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»Warum wird Behinderung oft vergessen?«

Was verbindet die Literaturbloggerin Alexandra Koch mit Britney Spears? Eine Menge. Die Frage, wie mit Menschen umgegangen wird, die unter Betreuung stehen

  • Von Isabella Caldart
  • Lesedauer: 7 Min.

Alexandra Koch, was hat Britney Spears mit Ihnen zu tun?

(lacht)

Wir fangen direkt mit der schwierigsten Frage an! Ich habe eine Kolumne über sie geschrieben, weil der Prozess um sie (ein Sorgerechtsstreit mit ihrem Vater, d. Red.) auch ein Thema der Behindertenbewegung ist, was hierzulande nicht so bekannt ist. Die Frage lautet: Welche Parallelen kann man ziehen beim Umgang mit Britney und beim Umgang mit Behinderten in Deutschland?

Und welche wären das?

Menschen, die unter Betreuung stehen, dürfen bestimmte Entscheidungen nicht treffen, und diese Vormundschaft gibt es besonders oft für Menschen mit Lernbehinderungen und psychischen Krankheiten. Das bedeutet, dass sie bei Fragen um medizinische Behandlungen oder Therapien zum Teil keine Entscheidungsmöglichkeiten haben. Das geht bis zum Thema Verhütung, was wir auch bei Britney Spears gehört haben. Behinderten Frauen wird eine krasse Verhütung verschrieben, es wäre ja nicht auszudenken, was passieren würde, wenn sie sich fortpflanzten! Darüber zu sprechen, ist ein Tabu.

Können Sie genauer erklären, wie das mit der Vormundschaft hier aussieht?

Ich bin keine Juristin, deswegen will ich nur ein Beispiel geben. Menschen, die unter Betreuung stehen, hatten bisher kein Wahlrecht; diese Bundestagswahl war das erste Mal überhaupt, dass sie wählen durften. Es wird aber kaum über das Thema gesprochen - diesen Menschen fehlt die Plattform. Das war einer der Gedanken meiner Kolumne: Wenn selbst Britney Spears vor Gericht lange Zeit nicht gehört wurde, kann man sich vorstellen, wie schwer es für andere Menschen unter Betreuung ist.

Sie sind keine Juristin, aber Literaturbloggerin, also schwenken wir mal zu Ihrer Expertise. In Ihrem Blog und in den sozialen Medien analysieren Sie öfter die Darstellung von behinderten Menschen in fiktionalen Werken. Was fällt Ihnen dabei auf?

Es gibt zwei krasse Pole: Entweder sind Behinderte die Trauerklöße, die einsam am Fenster sitzen. Das ist ein ganz typisches Motiv: der Behinderte am Fenster, der abgeschnitten ist von der Außenwelt und nichts kann. Oder das andere Extrem, sozusagen Power-Behinderte, die trotzdem ganz tolle Sachen machen, unter der Goldmedaille bei den Paralympics geht da nichts. Beide Pole stellen kein normales Leben, keinen Alltag dar. Es fehlt an Ausgewogenheit.

Sie machen auch Sensitivity Reading für Bücher, das heißt, Sie lesen Manuskripte vor der Veröffentlichung aus Ihrer Perspektive und mit Ihrem Wissen.

Genau, das ist wie ein Lektorat, nur auf einen bestimmten Aspekt bezogen: in meinem Fall, ob Behinderung authentisch repräsentiert ist. Das reicht von diskriminierender oder klischeehafter Darstellung bis zu eher »technischen Details«. Wenn Autor*innen keine Erfahrung mit einem Rollstuhl haben, scheitert das oft in der Realität, zum Beispiel bei Beschreibungen, wie man aus einem Rollstuhl rauskommt, umsteigt aufs Sofa, auf welchen Untergründen man gut fahren kann, ob es ein langfloriger Teppich ist oder Parkett, oder wie man Sachen transportieren kann, schließlich braucht man die Hände zur Fortbewegung. Diese Kleinigkeiten halt.

Die Autor*innen denken sich lustige Konstruktionen aus, die teilweise sehr umständlich klingen. Das kannst du, wenn du es selbst erlebt hast, aus eigenem Blickwinkel viel realistischer beschreiben. Auch um die vorhin besprochenen Klischees zu meiden, hilft ein kritischer Blick. Manche Vorurteile sitzen so tief, dass sie unbewusst bestärkt werden. Die Initiative, mich zu engagieren, geht meistens von den Autor*innen aus, die sich Unterstützung bei diesen Themen wünschen, aber es kommt auch vor, dass sich Verlage melden. Generell nimmt das Interesse zu - aber bei Themen wie Rassismus oder Migrationserfahrung ist das Verständnis schon viel weiter. Bei Behinderung kleckert das noch hinterher.

Warum, glauben Sie, ist das so?

Ich glaube, bei dem Thema Behinderung ist viel Angst dabei. Die meisten Behinderungen werden im Laufe des Lebens erworben und können dadurch wahnsinnig nahe sein, vielleicht möchten sich viele Menschen deshalb nicht damit beschäftigen. Außerdem sind wir in der öffentlichen Wahrnehmung zu unsexy. Den Pride Month zum Empowerment der LGBTQ-Community kennt jeder, der Disability Pride Month ist hierzulande leider noch komplett unbekannt. Wir dürfen natürlich nicht verschiedene Marginalisierungen gegeneinander ausspielen. Ich frage mich aber, warum Behinderung so oft vergessen wird, wenn wir Diversity feiern.

Früher hieß es immer, »Wir müssen erst mal die Barrieren in den Köpfen abbauen«, also die Vorbehalte gegenüber behinderten Menschen. Diese »Barrieren in den Köpfen«-Geschichte wirkt wie eine Hinhaltetaktik, um behinderte Menschen zu vertrösten und nicht wirklich etwas zu ändern. Wir sind normal im Alltag unterwegs und müssen da die Hürden beseitigen, nicht nur in irgendwelchen Köpfen. Aber ich habe das Gefühl, es hat sich außerhalb der inklusiven Twitter-Bubbles noch nicht viel getan.

Apropos Twitter: Sie sind auf Instagram und Twitter aktiv. Welche Rolle spielen soziale Medien für Sie?

Ich persönlich finde sie superwichtig, weil sie mir geholfen haben, eine Stimme zu finden. Ich habe auch Feedback von jüngeren behinderten Frauen bekommen, die mir geschrieben haben, dass sie sich ohne mich nicht getraut hätten, so offen zu sein. Es ist toll, Menschen empowern zu können, denn ich kämpfe selbst noch mit vielen Hürden. Am Anfang habe ich mich nicht getraut, auf Social Media über meine Behinderung zu sprechen.

Wie war Ihre Anfangszeit als Bloggerin?

Ich habe mit einem Literaturblog angefangen, und dafür brenne ich nach wie vor. Ich habe lange nichts über meine Behinderung gesagt, weil ich nicht in die »Ach, die Behinderte«-Schublade gesteckt werden wollte. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich, wenn ich mich verstecke, nicht über alles schreiben kann, was mich bewegt, weil meine Erfahrungen Einfluss auf meine Wahrnehmung haben. Auch im Alltag beschäftigen mich manchmal andere Dinge als andere Blogger*innen. Zum Beispiel darüber zu twittern, was für ein cooles Gefühl ein Reifenwechsel beim Rollstuhl ist, hat sich richtig angefühlt. (lacht) Es ist einfach ein Teil von mir. Im Offline-Leben habe ich mich auch nicht dafür geschämt, also warum online?

Anfang September ging ein Foto von Annalena Baerbock durch die Medien, auf dem sie in der ARD-Wahlarena vor einer Frau im Rollstuhl in die Hocke geht. Die meisten haben diese Geste gelobt. Wie haben Sie das empfunden?

Das war eine Situation, in der alle im Publikum saßen, deswegen hatte die Pose auch etwas Exkludierendes und Verkindlichendes. Ich fand es unangenehm. Ich mag Annalena Baerbock sehr gern, und man hat gemerkt, dass sie sich bemüht hat, auf die Frau einzugehen und ihr Respekt zu zeigen. Aber weil sie offensichtlich nicht wirklich Erfahrung hat, wirkte das unbeholfen, wie Overacting. Wenn man etwa im Club ist, hilft es, sich zu bücken, um nicht so laut brüllen zu müssen. Aber im Alltag orientiert sich sonst auch alles an eurer Höhe, wir sind es gewöhnt, nach oben zu schauen.

Dieses Verniedlichen erlebe ich öfter, es gibt auch manche, die in die Hocke gehen und sich mit einer Hand am Rollstuhl festhalten, dabei würde man anderen auch nicht einfach an die Schulter fassen. Ältere streicheln einen auch mal gerne über den Kopf. Ich versuche dann auszuweichen.

Puh … Was stört Sie am gesellschaftlichen Diskurs bezüglich Behinderungen am meisten?

Vor allem, dass meistens über und selten mit Menschen mit Behinderung gesprochen wird. Nichtbetroffene glauben, viel besser zu wissen, was gut für uns ist. Behinderung wird als großes Drama, als Leid erachtet, und wir werden angesehen, als wären wir nicht mündig genug, eigene Entscheidungen zu treffen. Dabei sollte es egal sein, selbst wenn wir mal Fehler machen. Es ist eben wie bei Britney: Sie darf keine eigenen schlechten Entscheidungen treffen. Andere wollen über sie entscheiden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Wir sollten intersektionaler werden und mehr aufeinander achten. Es braucht mehr Bemühungen, Raum für alle Marginalisierungen zu schaffen. Man kann nicht gegen Ableismus sein, aber Rassismus ist einem egal, oder umgekehrt. Und ich wünsche mir, dass Bücher wie »Disability Visibility« (herausgegeben von Alice Wong, d. Red.) einen deutschen Verlag finden. In dieser Essaysammlung schreiben behinderte Menschen über Erfahrungen, die sonst nicht so sichtbar sind. Es werden auch krasse Themen angesprochen. Es geht zum Beispiel um Überlegungen zu Suizid bei behinderten Menschen oder ihre Rassismuserfahrungen unter anderem im Gesundheitssystem. Trotzdem sind die Texte stark und empowernd, das Attribut »behindert« wird nicht als Stempel, sondern als facettenreiche Erfahrung gezeigt.

Wir brauchen mehr davon. Und das muss halt irgendwie »cool« sein, damit auch Leute diese Bücher lesen, die keine Behinderungen haben. Das würde ich mir wünschen: mehr authentische, moderne Repräsentationen, die ein breites Publikum finden.

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