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  • IG Metall gegen Stellenabbau

Jetzt trifft es die Stammbelegschaft

200 Stellen werden bei Biotronik gekürzt, es fehlt an gewerkschaftlicher Organisierung

  • Von Jörg Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.
Die IG Metall in Berlin kann bei ihrem Kampf um Industriearbeitsplätze durchaus noch mehr Beteiligung brauchen.
Die IG Metall in Berlin kann bei ihrem Kampf um Industriearbeitsplätze durchaus noch mehr Beteiligung brauchen.

Dicke Luft bei Biotronik in Britz. Die IG Metall Berlin wirft der Geschäftsleitung vor, dass Stück für Stück Arbeitsplätze am Stammsitz des Unternehmens abgebaut und ins Ausland verlagert werden. Das sei in den letzten Jahren schon mehrfach passiert, sagt der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Berlin, Jan Otto, zu »nd«. Aktuell will das Unternehmen insgesamt 200 Stellen aus der Fertigung, fertigungsnahen Bereichen und der Entwicklung nach Asien, konkret nach Singapur, verlagern. Beim letzten Stellenabbau im Jahr 2019 waren 210 Vollzeitstellen und 170 Leiharbeiter*innen abgebaut worden. Damals hätte es überwiegend befristete Beschäftigte betroffen, »dieses Mal geht es an die Stammbelegschaft«, so die IG Metall.

Das Unternehmen bestätigte am Montag die Pläne. In einer Erklärung hieß es, dass in den nächsten drei bis fünf Jahren »weitere Teile der Elektrodenfertigung und -entwicklung« nach Singapur gehen sollen. Gleichzeitig soll der Standort Berlin »mit zusätzlichen Investitionen« gestärkt werden. Nach dem Aufbau von Produktionskapazitäten für Herzschrittmacher-Elektroden in Singapur will man nun »die Herstellkostenvorteile besonders für manuelle Tätigkeiten nutzen, um die weltweit fallenden Verkaufspreise aufzufangen«. Anders gesagt: Die Personalkosten in Singapur sind niedriger. Weitere Teile der Elektrodenproduktion sollen in den Stadtstaat Singapur übertragen und Berlin soll als »Kompetenzzentrum für aktive Implantate«, also für Herzschrittmacher und implantierbare Defibrillatoren, ausgebaut werden. Es soll überdies Hauptsitz von Biotronik bleiben.

Der Abbau der rund 200 Stellen erfolge in enger Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat, den Betroffenen sollten Möglichkeiten angeboten werden, »das Unternehmen in anderen Bereichen weiter zu unterstützen«, hieß es.

Die IG Metall hat sich nun zum Ziel gesetzt, einen Zukunftstarifvertrag mit der Geschäftsführung abzuschließen, der Regelungen für alle Unternehmensbereiche enthalten soll. Wenn ein künftiger Stellenabbau nicht zu verhindern ist, dann soll er doch verbindlich im Sinne der Beschäftigten geregelt werden. Es sei jetzt die Frage, so Jan Otto, welchen Anteil die Beschäftigten selber daran haben, dass Arbeitsplätze abgebaut oder verlagert werden. »Wir haben bei Biotronik mehr als einen Fuß in der Tür, aber das reicht noch nicht, um so einen Kampf zu gewinnen.« Dass das aber mit entschlossenen Belegschaften möglich ist, hätten die letzten erfolgreichen Auseinandersetzungen bei Siemens oder bei Daimler in Marienfelde gezeigt.

Zuletzt hatte die IG Metall im Bündnis mit der Chemiegewerkschaft IG BCE und dem Berlin-Brandenburger Deutschen Gewerkschaftsbund gefordert, dass die Industrie in der Stadt sichtbarer werden müsse und dass sie auch ausreichend Flächen bekommen müsste. Allein deshalb kritisiert Otto die erneute Ankündigung von Biotronik, 200 Industriearbeitsplätze abzubauen. Er kündigt an, dass die IG Metall dagegen kämpfen wird. Er sei auch bereit, mit der Politik über Fördermöglichkeiten und neue Flächen zu sprechen. Das gehe aber nur mit einer breiten Unterstützung aus der Belegschaft. »Ich werde mich nur für Betriebe verwenden, die mit uns zusammenarbeiten«, sagt er. Jan Otto: »Meine Botschaft an die Kolleg*innen im Betrieb ist deshalb: Ihr müsst euch jetzt organisieren, dann habt ihr mit der IG Metall einen starken Partner an der Seite.«

Das Unternehmen hat dem Vernehmen nach selbstständig den Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie eingeführt und übernimmt auch Ergebnisse der Tarifrunden, konkret: die jeweiligen Entgeltsteigerungen mit kleiner Verspätung.

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