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  • Kultur
  • Krankheit und Hoffnung

Die Welt von gestern

Hoffnung besteht da, wo man etwas zu verlieren hat: Der kulturbürgerliche norwegische Krebsfilm »Hope«

  • Von Stefan Gärtner
  • Lesedauer: 4 Min.
Wichtige Frage im Bürgertum: Wie lang weißt du schon, dass etwas nicht stimmt?
Wichtige Frage im Bürgertum: Wie lang weißt du schon, dass etwas nicht stimmt?

Hauptdarstellerin des Films ist diese bourgeoise Künstlerwohnung: sechs (oder mehr) Zimmer Altbau, ein Ensemble aus Stuck, Parkett, Kunst und Büchern, eine zeitgenössische, westliche Version des per Plattencover zugänglich gewordenen Ostberliner Wohnsitzes von Wolf Biermann in der Chausseestraße 131. Und wer, und sei’s am Rande, selbst zu dem Milieu gehört, aber die aktuellen Immobilienpreise kennt, dem wird der Filmtitel so ironisch vorkommen, wie er garantiert nicht gemeint ist.

Denn die Selbstverständlichkeit, mit der die Theaterregisseurin Anja (Andrea Bræin Hovig) samt Partner aus demselben Fach und drei Kindern diesen Intellektuellenpalast bewohnt, ist objektiv eine von gestern; und während also der Lungenkrebs der 43-Jährigen als Hirntumor zurückkehrt und alles wiederum ins Wanken bringt, sehen wir ihr zu, wie sie ein Leben zu retten versucht, das im abstrakten Verständnis auf jeden Fall zu Ende geht, weil die Leute, die ihre Wohnungen so einrichten, sie vermutlich auch in Oslo bald den Bullshitjobbern überlassen müssen. »Gebt endlich auf / es ist vorbei«, sangen Blumfeld mal, und es ist die Wohnung als Hauptbühne des Films, die ihm einen Reiz verschafft, den er ohne nicht hätte.

Der Krebsfilm ist nämlich so Genre, wie es der Alzheimerfilm ist: Diagnose, Tränen, wie sage ich es den Kindern? Dann »Gerichtstag halten über sich selbst« (Ibsen), denn es rückt in den Blick, was der Alltag verstellt hat: die Partnerschaft, von der man nicht mehr weiß, was sie taugt, der wortkarge, mit seiner Arbeit verheiratete Mann (hier verkörpert von dem überaus gesichtsbekannten schwedischen Schauspieler Stellan Skarsgård), die Erziehung der Kinder, die darum Frauensache geblieben ist, und dann kommt der Krebs und alles muss raus.

Soweit ist das alles völlig erwartbar, aber da Kunst ja ist, wenn es mehr als die Oberfläche gibt, lesen wir »Hope« gern als Allegorie auf die Endzeit des kommod Bürgerlichen und nehmen den Nebenklang der Sätze tief in uns hinein: »Ich hab das irgendwie schon geahnt.« - »Wie lange weißt du das schon, dass was nicht stimmt, und sagst nichts?« - »Die Kinder sollen etwas haben, woran sie glauben.« - »Uns geht’s so gut, wie wir’s verdient haben.«

Und wie Kafkas Jäger Gracchus nicht sterben kann, will es auch diese avancierte Bürgerin nicht, auch wenn ihr die Ärzte zunächst keine Hoffnung machen oder bloß eine, die sich auf die Ausnahme von der Regel beruft. Richten soll es dann der beste Hirnchirurg Norwegens, und analog richtet sich bürgerliche Hoffnung auf Erlösung durch Technik, durch Technik und Psychologie, ihrerseits ja eine Technik zur Gefühlsverwaltung. Für den Rest sorgen Liebe und Familie.

»Ich will ein Weihnachten wie sonst auch«, sagt Anja, die die Diagnose hart vor Heiligabend erhält, und dies vielleicht die bürgerliche Durchhalteformel schlechthin: Ich will, dass es so bleibt, und wenn ich drüber sterbe. Vielleicht nicht ohne Bedeutung, dass Andreas Dresens älteres Krebsdrama »Halt auf freier Strecke«, wo man nicht am Theater, sondern bei Post und Verkehrsbetrieben war, auf Hoffnung ganz verzichtete: Hier sah man schlicht den Tod, wie er im Häuschen am Stadtrand das kleine Leben fraß. Mitten in Oslo hat man mehr zu verlieren, und also besteht Hoffnung, und dass der Film vor Anjas Operation endet, bedeutet bloß, dass er weiß, wie sie ausgeht: »Hoffnung«, das hat man gleich zu Beginn per Einblendung erfahren, verhandelt die reale Krebsgeschichte der Autorin und Regisseurin.

So beglaubigt sich der Film nicht als Film, sondern als Dokument, und es ist nicht die Kunst, die hier hoffen lässt, sondern das Leben, genau jenes, von dem einmal angenommen worden ist, es lebe gar nicht. Dass es immer so weitergeht, wäre also nicht die Katastrophe der Immanenz, sondern ihr Triumph, falls das nicht aufs selbe hinausläuft. Denn auch in Norwegen werden sie Kafka im Regal haben: »Ich bin hier, mehr weiß ich nicht, mehr kann ich nicht tun. Mein Kahn ist ohne Steuer, er fährt mit dem Wind, der in den untersten Regionen des Todes bläst.«

»Hope«: Norwegen/Schweden 2019. Regie: Maria Sødahl. Mit: Andrea Bræin Hovig, Stellan Skarsgård. 125 Min. Start: 25. November.

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