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Ein heiliger Narr zieht durchs Gebirge

Besik Kharanauli treibt ein Glasperlenspiel am Rande der europäischen Welt

  • Von Caroline Anstieg
  • Lesedauer: 6 Min.
Ja, Georgie leuchtet, immer noch! Nicht nur zur Weihnachtszeit in Tbilissi
Ja, Georgie leuchtet, immer noch! Nicht nur zur Weihnachtszeit in Tbilissi

Die Sowjetunion war ein Land hinter den Plakaten, Fotobänden, Postkarten und Intourist-Reiserouten. Die Nachfolgestaaten sind es nicht minder. Abseits der großen Städte, Flüsse und Strände läuft das Leben seine eigenen Bahnen, nicht unbeeinflusst von den großen politischen Ereignissen, doch allenfalls am Rande berührt.

Georgien, Grenzland zwischen Orient und Okzident war lange Rand der Ränder, als es nach der Zerschlagung der ersten sozialistischen Republik durch die Rote Armee und schließlich den Großen Terror der 30er Jahre seine herausragende Stellung als polykultureller Handels- und Ideenraum verlor. Wolfgang Korall, einst Werbefotograf bei Carl Zeiss Jena, bereiste erstmals 1976 - damals noch illegal - den Kaukasus und dokumentierte das archaische Leben in den Bergen, in den Dörfern, eine rohe Schönheit, Gewalt, Kargheit. Eine «Prawda», die große Schwesterzeitung des einstigen «Neuen Deutschlands» wirkte an diesen Orten wie ein Objekt aus einer anderen Galaxie.

Man sollte die Schwarz-Weiß-Fotografien von Wolfgang Korall vor Augen haben (unter anderem in «Abschied von Swanetien), wenn man die Werke des Dichters Besik Kharanauli zur Hand nimmt, der 1939 in einem kleinen Städtchen am Rande der Ränder geboren wurde. Er ging nach Tiflis, studierte und arbeitete als Redakteur für Zeitungen und Zeitschriften. In das kleine Städtchen Tianeti zieht es ihn bis heute, es ist der Dreh- und Angelpunkt seines Schreibens. Nicht als bukolische Idylle, sondern als ein Raum der großen Dramen, die in den kleinen Dingen sich materialisieren.

Diese stießen allerdings der sowjetischen Zensur auf. Kharanaulis erster Gedichtband ging noch wenig beachtet durch, schon der zweite konnte 1971 nur als Tarndruck erscheinen. »Die behinderte Puppe«, das ironisch gewürzte Lamento eines 40-Jährigen über die Zumutung eines verbrauchten Lebens, verströmte zu viel klugen Pessimismus, zu viel lebenspralle Körperlichkeit, um es auf den zukunftsfrohen, hygienisch gestählten Sowjetmenschen loszulassen. In den russischsprachigen Literaturzeitschriften und Journalen tauchte sein Name nicht auf. Die georgischen Dichter und Leser aller Generationen aber lagen und liegen ihm zu Füßen - seit »The Lame Doll« ins Englische übersetzt wurde, spricht man von ihm als einem neuen Walt Whitman, sein Werk gilt als bahnbrechend in der Vers-libre-Dichtung.

Kharanauli ist ein ausgewiesener Kenner der reichen georgischen Literaturtradition, und nicht nur dieser. Aus diesem souveränen Wissen heraus leistet er es sich, mit den Traditionen zu brechen und freigeistig in seinen Formen zu dichten, in seiner Sprache seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Er muss sich nichts beweisen und schon gar keinem anderen. Er sinnt und assoziiert, kommentiert, und alles fügt sich zu einem Ganzen, das nicht so bald aus dem Kopf gehen will.

Dabei ist er kein entrückter Zeitgenosse. Er verfolgt aufmerksam das politische Geschehen in seinem Land, dessen demokratische Entwicklung durch die orthodoxe Kirche, Oligarchen und deren nationalistische Handlanger heftig attackiert wird. Er meldet sich zu Wort, und junge Aktivisten teilen seine Gedichte auf Facebook. Was ihn antreibt, lässt sich gut dem Filmessay entnehmen, den die österreichische Übersetzerin Julia Dengg gemacht hat, und der auf Youtube zu finden ist.

Sein jüngst ins Deutsche übersetzte »Buch des Amba Besarion«, 2003 verfasst, treibt ein Glasperlenspiel mit dem Leser. »Der Unernst, der die Sinne des Menschen weitet / als Gegenspiel zur Schwere der Welt … / Der Unernst, der den Menschen vom Ernst befreit, / als Gegenspiel zur Schwere des Lebens … / Schlimm aber ist, dass den Menschen trotz allem / oft ernste Gedanken überkommen, / über deren Ursprung und Wesen / er nichts Ernstes weiß.« In dieser Vorrede versteckt sich schon das Credo des Autors - trage dein Nichtwissen mit Fassung, spiele, denn das Spiel macht dich zum Menschen.

Das Spiel beginnt, indem zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein seltsamer Mensch in einem zu großen Militärmantel im Dorf auftaucht. Er ist ein Amba, ein Klostervorsteher. Das Kloster hat er verlassen, weil er eine Schuld auf sich genommen hat. Seither zieht er durch die Welt, spricht mit dem Wind und den Bäumen und schlägt mit seinem Wanderstock den Boden. Die Dörfler fürchten ihn, halb machen sie sich lustig über den Mönch. Ein kleiner Besik nähert sich dem Alten, ist fasziniert und will ihn zum Freund gewinnen. Sie tragen ja denselben Namen Besik - Besarion.

Aber der Alte ist nicht fassbar. So spielt der Junge den Mönch nach, zieht mit Stock, angeklebtem Bart und dem alten Mantel seiner Mutter los, spricht seltsame Worte in den Wind. Doch das Spiel macht müde und einsam. Man sollte als Kind kein Narr sein, der rätselhafte Worte spricht.

Im Wechsel von Prosa, Kurz- und Langvers und Sentenz erscheint eine dritte Sprecherstimme, die des erwachsenen Autors, der die Geschichte des Kindes weiterspinnt. Die drei Stimmen gehen ineinander, ohne dass auf den ersten Blick auszumachen ist, wer gerade spricht. Erzählt wird auch das geschichtliche Werden in Miniaturen. Der verbitterte arbeitslose Geologe auf seinem Balkon, der Jugendfreund, der ein kalter Raffke nach dem Vorbild der Neuen Russen geworden ist, der Trinker, eine Schlägerei unter Stadtstreichern um eine Supermarktpackung verdorbener Eier.

Oder auch vom Bauern, der Tonscherben, die Überbleibsel einer ruhmreichen Vergangenheit - wie sie beschworen wird - ausgräbt und sie in seiner Truhe hortet, weil jeder schon abwinkt. Es gibt schon zu viel Vergangenheit. Die Mutter, die den etwas seltsamen Jungen allein aufzieht. Menschen, denen gegeben und genommen wird, die sich närrisch und vernünftig zugleich verhalten, je nach Blickwinkel.

Im Glasperlenspiel des Magisters Ludi Josef Knecht ist bei Hermann Hesse das ewige An- und Umordnen des Immergleichen eine Drohung universeller Endlichkeit. Das Spiel wird Selbstzweck, leerer Zeitvertreib. Besik Kharanauli ist das Spiel ein Mittel der Menschwerdung, die keinen historischen Festzustand kennt und immer wieder aufs Neue durchlaufen werden muss.

»Eine Rose ist eine Rose / Weil sie nichts anderes spielen kann. / Ein Mensch aber ist tausend Rosen.« Alle Positionen und Karrieren sind nur auf Zeit, und jede menschliche Hybris wird der Tod beenden. Der Dichter nimmt es gelassen: »Will nicht aufsteigen und herausragen, nicht reich sein und besitzen … / wie ein Kind bin ich widerspenstig und weine / wie ein Kind beglücken mich die Lügen … / Und auch meine Sünden sind nichts / als das ausschweifende Spiel eines Kindes …«

Besik Kharanauli: Das Buch des Amba Besarion. A. d. Georg. v. Julia Dengg. Dağyeli, 192 S., geb., 20 €.

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