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Entsolidarisierung

Was soll das »mit Rechten reden« bringen? Unsere Energie sollten wir lieber in den Kampf gegen Faschismus stecken.

  • Von Ayesha Khan
  • Lesedauer: 3 Min.

In meiner (sogenannten) Filterblase sprechen gerade alle entweder über das 60. Jubiläum des Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei oder die Selbstenttarnung des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), die sich in diesem Monat zum zehnten Mal jährt, und über all dem schwebt noch immer die Debatte über die diesjährige Buchmesse. Letztere begann, wie jedes Jahr dank Recherchen antifaschistischer Gruppen, über die Anwesenheit von rechten Verlagen auf der Buchmesse. Als die Autorin Jasmina Kuhnke davon erfuhr, sagte sie ihre Teilnahme ab. Auch die Autor*innen Riccardo Simonetti, Annabelle Mandeng und Nikeata Thompson sagten letztendlich ihre Lesungen und Buchvorstellungen ab. Was eine Debatte über die Praxis der Frankfurter Buchmesse, ihren Umgang mit Kritik und die politische und gesellschaftliche Verantwortung des Literaturbetriebs hätte auslösen können, mündete leider in eine groteske und völlig abgehobene Diskussion im deutschen Feuilleton über »wehrhafte Demokratien« und (rechte?) Meinungen, die man aushalten müsse. Hier und da spricht jemand von »jede Art von Extremismus«.

Kritisiert werden soll Kuhnkes Entscheidung, nicht auf eine Messe zu kommen, auf der sie nicht vor rechten Angriffen geschützt ist. Was aber geschieht, und auch das werden einige als bloßes Empfinden oder Emotionalität abtun (und was wäre denn daran auch schlimm?), ist die explizite Entsolidarisierung mit Schwarzen Frauen. Und das aus Ecken und von Menschen, die sich selbst eher als links bezeichnen würden. Traurige Nummer. Und doch leider Alltag für viele Schwarze und nicht-weiße Frauen in Deutschland.

Immer wieder erleben und erfahren sie Entsolidarisierung, besonders wenn sie sich über soziale Fragen äußern oder von Gewalterfahrungen berichten. Ähnliches haben wir auch in anderen Kontexten in Deutschland schon oft erlebt. Die NSU-Morde, Halle oder Hanau. »Die Gewalt nach der Gewalt« - so nennt es von der Initiative 6. April. Die Initiative entstand vor dem Hintergrund des rechtsterroristischen Mordes des NSU an Halit Yozgat am 6. April 2006 in Kassel.

Doch was haben das Jubiläum des Anwerbeabkommens, die Selbstenttarnung des NSU und die Buchmesse gemeinsam, könnte man jetzt fragen. Könnte man. Oder man fragt sich, wieso rechte, rassistische und antisemitische Gewalt auch 2021 noch den Status quo unserer Gesellschaft beschreibt. Kontinuität ohne ein Ende in Sicht. Wenn wir es ernst meinen mit unseren ständigen Mahnungen und (Lippen-)Bekenntnissen nach Anschlägen und Angriffen, wieso sollten wir jetzt mit »Rechten reden«? Wenn wir, statt immer mal wieder kurzzeitig empört zu sein, einfach mal dauerhaft wütend sein könnten, ja vielleicht schaffen wir die Änderung im System, die wir so dringend benötigen.

Am letzten Tag der Buchmesse, am Sonntag, erhielt die Schriftstellerin Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2021. Verliehen wurde er sehr feierlich und symbolisch in der »Wiege der Deutschen Demokratie«, der Paulskirche in Frankfurt am Main. Die Frankfurter Grünen-Stadtverordnete Mirrianne Mahn sorgte mit ihrer kurzen, sehr starken und bitter nötigen Intervention für Aufregung in der Stadtgesellschaft, weil sie auf Widersprüche aufmerksam machte: »Das Paradox ist, dass wir hier in der Paulskirche, der Wiege der Demokratie, einer Schwarzen Frau den Friedenspreis verleihen, aber Schwarze Frauen auf genau dieser Buchmesse nicht willkommen waren.«

Nur knapp zwei Minuten sprach Mahn, warnte vor einem nächsten Hanau. Die Hass-Mails ließen nicht lange auf sich warten. Auch auf der Straße ist Mahn seitdem schon angegangen worden. Und trotzdem schreiben heute Kolleg*innen in ihren Kolumnen, dass »andere Meinungen« in einer Demokratie auszuhalten seien.

Ob Buchmesse, Polit-Talkshow oder Arbeitsplatz: Es wäre gut, wenn wir wieder weniger Zeit damit verbringen könnten, super Argumente dafür zu liefern, ob und warum man mit Rechten reden sollte, und mehr Zeit damit verbringen, was wir hier und jetzt gegen die Faschisierung unserer Gesellschaft machen können.

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