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Dramatische Fallsucht

Am Deutschen Theater Berlin lässt der Regisseur Sebastian Hartmann seinen Assoziationen zu Fjodor Dostojewskis Roman »Der Idiot« freien Lauf

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 5 Min.
Ekstatischer Tanz unterm Rotlicht: leider nur ein kurzer, bildstarker Moment in einer endlos langen Theaterinszenierung von »Der Idiot«
Ekstatischer Tanz unterm Rotlicht: leider nur ein kurzer, bildstarker Moment in einer endlos langen Theaterinszenierung von »Der Idiot«

In diesem Monat hat er endlich seine 200 Jahre auf dem Buckel, der alte, bärtige Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Der Russe mit der Neigung zur Überlänge füllt in so einigen Bibliotheken und Buchhandlungen fast einen Regalmeter mit seinen Romanen und Erzählungen. Aber nicht nur in der stillen Lektüre kann man sich Dostojewski annähern, auch die Überführung seiner Werke auf die Theaterbühne hat eine lange Tradition, die bis auf seine Lebtage zurückgeht.

Der Regisseur Sebastian Hartmann knüpft sich nicht zum ersten Mal den umstrittenen Moskowiter vor: In seinen Wirkstätten in Leipzig und Dresden gab es schon ein paar Dostojewskis zu sehen. An letzterem Ort hat er mit »Erniedrigte und Beleidigte«, sehr zu recht bejubelt, 2018 eine Erfolgsinszenierung auf die Beine gestellt, die auch zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde.

Am Mittwoch hat Hartmann nun am Deutschen Theater Berlin »Der Idiot« nach Dostojewski zur Premiere gebracht. Der knapp tausendseitige Roman erzählt die Geschichte vom Fürsten Lew Myschkin, einem Sonderling, der unter epileptischen Anfällen leidet. In der adeligen Welt im Petersburg des 19. Jahrhunderts findet er sich nur schlecht zurecht, und so bleibt er ein Außenseiter. Aber auch die Aristokratie hat Mühe, Schritt zu halten mit einer von Umbrüchen gezeichneten Gesellschaft. Hier will keiner zurücktreten müssen, Eitelkeit und Lüge regieren. Auch in diesen Punkten bleibt Myschkin die große Ausnahme.

Welche Geschichte aber erzählt uns Sebastian Hartmann? In den knapp viereinhalb Stunden (bei zwei Pausen), die er sich nimmt, kann er selbstredend nur Schlaglichter werfen auf einen handlungs- und gedankenreichen Roman. Acht Schauspielerinnen und Schauspieler, unterstützt von den Live-Musikern Arno Waschk und Samuel Wiese, nehmen sich ohne feste Figurenzuteilung der Erzählung an. In eindrucksvollen, historisierenden Kostümen in Schwarz-Weiß (Adriana Braga Peretzki) gehen sie auf der kargen Bühne, die der Regisseur entworfen hat - eine begehbare Fassade in Rot steht neben einem schwarzen Zelt auf der Drehscheibe -, großen Fragen der Vorlage nach: denen nach der Wahrheit, nach Subjektivität und nach der Rolle des Todes im Leben.

Im ersten Teil nimmt uns Hartmann mit auf einen unwirklichen Epilepsietrip. Die Schauspieler verkörpern auf sehr unterschiedliche Weise den Protagonisten Myschkin. Die Nervenkrankheit wird dem Publikum weniger durch den Text nahegebracht, denn durch verschiedene Elemente in diesem Gesamtkunstwerk erzeugt. Die technoid-animalische Musik arbeitet mit kurzen Unterbrechungen. Die Figurendopplung macht ein Auseinanderfallen von Sprache und Bewegung möglich, von Stottern und von Zucken. Es folgen Nebelschwaden und ein ekstatischer Tanz unter Rotlicht.

Der Beginn der ersten Pause wird bereits von Buhrufen begleitet. (Am Ende des Abends ist vor allem Applaus zu hören, wohl auch, weil nicht wenige Zuschauer schon zuvor entnervt den Saal verlassen hatten.) Was stört einen Teil des Publikums, ja provoziert ihn sogar? Hartmann bildet mit seinem Theaterabend nicht das Handlungsgerüst des Romans nach, sondern begibt sich auf die Spur des Kranken in einer kaputten Gesellschaft. »Der Idiot« wird uns, reichlich zerfetzt, aus der Innenperspektive eines idiotischen Menschen dargelegt. Wer rote Fäden schätzt, macht sich vergeblich Hoffnung.

In Russland gibt es eine jahrhundertelange Geschichte der »Gottesnarren«, auch »Narren in Christo« genannt, der Verrückten, die sich den gesellschaftlichen Konventionen widersetzen, aber auch verehrt wurden. In ihren wirren Worten vermutete man eine göttliche Wahrheit, einige von ihnen wurden sogar zu Heiligen erklärt. Der Regisseur macht hier also durchaus einen interessanten Punkt stark. Nur vermag die Idee in ihrer künstlerischen Umsetzung nicht über Stunden zu tragen.

»Das hat doch alles nichts mit Dostojewski zu tun«, ist dann auch inmitten des Pausenklatsches zu vernehmen. Einige Theaterkritiker geben diesen Stimmen durchaus recht. So einfach ist es allerdings nicht. Wir haben es hier mit einer intensiven Dostojewski-Auseinandersetzung zu tun, die allerdings sehr in die Tiefe geht - bis an die Grenzen der Nachvollziehbarkeit. Im Programmheft macht Hartmann klar, dass er sich bei dieser Theaterarbeit auch auf die Suche nach biografischen Parallelen des Autors zum erzählten Geschehen gemacht hat. Ein durchaus waghalsiges Unterfangen, insbesondere wenn es um Dostojewski geht.

In dem abgedruckten Gespräch erzählt der Regisseur ebenfalls, dass im Probenprozess die Mitwirkenden gemeinsam Jean-Luc Godards jüngstes Werk, den Filmessay »Bildbuch«, angesehen hätten. Das ist ein sehr aufschlussreicher Hinweis, macht er doch klar, woher Hartmanns Erzählverweigerung kommt. Nur funktioniert Godards Film als Serie von äußerst kurzen Einstellungen, die an der Assoziationstrommel rühren. Hartmann aber nimmt sich Zeit.

Tatsächlich überzeugt diese »Idiot«-Adaption vor allem durch die großen Bilder. Und es ist kein Geheimnis, dass Sebastian Hartmann, der an anderen Abenden auch schon von den Darstellern Bilder malen ließ, ein reges kunstgeschichtliches Interesse hat, das Einzug in seine Inszenierungen hält. Stimmungsvolle Videoanimationen, die der bildende Künstler und Vertreter der Neuen Leipziger Schule Tilo Baumgärtel geschaffen hat, tragen erheblich dazu bei. Der zweite Teil beginnt nun doch mit einer äußerst charmanten Romanzusammenfassung, die von Niklas Wetzel in überschlagend schnellem Deutsch mit überzeugendem russischen Akzent vorgetragen wird. Dann aber kommt es zu einer sehr ausgedehnten Szene, in der die hinreißende Linda Pöppel sich erst ihrer Kleidung entledigt und mit roter Farbe überschüttet wird, um dann mit einem Gurt meterhoch über die Bühne gezogen zu werden, wo ihr Monolog schlicht kein Ende finden will. Danach liegt sie am Boden, zweifach mit Live-Video projiziert - und man weiß sich plötzlich mit grausamer Schönheit konfrontiert. Hier wird das Dilemma des Abends überdeutlich: Die Bilder funktionieren. Aber sie sind nur reizvolle Momente in einer fast unendlich langen Theateraufführung.

Im Zentrum des dritten Teils greift jeder der Schauspieler noch einmal zur Waffe und gibt eine kleine Platzpatronenetüde Richtung Bühnendecke ab, bevor sie sich besinnlich am Bühnenrand niederlassen. Umsichtigerweise wurden vor Vorstellungsbeginn Ohrstöpsel für empfindsame Gäste verteilt. Vielleicht sind es auch solche Unentschiedenheiten, die dem Spektakel einen Abbruch tun: Soll es nun wehtun oder nicht? Wohin mit all dem Existenzialismus?

Nächste Vorstellungen: 14. und 17.11., 7. und 14.12.

www.deutschestheater.de

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