen die solidarische Hilfeleistung tragen?« Die Autoren umschiffen diese Fragen nicht, wollen sich explizit »den Widersprüchen und Fallstricken« des Begriffs stellen. Was meint Solidarität? »Ist sie schon da, wenn Steuerzahler den Solidarzuschlag bezahlen oder Klimaproteste auf Twitter gelikt werden?« Jein.

Das Wort habe in den letzten knapp 200 Jahren eine bemerkenswerte Karriere hingelegt, so die Autoren, »ein großes Wort, eng verknüpft mit leidenschaftlichen Gefühlen und großen Träumen. Viele berufen sich auf sie, und schon lange sind das nicht mehr nur klassenbewusste Arbeiter, engagierte Feministinnen oder Anti-Rassismus-Aktivisten.«

Heute führen Politiker fast aller Parteien das Wort im Munde. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sei »Solidarität« noch randständiger Begriff gewesen, war »Ausdruck eines gemeinsam erlittenen klassenspezifischen Schicksals, aus dem heraus sich dann der Kampf für die gemeinsame proletarische Sache ergeben sollte«. Kritisch vermerken die Autoren, dass hier männliche Arbeiter den Ton angaben, die Erfahrungen von Frauen gerne unter den Tisch fallen ließen.

Süß und Torb unterscheiden zwischen »Solidarität« als politischem Kampfbegriff sowie als Kategorie wissenschaftlicher Beschreibung. Sie konstatieren, dass der Solidaritätsbegriff in den unterschiedlichsten Lebensbereichen genutzt wird. Etymologisch-historisch ist das Wort auf die »Obligatio in Solidum« im römischen Recht zurückzuführen, eine spezifische Form der Haftung, bei der jeder Einzelne einer Gruppe für die Schulden dieser mithaftete. Die Autoren sehen auch in den drei Musketieren von Alexandre Dumas (»Alle für einen - einer für alle«) eine Solidargemeinschaft, wenn auch auf einen kleinen Freundeskreis begrenzt: Athos, Porthos und Aramis mit d’Artagnan. Sodann stellen sie den Solidaritätsbegriff der katholischen Soziallehre vor.

Doch als Ursprung von Solidarität gilt nach wie vor die europäische Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts, die sich angesichts der voranschreitenden Industrialisierung und der eigenen Verelendung mit ihren Interessenvertretungen, der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften, gegen Unternehmertum und Staat zu wehren versuchte. Diese klassenspezifische Solidarität erweiterte sich im 20. Jahrhundert zu einer überparteiischen und internationalen. Zunehmend richteten sich Solidaritätsadressen auch an die nationalen Unabhängigkeitsbewegungen in Algerien, Vietnam und anderen Ländern der sogenannten Dritten Welt, ebenso an die Opfer der Pinochet-Junta in Chile oder der Militärdiktaturen in Spanien, Portugal und Griechenland.

Mit den neuen sozialen Bewegungen zu Beginn des neuen Millenniums erlangte der Begriff »Solidarität« wiederum eine neue Dimension, erfuhr einen »immensen Schub«, so die Autoren. Zu ergänzen wäre: allerdings nun interessenspezifischer beziehungsweise konform zu bestimmten »Identitäten«. Andererseits ist Solidarität wieder globaler, ökologisch mehr also sozial.

Die Autoren sind überzeugt, dass Solidarität sich nicht überlebt hat. »Die Klimaproteste der Fridays-for-Future-Bewegung zeigen derzeit, wie sich Formen solidarischer Praxis verändern, globalisieren und massiven politischen Druck entfachen können.« Zweifellos: ein Handbuch, das in die Bibliothek eines jeden Linken gehört.

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