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  • »Ein Mann seiner Klasse«

Scham und Kampf

Christian Barons Roman »Ein Mann seiner Klasse« wurde auf die Bühne des Schauspiels Hannover gebracht

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 5 Min.

Ein denkwürdiges Vorspiel, das kein Spiel war, wurde demjenigen geboten, den es am vergangenen Donnerstag zur Premiere von »Ein Mann seiner Klasse« nach dem Roman von Christian Baron zum Ballhof Zwei, der kleineren Spielstätte des Schauspiels Hannover, verschlagen hat und der etwas früher vor Ort war. Vor dem gläsernen Eingang zum Foyer stand ein Einkaufswagen, bepackt mit Tüten, allerhand Fundsachen für den Überlebenskampf auf der Straße und einem Pappschild, beschriftet mit der Bitte um Geld. Daneben ein Mann, auf dem Boden sitzend und mit einer Jacke verhüllt, nur seine Beine waren zu sehen. Als eine halbe Stunde später die Türen zum Einlass geöffnet wurden, musste der Mann Platz machen. Der Abendunterhaltung sollte nichts und niemand im Wege stehen. Das sagt nichts über das Theater aus, allerdings etwas über den Bühnenabend, der hier zu erleben ist, und sehr viel über die Verfasstheit des Landes, in dem wir leben.

Christian Baron hat 2020 mit »Ein Mann seiner Klasse« einen autobiografischen Roman vorgelegt, die Geschichte eines Arbeiterkindes, geboren 1985 im sozialen Brennpunkt von Kaiserslautern. Es ist eine beispielhafte Erzählung aus dem real existierenden Kapitalismus. Vier Geschwister wachsen in beengten Verhältnissen bei ihren Eltern auf. Der Vater ist gelernter Möbelpacker, arbeitet viel, verdient fast nichts. Seine Fluchtpunkte sind der Alkohol und die rohe Gewalt - gegen die Mutter, gegen seine Kinder. Die Mutter entstammt demselben Milieu, kann sich vom gewalttätigen Mann nicht lossagen. Sie ist depressiv, schwer krank. Baron lässt das Thema Armut nicht in der publizistisch durchgesetzten Abstraktion erscheinen, sondern in ihrer quälenden Konkretheit. Armut in Deutschland, das bedeutet auch Hunger, bedeutet Gewalt, Misstrauen in den Staat mit seinen Institutionen, einen verbauten Bildungsweg. Er beschreibt auch das beschämende Gefühl, aus schlechten Verhältnissen zu kommen. Der Weg aus der sozialen Determination gelingt meist nur über glückliche Fügungen.

»Der Grat zwischen Aufklärung und Sozialporno ist bei diesem Thema immer besonders schmal. Leistet das einen Beitrag zur Veränderung der Gesellschaft oder ist es nur ein Menschenzoo? Insofern ist es bereits ein Risiko gewesen, das Buch zu schreiben, und so ist die Bühnenfassung nun auch ein Risiko. Aber eines, das sich lohnt«, räumt Baron im Interview mit der Dramaturgin Annika Henrich ein, das im Programmheft der Bühnenadaption seines Romans abgedruckt ist.

Der Laiendarsteller Michael »Minna« Sebastian in der Rolle des Vaters ist unaufhörlich in Bewegung. In blauer Jeans und weißem Shirt, mit Tätowierungen übersät, trägt er Holzteile nach vorne, steckt sie zusammen und schraubt umher. Er baut der Familie ein Zuhause, mag es noch so beengt sein (Bühne und Kostüme: Katja Haß). Auch Tapeten bringt er an. Er unterbricht die Arbeit höchstens für eine Zigarette. Aber - er spricht nicht. Über Einspielungen (Stimme: Jan Thümer) werden kurze Sätze des Vaters in den Bühnenabend getragen. Es sind oft Zurechtweisungen. Er, der fortwährend körperlich tätig ist, befindet sich nicht mehr im Gespräch mit seiner Familie.

Christian wird von Nikolai Gemel gespielt, die Figur seines älteren Bruders Benny übernehmen alternierend die Kinderdarsteller Noah Ilyas Karayar und Titus von Issendorff, die sich von der erzählend-reflektierenden Ebene immer wieder in das szenische Geschehen begeben. In der Doppelrolle der früh verstorbenen Mutter und ihrer Schwester, Tante Juli, die sich der Kinder annimmt, ist Stella Hilb zu erleben.

Sehr berührend werden zentrale Passagen des Romans, einschließlich der erschreckenden Gewaltszenen, auf die Bühne gebracht. Das Elend, das das Leben der »working poor« kennzeichnet, wird bildhaft mehr als deutlich. Lukas Holzhausen, der die Regie übernommen hat und der auch als Schauspieler im Hannoveraner Ensemble tätig ist, hat dabei sicher nicht mit allen Einfällen ein gutes Händchen bewiesen. Die Vielzahl der Toneinspielungen, die im Laufe des Abends nicht mehr allein die Stimme des Vaters ersetzen, die fatale Idee, durch dialektales Sprechen auf der Bühne die soziale Herkunft der Figuren abzubilden, und die nicht immer gelungene Balance von Komik und erschütternden Szenen etwa kann man durchaus infrage stellen. Insgesamt vermag die Inszenierung aber doch zu überzeugen.

Das von Baron aufgebrachte Dilemma zwischen aufklärerischer Tätigkeit und bloßer Ausstellung von Armut für ein in großer Mehrheit nicht betroffenes Theaterpublikum bleibt allerdings, und es lässt sich keineswegs einfach auflösen. Jede Geschichte - und steht sie auch auf einem autobiografischen Fundament - kann als Einzelschicksal abgetan werden. Nicht nur die Armut zu zeigen, sondern das System dahinter, nicht nur das Leben der Ausgebeuteten darzustellen, sondern das Prinzip der Ausbeutung erkennbar zu machen, das ist die schwierige Aufgabe, vor der Künstler - und nicht nur sie - gestern wie heute stehen. Bei dieser Theaterarbeit (und bei Barons Roman ohnehin) hat man es mit einem ernst zu nehmenden Versuch zu tun, genau das zu tun, ohne plump das Soziologieseminar in die Kunst zu überführen.

Der Titel »Ein Mann seiner Klasse« gemahnt auch an die großen Defa-Filmbiografien der 50er Jahre »Ernst Thälmann - Sohn seiner Klasse« und »Ernst Thälmann - Führer seiner Klasse«. Die Zeiten, in denen die Arbeiter noch Führer hatten, sind längst vorbei. Es ist schon viel, wenn sich jemand dazu bekennt, ein Mann seiner Klasse zu sein, und wenn er es in eine Position geschafft hat, in der ein solches Bekenntnis überhaupt gehört wird. Der Klassenkampf hat der Klassenscham Platz gemacht. Ein Verdienst dieses Theaterabends besteht auch darin, dass die Beschämung sich ins Publikum überträgt. Die Frage drängt sich auf: Wie kann es sein und wie können wir es zulassen, dass es diese Form von Armut in dieser Gesellschaft gibt? Geht man dieser Frage nach, kann die Scham wieder umschlagen in Kampf.

Nächste Vorstellungen: 1., 6., 16. und 26.11.

www.staatstheater-hannover.de

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