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Politisch umkämpftes Feld

Henning Süssner Rubin über Kvarnby als besondere Schule für Menschen zwischen Malmö und Jokkmokk sowie neoliberale Angriffe auf die Bildung

  • Von Peter Steiniger
  • Lesedauer: 8 Min.
Bildungspolitik in Schweden: Politisch umkämpftes Feld

Seit Jahren ist Schwedens Linkspartei Vänsterpartiet nicht mehr Träger von Kvarnby Folkhögskola in Malmö. Inwiefern ist Kvarnby weiter eine linke Schule, und wie ist jetzt das Verhältnis zur Partei?

Wir nennen uns bewusst »Die Schule der Linken«. Bis 1997 war die Linkspartei alleinige Besitzerin von Kvarnby und einer Schwesterschule in Motala in Östergötland. Doch die Stiftung, über die das lief, ging in Konkurs. Einige Jahre lang wollte die Gesamtpartei dann nichts mehr von den Schulen wissen. Ihre Strukturen hier in Südschweden hingegen haben sich stark bei uns engagiert. Die Schule in Motala andererseits hat mittlerweile aufgrund einer anderen Eigentümerstruktur den Anschluss an die linke Bewegung weitgehend verloren.

Das macht Kvarnby für Schweden mittlerweile einzigartig. Wem gehört diese Institution heute?

Die Schule gehört einer Genossenschaft mit derzeit 178 Anteilsbesitzern. Davon entfallen zurzeit 38 Anteile auf Organisationen, der Rest auf Privatpersonen. Hauptsächlich, aber nicht nur, sind Strukturen der Linkspartei aus mehreren Distrikten, Landesverbände würde man in Deutschland sagen, und des Jugendverbandes Ung Vänster an Kvarnby beteiligt. Zu den Trägern gehören aber auch andere, kleinere Linksparteien, die syndikalistische Gewerkschaft SAC und ihr Jugendverband, Solidaritäts- und Umweltorganisationen.

Nach welchen Prinzipien und Regeln richtet sich Ihre Arbeit?

Wir haben ein Statut, in der die Schule als Vereinszweck bestimmt ist und dass diese der Allgemeinbildung dient. In der Präambel ist festgeschrieben, dass wir uns auf dem Boden der Verfassung bewegen und einen Demokratieauftrag wahrnehmen. Außerdem ist dort festgelegt, welche Art von Kursen wir in erster Linie anbieten wollen. Unser wichtigster Auftrag ist, es Leuten zu ermöglichen, das Abitur nachzuholen. Darüber hinaus arbeiten wir auf der Basis eines von unserem Vorstand beschlossenen Zieldokuments, eine Art von Fünfjahresplan. Darin sind unsere Vorhaben konkretisiert. Dazu gehören kulturell-ästhetische Projekte wie die Comic-Schule und die Autorenschule, die linke Profilierung der Schule und die Zusammenarbeit mit Bewegungen. Wir sind ja gewissermaßen eine bewegungslinke Schule.

Wie finanziert sich das Projekt?

Die Arbeit der Schule als Einrichtung der Volksbildung wird hauptsächlich öffentlich finanziert. Dabei umfasst der Begriff in Schweden zum einen das, was auch deutsche Volkshochschulen mit ihren Kursen machen, darüber hinaus kann man hier berufliche Abschlüsse machen und auch politische Bildung gehört dazu. Letzteres tun wir aus einem linken Blickwinkel. Andere Einrichtungen sind zum Beispiel kirchlich oder gewerkschaftlich orientiert. Wir erhalten staatliche Mittel für die Fortbildungen und Geld aus kommunalen Töpfen als Träger von Schwedisch-Sprachkursen für migrierte Menschen.

Diese Kurse sind eine Säule der schwedischen Integrationspolitik ...

Dieses SFI, Schwedisch für Einwanderer, ist ja in Schweden seit den 1970er Jahren betrieben worden, von linken und rechten Regierungen. Seit 2011 dürfen die Volkshochschulen diese Kurse anbieten, ohne erst den Auftrag einer Kommune wie Malmö erhalten zu haben. Wir rekrutieren Teilnehmer, die Stadt muss dafür bezahlen. Das war eine Reform der letzten konservativen Regierung. Das hat damit zu tun, dass sie eher neoliberal drauf war und das Monopol der Kommunen auf diese SFI-Kurse brechen wollte, indem man die Volkshochschulen benutzt hat. Wir sind ja, streng gesehen, private Akteure. Nicht kommerziell, aber privat. Und der Plan war wahrscheinlich, das System noch weiter aufzubrechen. Doch dann kam eine andere Regierung, und das Ganze verlief wieder im Sand.

Und die bei Ihnen Lernenden erhalten eine Art BAföG?

Genau, auf Schwedisch heißt das CSN, der größte Teil davon fließt als Darlehen. Ab dem 18. Lebensjahr hat man, unabhängig vom Einkommen der Eltern, darauf Anspruch. Nicht nur für den Erwerb von Berufs- oder Hochschulabschlüssen, sondern auch für vieles andere, zum Beispiel unsere zweijährige Ausbildung in Vollzeit zum Comiczeichner. Und wer am Fernunterricht teilnimmt, der in Teilzeit stattfindet, erhält entsprechend 25 oder 50 Prozent, aber auch das wird gefördert.

Ist das Lernen bei Kvarnby auch Studierenden aus anderen Landesteilen möglich?

Absolut. Wenn sich etwa jemand aus Jokkmokk in Nordschweden bei uns einschreibt, dann muss die Provinz Norrbotten einen Beitrag an uns entrichten, solange dieser Mensch dort gemeldet ist.

Welche Abschlüsse kann man in Kvarnby machen - und was lässt sich damit anfangen?

Außer dem Abitur, das man hier nachholen kann, gibt es die Möglichkeit, sich für Pflegeberufe zu qualifizieren, wobei der Abschluss zunächst eher informell ist. Das Zertifikat dafür muss noch durch den Behördenweg. Diese Kurse haben wir ja erst letztes Jahr gestartet. Und warum haben wir das gemacht? Der Grund dafür war Corona. Es gibt deshalb extra Mittel vom Staat. Die Regierung hat eingeschätzt, dass Corona Jobs kostet. Daher erhalten die Volkshochschulen jetzt Geld für neue Kurse, damit Menschen statt in die Arbeitslosigkeit in eine Berufsausbildung gehen. Was daraus wird, werden wir sehen.

Wo sehen Sie als Deutscher, der schon lange hier lebt, die Vorteile des schwedischen Modells der Volkshochschule?

Insbesondere darin, dass es neben dem Recht, einen Schulabschluss nachzuholen oder eine Ausbildung zu machen, dafür auch ausreichende staatliche Finanzierung und Studienbeihilfen gibt. Das betrifft nicht nur die 154 Volkshochschulen, sondern vor allem die kommunale Erwachsenenbildung Komvux, deren Kurse von jeder Gemeinde angeboten werden. Komvux hat eine größere Bedeutung im Ausbildungssystem, wir Volkshochschulen sind ausdrücklich als freiere Alternative dazu gedacht.

Wie schlägt sich Ihr politischer Anspruch im Programm der Schule nieder?

Wir bieten Onlinekurse zur politischen Bildung an, meist über ein Semester. Im Angebot haben wir derzeit unter anderem »Errungenschaften und Herausforderungen der Kubanischen Revolution« oder auch einen Einführungskurs in den Marxismus, der von Leuten in Göteborg mitveranstaltet wird. Unser Partner dort heißt Zentrum für marxistische Gesellschaftsstudien, CMS. Wir bilden auch Parlamentarierinnen und und Parlamentarier von Vänsterpartiet fort und geben Referenten von kleineren linken Parteien Hilfestellung bei der Didaktik. Außerdem wird Kvarnby besonders vom Linkspartei-Jugendverband für eigene Vorlesungen genutzt. Für unsere Träger sind jedoch kurze Studienveranstaltungen in der Regie des bereits seit 1912 bestehenden Bildungsverband der Arbeiter (ABF) wichtiger als unsere langen Kurse. ABF ist einer von zwölf Bildungsverbänden in Schweden. Die Bildungsverbände hierzulande machen das, was in Deutschland die Träger der politischen Bildung betreiben und werden von Staat und Kommune finanziert. Traditionell ist der ABF sozialdemokratisch dominiert, hat aber auch Mitglieder, die weiter links stehen.

Welche Rolle spielt Kvarnby für Malmös linke Szene?

Die Antifa und andere Gruppen, mit denen ABF nicht so gern zu tun hat, können sich bei uns treffen und ihre Versammlungen abhalten. Auch die Träger der Schule nutzen unsere Räumlichkeiten dafür gern. Sie sind natürlich sehr willkommen und auch, dass sie ihre Materialien hierlassen. Damit die Leute, die hier im Alltag an der Schule herumspringen - Studierende, Lehrkräfte und Angestellte - auch mitkriegen, wer sich am Abend hier tummelt und warum.

Wie steht es mit den Kooperationen über Schweden hinaus?

Bereits seit 2012 kooperieren wir mit der Universität in Cienfuegos und schicken schwedische Studenten zum Spanischlernen nach Kuba. In Kvarnby bereiten wir sie auf den Aufenthalt dort vor. Zustande gekommen ist diese Partnerschaft über den schwedisch-kubanischen Freundschaftsverein, einer unserer Träger. Zurzeit pausiert das Projekt wegen Covid, wir hoffen, dass das im Herbst des kommenden Jahres wieder anlaufen kann. Eine enge Verbindung pflegen wir zum finnischen Bildungsverband KSL, der dem Linksbund nahesteht. Nicht so sehr als Schule, sondern mehr über meine Person haben wir gelegentlich mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung zu tun. Dort wollen sie manchmal Sachen zu Schweden wissen. Konkret gibt es einen Austausch mit der VHS in Husum in Schleswig-Holstein. Unmittelbar vor Corona waren wir mit allen Angestellten in Husum, ein Gegenbesuch war geplant. Aber während uns die Pandemie wirtschaftlich keine Schwierigkeiten bereitet hat - im Gegenteil mehr Geld floss - hat die VHS Husum zu kämpfen gehabt. Viele Kurse mussten dort eingestellt werden, Honorarkräfte haben ihr Einkommen verloren und so weiter. Kvarnby hat auch davon profitiert, dass wir schon vor der Pandemie viel Erfahrung als Onlineschule hatten.

Die rechtsextremen Schwedendemokraten sind drittstärkste Kraft im Parlament, die Konservativen machen sie hoffähig. Was droht dem Bildungsbereich bei einem möglichen Regierungswechsel?

Die gesamte Branche, nicht nur wir im linken Spektrum, zittert mit Blick auf die Reichstagswahl im kommenden Jahr davor. Die derzeit regierenden Sozialdemokraten gehen traditionell großzügig mit der Volksbildung um. Die Schwedendemokraten stehen der Volksbildung an sich, noch dazu multikulturell ausgerichteter, sehr feindlich gegenüber. Wir mögen die nicht, die mögen uns nicht. Die Moderaten, also die große rechte Partei, betrachten Volksbildung und Kultur vor allem mit Gleichgültigkeit. In der Vergangenheit ging es ihnen auf diesen Feldern zuerst darum, Geld zu sparen. Diese beiden Attitüden in Kombination wären eine Katastrophe. Es könnte auch darauf hinauslaufen, dass wir als bisher im Großen und Ganzen nichtkommerzieller Bereich der Volksbildung der Konkurrenz des Marktes ausgesetzt werden. Das wäre natürlich ein Schlag.

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