Müll wird zu Kunst - und Kreislaufwirtschaft erprobt

Im Haus der Materialisierung verwerten, reparieren und transformieren Pionierprojekte alle Arten von Material

  • Von Louisa Theresa Braun
  • Lesedauer: 6 Min.
All diese Möbel haben Andrew Plucinsky, Erik Göngrich und Nora Wilhelm (v. l.) von der Mitkunstzentrale aus bereits vorhandenem Mobiliar neu zusammengebaut.
All diese Möbel haben Andrew Plucinsky, Erik Göngrich und Nora Wilhelm (v. l.) von der Mitkunstzentrale aus bereits vorhandenem Mobiliar neu zusammengebaut.

Wer das Haus der Materialisierung im Haus der Statistik am Alexanderplatz betritt, findet sich in einem kleinen Labyrinth wieder. In den Räumen des ehemaligen Stasi-Unterlagen-Archivs hinter der riesigen Plattenbau-Ruine an der Otto-Braun-Straße stapeln sich alte Schränke, Möbelteile, Leitern und Abschnitte von Platten. Farbige Markierungen an den Wänden weisen den Weg zu Holz-, Textil- oder Fahrradwerkstatt. Gerade hat die »Material Mafia« eine neue Lieferung bekommen, Helfer*innen schieben Einkaufswagen mit Kisten und langen Balken durch die schmalen Gänge.

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Eigentlich wären all diese Gegenstände weggeworfen worden. Die Pionierprojekte »Material Mafia« und »Kunst-Stoffe« retten Reststoffe aus der Industrie, von Messen, Ausstellungen oder Privatpersonen, Handarbeitsmaterial aus Stoffläden oder alte Ordner, die der Digitalisierung zum Opfer fallen, und verkaufen sie weiter. An Menschen, die sie weiterverwenden oder etwas Neues daraus erschaffen wollen wie die Künstlerin Upsi. »Ich arbeite mit Kunststoffen, zum Beispiel Tüten aus dem Materiallager oder einer Kaffeerösterei, um sie aus dem Müllprozess herauszuholen«, erklärt sie. Die Tüten zieht sie durch einen großen Webrahmen und macht bunte Wandteppiche daraus. Im Eingangsbereich des Hauses präsentiert Upsi ihre Webereien in der Ausstellung »Transformationsstation« und leitet in Workshops dazu an, vermeintlichen Müll zu Kunst zu verweben.

Ziel des Hauses der Materialisierung ist die Erprobung einer Kreislaufwirtschaft, also die längstmögliche Nutzung von Produkten sowie Abfallvermeidung durch Reparatur und Wiederverwertung. Wenn Klima und Umwelt langfristig nicht weiter belastet werden sollen, »können wir nicht immer alles wegwerfen und neu kaufen«, erklärt Jaana Prüss, Sprecherin des Hauses der Statistik und der Genossenschaft Zusammenkunft, die zusammen mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, dem Bezirksamt Mitte, der Berliner Immobilienmanagement GmbH und der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte die Koop5 bildet. Diese entwickelt auf dem Gelände der ehemaligen Zentralverwaltung für Statistik der DDR ein neues Quartier für bezahlbaren Wohnraum, Verwaltung, Kultur und Soziales.

Während der Planungs- und Bauphase werden einige der ein Jahrzehnt bis zum Jahr 2018 leer stehenden Gebäude, darunter das Haus der Materialisierung, von den sogenannten Pionieren belebt. Das sind Projekte, die nachhaltige, kulturelle oder soziale Nutzungen erproben, und auch nach dem Um- und Neubau Räume in dem zukünftigen Quartier bekommen sollen. Das Pionierprojekt »Kunst-Stoffe« von Corinna Vosse wird seit Juni auch als Re-Use-Zentrum für klimaschonende Ressourcennutzung von der Senatsumweltverwaltung gefördert.

Am anderen Ende des Material-Labyrinths, in der Holzwerkstatt, bearbeiten Nora Wilhelm von der Mitkunstzentrale und Mo vom Verein Baufachfrau ein Regal, das sie aus einer Hotelauflösung geschenkt bekommen haben. »Wir wollen die künstlerische Produktion nachhaltig machen, indem wir mit gesammeltem Material arbeiten und zum Beispiel eine radikal neue Funktion dafür finden«, sagt Wilhelm. So haben die Mitkünstler*innen einen »alten, hässlichen« Schrank zu einer mobilen Küchenzeile mit Gasherd und Spüle umgebaut - einer von vielen möglichen Zuständen des Materials, sagt Nora Wilhelm, die Produktdesign in Kassel studiert. Sie interessiert sich für die »Geschichte hinter dem Material« und findet, dass »eine andere Beziehung zwischen Mensch und Material« notwendig ist.

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»Statt ›Was will ich und was brauche ich dafür?‹ sollten wir uns fragen: ›Was habe ich und was kann ich daraus machen?‹«, ergänzt Mo. Die Baufachfrau bietet Workshops an, in denen Tischlereireste verarbeitet werden. Dass diese noch zu einigem gut sein können, beweisen die kleinen Hocker und Stühlchen, die in einem Regal stehen. Außerdem können Gäste in die Holzwerkstatt kommen, um Werkzeuge zu benutzen und unter Anleitung Dinge zu reparieren, neu oder umzubauen - das sei auch eine Form von Selbstermächtigung, findet Mo.

Ähnlich funktioniert die offene Textilwerkstatt gleich nebenan, in der Kleidungsstücke zum Beispiel mit Hilfe einer Industrienäh- oder einer Knopflochmaschine repariert oder umgenäht werden können. »Die meisten Leute kommen mit dem Anspruch, etwas Neues zu machen, also ihre Sachen nicht nur zu retten, sondern aufzuwerten«, sagt Lena Höpfner, Schneiderin in der Werkstatt. Sie selbst hat gerade eine alte Bluse zerschnitten und probiert aus, wie sie diese anders wieder zusammennähen kann.

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Das »Upcycling« privater Gegenstände könne das Müllproblem jedoch nicht lösen, stellt Simone Kellerhoff von der »Material Mafia« klar. »Wir brauchen nicht noch mehr Taschen«, sagt sie. Viel wichtiger für eine Kreislaufwirtschaft sei, Abfälle aus der Industrie auch in diese zurückzuführen. Wie das funktionieren kann, erforscht sie gemeinsam mit der Technischen Universität Berlin, zurzeit zum Beispiel an Gummimatten, die in der Druckindustrie verwendet werden. »Die sind aus Kautschuk - also ein sehr hochwertiges Material. Normalerweise werden die einfach weggeschmissen.« Aber nicht bei ihr.

Kellerhoff schiebt ein paar Schränke und Stühle zur Seite und präsentiert eine Stelle auf dem Fußboden, die mit ebenjenen grünen Gummimatten belegt ist. »Wir analysieren gerade, ob sich das als Fußbodenbelag eignet, statt Linoleum zum Beispiel, wofür sehr viel Energie aufgewendet wird.« Dann werde geprüft, ob die Idee wirtschaftlich sei und zum Beispiel an ein Start-up vermittelt werden könne. Kellerhoff möchte lobbyistisch wirken und bietet auch Design-Workshops für Unternehmen an. Eines ist ihr jedoch wichtig: Die Firmen oder Privatpersonen, die der »Material Mafia« ihre Reststoffe bringen, »sollen sich nicht als Spender sehen. Wir nehmen deren Müll. Dafür müssen wir nicht dankbar sein.«

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Eine flächendeckende Kreislaufwirtschaft ist laut einer von Fridays for Future in Auftrag gegebenen Studie des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie eine wichtige Voraussetzung für die Klimaneutralität Deutschlands bis 2035. So unterstützt auch die zukünftige rot-grün-rote Regierung laut ihrem Koalitionsvertrag »die Transformation der Wirtschaft in eine geschlossene Kreislaufwirtschaft«. Im Haus der Materialisierung wird daran im Kleinen bereits gearbeitet und geforscht. Für die Künstlerin Upsi ist es ein Ort, aus dem »viel Inspiration und Energie« hervorgeht.

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