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  • Naoise Dolan »Aufregende Zeiten«

Postkoloniale Liebeslasten

In ihrem Debütroman »Aufregende Zeiten« erzählt Naoise Dolan eine vertrackte queere Beziehungsgeschichte

  • Von Tom Wohlfarth
  • Lesedauer: 5 Min.

Wenn eine junge, traurige Irin aus ihrer Heimat nach Hongkong flieht, um dort unter prekären Bedingungen Englisch als Fremdsprache zu unterrichten, kann man das als heutzutage üblichen Umgang mit einer Lebenskrise auffassen. Man kann darin aber auch eine gebrochene Auseinandersetzung mit der komplizierten Kolonialgeschichte sehen (als Hongkong 1841 zur britischen Kolonie wurde, war auch Irland noch - selbst kolonisierter - Teil des Vereinigten Königreichs).

Diese Lesart wird virulenter - und komplizierter -, wenn die 22-jährige, linke Feministin Ava in Hongkong eine Affäre mit dem nur wenig älteren britischen Investmentbanker Julian beginnt (immerhin waren es Banker wie er, die Irland 2008 in den Ruin stürzten). Schnell zieht Ava in Julians Luxushochhauswohnung ein und lässt sich von ihm aushalten - und dann tritt auch noch die gebürtige Hongkongerin Edith Mei Ling in ihr Leben.

Die identitäts- und klassenpolitische Dimension in Naoise Dolans Debütroman »Aufregende Zeiten« hat schnell Vergleiche mit Dolans ehemaliger Uni-Kollegin Sally Rooney hervorgerufen. Doch mehr noch als an deren bekanntestes zweites Buch, »Normale Menschen« (2018), erinnert das von Dolan an Rooneys Debüt, »Gespräche mit Freunden« (2017), in dem es neben klassenübergreifenden Beziehungen und dem Unterschied zwischen unverbindlicher Affäre und echter Liebe auch um Queerness, sexuelle Identität und Polyamorie geht. Und ähnlich wie Rooneys Romane liest sich auch Dolans Buch nicht in erster Linie wie eine soziologische Abhandlung, sondern zugleich als spannende und äußerst unterhaltsame Geschichte über junge Menschen auf der Suche nach ihrem Platz im Leben, auf der Welt - und vor allem in ihren eigenen Gefühlsmultiversen.

So ist Julian für Ich-Erzählerin Ava zunächst einmal ein erster guter Freund in der fremden Umgebung. Sie trinken exquisiten Wein, feiern mit Julians fragwürdiger Expat-Gemeinde und führen nächtelang witzig-kluge Gespräche. Als er ihr später dann teure Klamotten kauft und sie ihm Blowjobs gibt, ist die pragmatische Unverbindlichkeit ihrer Liaison auch eine Möglichkeit, sich vor den eigenen Bindungsängsten zu verstecken. Für Ava, die Männer zwar »gut kann«, sich aber eigentlich mehr zu Frauen hingezogen fühlt (was sie sich freilich nicht ganz leicht einzugestehen vermag), ist die Übernahme unterwürfiger Routinen, wie Julians Schuhe zu putzen und seine Hemden zu bügeln, ein verqueres Machtexperiment: »Was ich wollte, war, dass Julian mehr für mich empfand als ich für ihn. (…) Ich wollte ein Machtgefälle, und zwar zu meinen Gunsten.«

Zugleich lässt sich diese Konstellation aber auch auf einer überindividuellen Ebene lesen. Steht die prekäre Irin Ava zu dem britischen Banker Julian gewissermaßen selbst in einem postkolonialen Verhältnis, wird sie durch die Verbindung mit ihm zur Komplizin einer umfassenderen Kolonisierungsgeschichte. So wie die beiden Alteuropäer in Julians Edelapartment buchstäblich über dem ehemaligen Kolonialgebiet schweben, so existiert dort auch weiterhin eine »neokolonialistische« Struktur von alteuropäischer Dominanz, die an dem Sprachunterricht von Ava ebenso deutlich wird wie an Julians Freundeskreis und seinen Aktiengeschäften.

Dass das Ganze allerdings auch auf der anderen Seite nicht so simpel ist, wird deutlich, als die Hongkonger Anwältin Edith auftaucht, während Julian für ein paar Monate nach London muss. Genau wie Ava erst 22 Jahre alt, spielt Edith beruflich aber eher in Julians Liga. Tatsächlich war sie auch wie er auf einer englischen Elite-Uni und spricht denselben gehobenen Akzent. Aber anders als Julian will sie mit Ava eine richtige Beziehung führen, und es entwickelt sich echte Liebe zwischen ihnen. Nur von ihrer Affäre mit Julian erzählt Ava Edith nichts. Als er schließlich zurückkommt, ist der Konflikt programmiert - wenn auch etwas anders, als man zunächst erwarten könnte.

Den kolonialen Hintergrund von Dolans Roman hat auch Felix Stephan in der »Süddeutschen Zeitung« herausgearbeitet und das Buch folglich weniger mit der auf irische Verhältnisse fokussierten Sally Rooney verglichen, sondern mit George Orwells imperialismuskritischem Romanerstling »Tage in Burma« von 1934. Doch Stephan, ansonsten eher kein ungenauer Leser, scheint unter seiner Interpretationsfolie Dolans Romanende missverstanden zu haben. Aus meiner Sicht gibt es keinen Anlass zu der Auslegung, dass Ava sich schließlich für »das alte, weiße, reiche, patriarchale Europa« Julians und gegen die »neue, asiatische, queere Zukunft« Ediths entscheidet - ganz im Gegenteil. Und doch bleibt es bis zum Ende spannend - und anscheinend offen genug für divergierende Deutungen.

Naoise Dolan ist mit »Aufregende Zeiten« ein aufregendes Debüt gelungen. Mit schnoddrig-schlauem Ton, sehr viel Humor und so großer Schärfe wie Empathie legt sie die Seelenzustände ihrer Held*innen und die tumbe Dekadenz von deren Expat-Gemeinschaft bloß. Auch Sprache und Kommunikationsmedien werden zu expliziten Reflexionsräumen der Beziehungswirren, und immer wieder findet Dolan suggestive Bilder: Entgegen der titelgebenden tropischen Taifunsaison textet etwa Ava an Edith, Julian wirke auf ihre Gefühlsüberschüsse »wie der golfstrom. (…) durch ihn bleibt irlands klima gemäßigt.« Eindrücklich klar auch Avas und Ediths Bekenntnisse über die gesellschaftlichen Hindernisse ihrer gleichgeschlechtlichen Sexualität. In der subtilen Meisterschaft, soziale in individuellen Verhältnissen zu spiegeln, steht Dolan ihrer berühmten Kollegin Sally Rooney in nichts nach. Dass Ava in ihrer scheinsouveränen Unnahbarkeit zunächst noch ein Stück unsicherer wirken (und am Ende auch etwas weniger experimentierfreudig sein) darf als Rooneys Ich-Erzählerin in »Gespräche mit Freunden«, ergibt dabei durchaus Sinn. Ava hat sich im postkolonialen Hongkong noch einmal eine Diskursebene mehr aufgeladen - die sie am Ende aber doch souverän zu schultern vermag.

Naoise Dolan: Aufregende Zeiten. A. d. Engl v. Anne-Kristin Mittag. Rowohlt Verlag 2021, 320 S., geb., 20 €.

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