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Staatsgeschäfte ohne Ruhe

Die wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft widmete sich dem Spätwerk des Autors

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 4 Min.
Das Dramolett »Der Parteitag« von Peter Hacks (2003) weist erstaunliche Parallelen zu einer real existierenden Partei auf.
Das Dramolett »Der Parteitag« von Peter Hacks (2003) weist erstaunliche Parallelen zu einer real existierenden Partei auf.

Samstagmorgen am Kupfergraben in Berlin-Mitte, es rumpeln die Straßenbahnen, die aufgedruckte Werbung verspricht »Bessere Matches für alle!«, Nebel liegt über der Museumsinsel. Es trifft sich, wie jedes Jahr im November, die Peter-Hacks-Gesellschaft zu ihrer wissenschaftlichen Tagung. Die Vorträge zu ausgewählten Aspekten von Leben und Werk des 2003 verstorbenen Dichters und Dramatikers, den es 1955 in die DDR zog, sind wechselnden Tagungsthemen gewidmet. Dieses Jahr: »Hacks in der Unterwelt«. Wer satanische Rituale oder kriminelle Machenschaften vermutet, wird mit dem Untertitel sanft korrigiert: »Das poetische Werk nach 1989« heißt es dort schlicht. Für den Vorabend war eine musikalische Lesung von Hacks’ Operette »Orpheus in der Unterwelt« angesetzt, auf die der Tagungstitel anspielt. Nach der von Hacks so genannten »großen Schreckenswende« von 1989 entstanden, zeigt sie einen großen Verlust und die Suche nach einem Ausweg. Wegen Krankheit musste die Vorstellung kurzfristig abgesagt werden.

Kurz vor Tagungsbeginn, so berichtet ein Teilnehmer, hat Angela Merkel ihre nebenan liegende Wohnung verlassen, die Staatsgeschäfte ruhen nicht. Staatskunst ist auch das Thema von Hacks. Was macht ein Etatist, wenn ihm sein Staat abhandenkommt und ihm der neue feindlich ist, fragt der Literaturwissenschaftler Kai Köhler in seinem einleitenden Vortrag. Späte Stücke wie »Bojarenschlacht«, »Tatarenschlacht« und »Der einsame Zar« - die sogenannten Russen-Stücke, über die, aus Moskau zugeschaltet, Nikon Kovalev referierte - oder »Der Kaiser von China« und »Phraates« verhandeln Staatsklugheit und -dummheit. Außenpolitische Belange, obwohl von Hacks in bester Hegel’scher Tradition als das »Geistlose an der Politik« bezeichnet, werden im Spätwerk wichtiger. Doch wird nach 1989 Hacks’ Staatsbild undeutlicher. Mal ist er der »Gegner von Natur« (im Kapitalismus), mal die letzte Hoffnung auf dem Weg zu seinem Absterben (im Sozialismus, der allerdings zur Selbstabschaffung schritt).

Hacks, der das Unheil schon von ferner kommen sah, war nach 1989 künstlerisch keineswegs gelähmt. Politisch verfocht er sowieso weiter, was er einmal als wahr erkannt hatte. Es entstanden Stücke wie »Fafner, die Bisam-Maus«, ein großartiges Lust- und Maskenspiel über die »Wiedervereinigung«, »Der Maler des Königs« und die grandiose Aristophanes-Bearbeitung »Der Geldgott«. Hacks wirft noch einmal alles in den Ring, mit bitterem Witz und aufklärerischem Schwung. Gedankt wird es ihm kaum, die Stücke werden selten gespielt. Der Zeitgeist ist ein anderer. Romantisch würde Hacks ihn nennen. Auch das wird auf der Tagung verhandelt, so seine literaturhistorischen Essays und Polemiken wie »Zur Romantik«. Hacks versteht es meisterhaft, das 18. und 19. Jahrhundert als Folie für Konflikte der Gegenwart zu nehmen, und lässt beispielsweise den Bonapartisten und Aufklärer Saul Ascher gegen den deutschtümelnden Turnvater Jahn antreten. Doch nicht Jahn, Fichte sei der eigentliche Antagonist gewesen, wie der Ascher-Forscher Jakob Lenz überzeugend darlegt.

Gegen Ende und Abend wird es vergnüglicher und literarischer. Ken Merten lässt Hacks und Ronald M. Schernikau, die zu ihrer Zeit einen freundlichen Austausch pflegten, zum fiktiven Zwiegespräch auf dem Olymp der Dichter und Kommunisten zusammentreffen. Das Dramolett »Der Parteitag«, eines der allerletzten Werke von Hacks, zeigt die Querelen der Partei der Sozialvisionären Wiedergeburt. Analogien zum damaligen Zeitgeschehen - wer ist Gabi Zimmer, Dietmar Bartsch oder Sahra Wagenknecht? - seien nicht unbeabsichtigt, doch sei es Hacks, wie Detlef Kannapin betonte, um künftige Perspektiven für Partei, Staat und Wissenschaft unter kommunistischen Gesichtspunkten gegangen. Mehr Zukunft, weniger Zeitgeschehen.

So setzte auch Rayk Wieland ein, mit Kosmoarchäologen im 25. Jahrhundert auf Hacks’ Spuren. Wieland war Redakteur bei »Konkret«, als Hacks dort seine berühmte Gedichtreihe »Jetztzeit« drucken ließ, mit Klassikern wie »Venus und Stalin«, »Appell« (für eine Guillotine auf dem Leninplatz) und »Das Vaterland«, in dem die Mauer der »Erdenwunder schönstes« ist. Ein Renegat war er nie.

War die Niederlage von 1989 komplett komplett oder nur vorläufig komplett, fragte Wieland. Hacks beantworte die Frage entschieden mal so und mal so, gab er als Antwort. Unzeitgemäß jedenfalls sei er, der Dichter Hacks, und auch zeitlos. Geschrieben seien seine späten Gedichte als »Bewahrung eines nie Gewesenen«, so Wieland, für eine ferne Zukunft, die sich der DDR wie der versunkenen Zivilisation von Atlantis nähern werde - die Unterwelt als untergegangene Welt.

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