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Juden unter der roten Fahne

»Zi flatert fun tsorn, fun blut iz zi royt!«: Der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund war das bedeutendste Beispiel der jüdisch-proletarischen Selbstorganisation in der Moderne. Noch heute lassen sich daraus Lehren für emanzipatorische Kämpfe ziehen

  • Von Manuel Disegni
  • Lesedauer: 7 Min.
Wo wir leben, ist unser Land: Wahlplakat des Bundes von 1917 aus der Ukraine (Ausschnitt)
Wo wir leben, ist unser Land: Wahlplakat des Bundes von 1917 aus der Ukraine (Ausschnitt)

Es gab eine Zeit - gar nicht so lange her, wie man heute zu denken geneigt sein könnte - da hieß jüdisch sein fast zwangsläufig auch links sein. Die meisten Jüdinnen und Juden waren in fortschrittlichen und revolutionären Organisationen aktiv und diese waren ihrerseits von überwiegend jüdischen Führern, Kadern und Intellektuellen geleitet. Die jüdische Teilnahme an der Arbeiterbewegung, an ihrer theoretischen, politischen, organisatorischen und militärischen Entwicklung - daran erinnert eine aktuelle Publikation der Rosa-Luxemburg-Stiftung - kann kaum überschätzt werden. Was aber ist es, das so viele Kinder Israels zur roten Fahne zog? Worin besteht der spezifisch jüdische Beitrag zum proletarischen Internationalismus? Dies sind einige der Fragen, denen die von Riccardo Altieri, Bernd Hütter und Florian Weis herausgegebene Aufsatzsammlung »›Die jüdische mit der allgemeinen proletarischen Bewegung zu vereinen‹. Jüdinnen und Juden in der internationalen Linken« nachgeht.

Die Geschichte der Beziehungen zwischen Juden und Linken weist viele unterschiedliche, nicht leicht auf einen gemeinsamen Nenner zu bringenden Aspekte auf. Es waren unter ihren Protagonisten Juden aller Art - Ost- und Westjuden, orthodoxe Rabbiner und feministische Huren, Arbeiter und Intellektuelle. Außerdem Sozialisten aller Art - von Karl Marx, einem aus zwei altehrwürdigen rabbinischen Geschlechtern stammenden Gelehrten und Theoretiker, bis zu Lew Dawidowitsch Bronstein (Trotzki), »den schlimmsten Hurensohn, aber den größten Juden seit Jesus«, wie ihn der Leiter des US-amerikanischen Roten Kreuzes in Russland Raymond Robins bezeichnete; von der Revolutionärin und Pazifistin Rosa Luxemburg bis zu Stalins rechter Hand, Lasar Moissejewitsch Kaganowitsch, einem der Hauptorganisatoren der großen Säuberungen der 1930er Jahren. Und noch viele mehr …

Widersprüchliche Wahlverwandtschaften

Das Zusammentreffen der modernen politischen Ideen der sozialistischen Bewegung mit den antiken Erlösungsbestrebungen des jüdischen Volkes im Europa des 19. Jahrhunderts führte zu einer epochalen Detonation, deren Folgen von den Historikern noch nicht in ihrem ganzen Ausmaß erfasst worden sind. Die Forschung stellt sich ferner die Frage nach den Wurzeln der »Wahlverwandtschaft« (Michael Löwy), die diese starke »chemische Reaktion« ausgelöst hat. Ob sie nun im politischen Gründungsmythos der jüdischen Nation, der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, in den prophetischen und messianischen Vorstellungen der jüdischen Religion oder vielmehr in der eigentümlichen Tradition von Unterdrückung in der jüdischen Geschichte zu suchen sind - sicher ist, dass die Beziehung zwischen Juden und Kommunismus eine intensive, tragische, widersprüchliche und schmerzhafte gewesen ist.

Von den zahlreichen und weit auseinanderliegenden Beispielen, auf die man eingehen könnte, scheint dasjenige vom Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbund, kurz Bund, besonders repräsentativ zu sein. Der Bundismus war die Idee, alle jüdischen Arbeiter im russischen Zarenreich in einer einzigen revolutionären proletarischen Partei zu vereinen - einer weltlichen, aber eben auch jüdischen, genauer gesagt: jiddischen Partei. Es war der bedeutendste Versuch, sich als Juden an der internationalen sozialistischen Bewegung zu beteiligen, der je unternommen wurde. Eine Erfahrung, aus der die Linke noch immer aktuelle Lehren für ihre Diskussionen über die sogenannte Intersektionalität emanzipatorischer Kämpfe ziehen kann. Es ist daher passend, dass die Aufsatzsammlung mit einem Beitrag eröffnet wird, der diese Geschichte rekonstruiert, verfasst von Gertrud Pickhan, Professorin für mittel- und osteuropäische Geschichte an der Freien Universität Berlin.

Jüdische Massenorganisation

Die Legende vom Bund hat um 1880 ihren Ursprung in kleinen, abgelegenen Klassenzimmern einiger Talmudschulen im litauischen Wilna - den renommiertesten auf dem Kontinent. Die baltische Hauptstadt, das heutige Vilnius, war damals auch als »Jerusalem des Ostens« bekannt. Einige Schüler hatten angefangen, mehr oder weniger heimlich Lesekreise zum Marx’schen »Kapital« zu organisieren. Den Grund für solche unkonventionellen Lektüren versteht man erst, wenn man bedenkt, dass in jenen Jahren die mehr als fünf Millionen in der Zwangsansiedlungszone des russischen Kaiserreiches lebenden Juden in einem raschen und traumatischen Urbanisierungs- und Proletarisierungsprozess begriffen waren. Zudem wurden sie schikaniert durch einen neuen Aufschwung der Pogromgewalt und des staatlichen Antisemitismus. Die zaristische Haltung zur »Judenfrage« bestand darin, einen Teil der Juden an Überarbeit und Hunger krepieren zu lassen und die anderen zur Konversion oder Auswanderung zu zwingen.

Während sich die Wilnaer Studenten die marxistische Theorie aneigneten, schritten ihre arbeitenden Glaubensgenossen in Polen und Weißrussland zur Tat. Es wurden Streiks und Solidaritätsfonds organisiert. Überall bildeten und vernetzten sich äußerst kämpferische Gewerkschaftsorganisationen, bewaffnete Selbstverteidigungsgruppen, ferner Frauengruppen, Jugendgruppen, Sportgruppen und so weiter. Die Sprache der politischen Agitation war natürlich Jiddisch. Odessa, Kiew, Minsk, Warschau, Bialystok, Witebsk - vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee gab es keine Stadt, in der nicht lokale Zeitungen auf Jiddisch gedruckt wurden. Teil dieser jiddischen revolutionären Literatur wurde auch in die nichtjüdischen Sprachen übersetzt.

Die Gründung des »Algemeynen yidisher Arbeter-Bund in Lite, Polyn un Rusland« fand im Herbst 1897 in Wilna statt, etwas mehr als einen Monat nach dem ersten Zionistenkongress in Basel. Inmitten der revolutionären Prozesse, die das Zarenreich erfassten, rief das jüdische Proletariat mit seinen Intellektuellen die erste große sozialdemokratische Arbeiterpartei Osteuropas ins Leben. Dabei handelt es sich zugleich um eines der bedeutendsten Beispiele jüdischer Selbstorganisation in der Moderne.

Infolge eines rasanten Wachstums wurde der Bund in kurzer Zeit zu einer echten Massenorganisation, tief verwurzelt in den Manufaktur- und Industriegebieten und im täglichen Leben der proletarisierten jüdischen Massen. Unter seiner Schirmherrschaft wurde ein Schulsystem eingerichtet - »Tsentrale Yidische Schul-Organizatsy« -, das in seiner Blütezeit in den späten 1920er Jahren in Polen 219 Schulen an mehr als 100 Standorten umfasste. Es wurden ferner Kindergärten, Bibliotheken, Kulturzentren und Sanatorien aufgebaut. Die Kulturarbeit hatte einen hohen strategischen Wert für den Bund. Zwar handelte es sich um eine internationalistische Klassenorganisation, die jede Beziehung zur westlich-jüdischen Bourgeoisie ablehnte und vielmehr lokale nicht-jüdische Arbeiter in ihre Mobilisierungen einbezog. Ein zentraler Punkt des bundistischen Programms war jedoch der Anspruch auf Anerkennung der nationalen und kulturellen Identität der Juden und der daraus resultierenden Forderungen nach Autonomie. Die Aufwertung der jiddischen Sprache und Kultur war als zentrales Moment in der Bewusstwerdung der jüdischen Massen über sich selbst als Produzenten und damit als revolutionäre Subjekte des gesamtgesellschaftlichen Wandels aufgefasst.

Konflikte mit der Sozialdemokratie

Diese nationale und autonome Kulturpolitik war der Zankapfel im Verhältnis des Bundes zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands - an deren Gründung 1898 drei bundistische Delegierte beteiligt gewesen waren - und später dann zur Bolschewistischen Partei. In Moskau wurde jede Forderung des Bundes nach organisatorischer Autonomie bei der Behandlung der spezifischen Probleme des jüdischen Proletariats prinzipiell abgelehnt. Dabei hatte das jüdische Proletariat innerhalb des revolutionären Lagers ein Problem aufgeworfen, das eine riesige, jahrzehntelange, zermürbende und in gewisser Weise Hinsicht zerreißende Debatte hervorrief. Zwischen Bundisten und der russischen Sozialdemokratie kam es zu Spaltungen, Wiedervereinigungen und neuen Spaltungen.

Die Bundisten ließen sich jedoch nie vom revolutionären Prozess ausschließen. 1905 waren sie es, die die Meuterei auf dem vor Odessa verankerten Panzerkreuzer Potemkin organisierten. Und während des Bürgerkriegs kämpften sie selbstverständlich an der Seite der Bolschewiki in der Roten Armee - die einzige Kraft, die sie vor der antisemitischen Gewalt der konterrevolutionären weißen Truppen schützen konnte. Trotzdem konnte der Bund in der Sowjetunion die kulturelle Identität der Ostjuden und ihre nationalen Rechte nie anerkannt sehen. Ab den 1920er Jahren verlagerte die Organisation den Schwerpunkt ihrer kulturellen und gewerkschaftlich-revolutionären Aktivitäten nach Polen, wo sie zur wichtigsten politischen Kraft in der jüdischen Bevölkerung wurde. Der Aufstand im Warschauer Ghetto von 1942 war seine letzte Heldentat und sein Todeskampf.

Mit dem Ende des Bundes wurde das jüdische Volk seiner größten revolutionären Partei beraubt, während die kommunistische Bewegung eine ihrer wichtigsten autonomen, föderalistischen und antiautoritären Strömungen verlor. Erscheint es angesichts unseres gegenwärtigen geopolitischen Weltbildes schwierig, den sechszackigen Davidstern mit dem fünfzackigen roten Stern zusammenzufügen, so darf man nicht vergessen, was der Dichter William Shakespeare sagte: »the course of true love never did run smooth«, der Kurs der wahren Liebe verlief nie reibungslos.

Riccardo Altieri, Bernd Hüttner, Florian Weis (Hg.): »Die jüdische mit der allgemeinen proletarischen Bewegung zu vereinen«. Jüdinnen und Juden in der internationalen Linken. Luxemburg-Beiträge 5, 122 S., br., kostenfrei.

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