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Treue und Verrat

»Der Kopflohn« - der erste Exilroman von Anna Seghers jetzt in der großen Werkausgabe, mit der es endlich weitergeht

  • Monika Melchert
  • Lesedauer: 4 Min.

Sie sitzt in Paris und denkt an Deutschland, an ihr geliebtes Heimatland, in dem die Nationalsozialisten jetzt bereits alles beherrschen. Anna Seghers musste im Frühjahr 1933 mit ihrer Familie - als Juden und Kommunisten doppelt gefährdet - ins Exil gehen. Doch alle Gedanken kreisen unablässig darum, was zu Hause geschieht.

Die Reichstagswahlen am 31. August 1932 hatten die NSDAP mit fast 40 Prozent zur stärksten Fraktion gemacht. In »Der Kopflohn. Roman aus einem deutschen Dorf im Spätsommer 1932« erzählt Seghers, wie die Politik der Nazis immer weiter um sich greifen kann - gespenstisch und unaufhaltsam, wie die Arme eines Kraken.

Johann Schulz wird beschuldigt, bei einer antifaschistischen Demonstration in Leipzig, Frühjahr 1932, einen Polizisten getötet zu haben. Er flieht aus der Stadt in ein rheinhessisches Dorf, wo entfernte Verwandte leben. Sein Steckbrief wird ausgehängt mit einer Belohnung von 500 Mark - nach den Jahren der großen Wirtschaftskrise eine beträchtliche Summe, die zum Verrat herausfordert.

Dieser Kopflohn ist gleichsam der Judaslohn, um den Jesus Christus für die legendären 30 Silberlinge verraten wurde. Wie werden sich die Menschen verhalten? Wer wird standhalten, wer wird der Versuchung nachgeben und ihn schließlich denunzieren? Dabei spielt es im Roman keine Rolle, ob wirklich Johann einen Polizisten erstochen hat oder ein anderer.

Die Entscheidungssituation, in die die Figuren gestellt sind, ist eine arge Bedrängnis. Das Gleichgewicht in der Welt scheint aus den Fugen. Anna Seghers erzählt in starken Handlungssträngen aus dem bäuerlichen Leben der Familien und zeigt, wie schwer es einigen von ihnen fällt, sich nicht verführen zu lassen, sondern einem moralischen Antrieb zu folgen.

Neben dem jungen Johann Schulz ist da der gleichaltrige Gärtner Kößlin, ebenso wie dieser von der langen Arbeitslosigkeit zermürbt. Der allerdings sieht in den Verheißungen der Nazis eine Chance, seinem Leben wieder eine Zukunft zu geben. Auch darin liegt der soziale Nährboden für den Aufstieg der NSDAP. Gerade die jungen Männer fühlen sich verlockt von den Uniformen, von Technik und Abenteuern, die ihnen mit dem Machtantritt der Nazis versprochen werden. So wird er zum Gegenspieler des Johann, beide setzen auf konträre Perspektiven. Die Verführungskraft der Nazis ist für Kößlin am Ende so groß, dass er zum Verräter des anderen wird.

Auch ein jüdischer Händler, der im Dorf lebt, könnte das ausgesetzte Geld gut gebrauchen. Aber in ihm rührt sich ein Widerwille vor dieser Art von Verrat, »heftiger als vor Mord oder Raub oder Lüge oder sonst einem Laster, uralter, dem unverfälschten Menschenherzen eingeglühter Widerwille, einen Verfolgten der Staatsgewalt auszuliefern«. Anders als im Roman »Das siebte Kreuz«, den Anna Seghers wenige Jahre danach in Paris schreibt und der ihren Weltruhm begründen wird, kommt die Hauptfigur in »Kopflohn« nicht davon. In beiden Romanen aber geht es um die zwei Pole Verrat oder Solidarität und wie sich der Einzelne bewähren kann in Situationen extremer Gefährdung.

Eine tief berührende Frage im Roman ist der Umgang mit den Frauen im Alltag des bäuerlichen Daseins. Hier zeigt sich der Zustand von Verrohung oder Menschlichkeit am deutlichsten. Anhand tragischer Frauenschicksale schildert die Autorin brutale Ausbeutungsverhältnisse, wie sich die Schwachen an den Schwächsten auslassen. Eine dieser Frauen ist Susann Schüchlin, die - von ihrem Mann bis aufs Blut geschunden - in ihrem Freitod im Wasser den einzigen Ausweg sieht: »Um hier zu sterben, brauchte sie nur ein wenig Geduld, und das war es nicht, was ihr fehlte.«

Mit knappen Worten von großer Eindringlichkeit kann Seghers den Schleier vor den archaischen Geschlechterverhältnissen wegziehen, in denen die Frau als Arbeitstier missbraucht wird. »Der aufsteigende Nationalsozialismus trifft auf bereits etablierte Verhältnisse von Gewalt, Konkurrenz und Ausgrenzung«, schreiben die Herausgeber, »und genau das ist die Bedingung seines Erfolges - in dem fiktiven Dorf Oberweilerbach wie im ganzen Land.«

Nach Jahren des Stillstands setzt der Aufbau-Verlag mit der Edition von »Kopflohn« nun endlich die im Jahr 2000 begonnene große kommentierte Werkausgabe von Anna Seghers fort. 1933 erschien der Roman zuerst im Exilverlag Querido in Amsterdam. Nun stellen die Bandbearbeiter Ute Brandes und Carsten Jakobi ihn in zuverlässiger Textfassung nach der Erstausgabe vor, ergänzt mit einem vorzüglichen Kommentar und einem informativen Anmerkungsapparat, der den Roman in seine historischen Entstehungsbedingungen einordnet.

Anna Seghers: Der Kopflohn. Ein Roman aus einem deutschen Dorf im Spätsommer 1932. Aufbau, 233 S., geb., Ganzleinen, 34 €.

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