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Die Mark und ihre Poeten

Eine Ausstellung und ein Begleitbuch führen in die Schreibwelten Günter de Bruyns

  • Von Klaus Bellin
  • Lesedauer: 6 Min.

Eine »derartig verwahrloste Wirtschaft« hatte der Bürgermeister in seinem Leben noch nicht gesehen. Das Haus im Grunde abrissreif, kein Wasser-, kein Strom- und auch kein Straßenanschluss, ein hoffnungsloser Fall. Er wäre ja froh, die »Bude« loszuwerden, schrieb der Bürgermeister, denn zu seiner Überraschung gab es einen Interessenten, und er hoffte sehr, dass der nicht abspringt. Der Interessent hieß Günter de Bruyn. Der wohnte mitten in Berlin unter nicht gerade komfortablen Umständen und hatte bei seinen Streifzügen im Landkreis Beeskow-Storkow die ehemalige, inzwischen verlassene Blabberschäferei entdeckt, ein Bauernhaus mitten in der Wildnis, vom nächsten Anwesen ein ganzes Stück entfernt, für ihn der ideale Ort, um abseits allen Trubels leben und arbeiten zu können.

Er beschloss, sich »diese Ruine im sumpfigen Tal aufzuladen«. Am 22. Juni 1968 kaufte er sie. Er bezahlte 1600 Mark, weniger, als damals ein Farbfernseher kostete. Anderthalb Jahre später, als das Haus, dieser »realisierte Kindertraum vom Robinsondasein«, wieder ein Dach hatte, blieb er zum ersten Mal die ganze Nacht. Und lebte dort nach umfangreichen Sanierungsarbeiten (für Strom sorgte noch gute fünfzehn Jahre lang ein Generator) bis zu seinem Tod am 4. Oktober 2020.

Unterdessen kümmert sich neben der Günter-de-Bruyn-Stiftung ein im Sommer 2020 gegründeter Freundeskreis darum, dass die Wohn- und Arbeitsstätte erhalten und gepflegt wird, um sie eines Tages auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Hier, bei Görsdorf, entstand der größte Teil eines Werks, das fest im Brandenburgischen wurzelt und sich immer wieder mit Ereignissen und Gestalten, vor allem den Poeten dieser Region beschäftigt. Das erste Buch de Bruyns, 1960 veröffentlicht, hieß »Hochzeit in Welzow« und erzählte die Geschichte eines Kriegsheimkehrers, der in einem märkischen Nest in allerlei Verwicklungen gerät; das letzte, postum erschienen, eine Neuerzählung der »Undine«, galt noch einmal dem Vielschreiber Fouqué und seiner berühmtesten Novelle. Dazwischen Erzählungen und Romane, darunter »Märkische Forschungen«, »Neue Herrlichkeit« und »Der neunzigste Geburtstag«, die Bände des »Märkischen Dichtergartens« mit den Texten bekannter und verschollener Autoren, Bücher über die Finckensteins, über Preußens Luise und die Liebeserklärungen »Mein Brandenburg« und »Abseits«. Kein anderer Schriftsteller von Rang hat sich seit Fontane märkischer Landschaft, Geschichte und Literatur so systematisch, kundig und leidenschaftlich gewidmet wie er, und kein anderer hat dabei erzählend auch so viel Unbekanntes ans Licht gebracht.

Seit dem Frühjahr kann man de Bruyns Schreibwelt, vorgestellt vom Kleist-Museum in Frankfurt/Oder, in einer materialreichen, von Christiane Barz kuratierten Ausstellung besichtigen, die augenblicklich (und noch bis zum 9. Januar 2022) im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte gastiert und im Laufe der Monate durch neue Stücke noch ergänzt worden ist. Der Quintus-Verlag hat die sehenswerte Schau inzwischen in einem großartigen Begleitband dokumentiert, der den vielen Fotos und Faksimiles mehrere Aufsätze zur Seite stellt, die sich dem Werk de Bruyns widmen. Entstanden ist ein attraktives Bilder- und Lesebuch, das zum ersten Mal die vor fremden Blicken streng geschützte Welt des Schriftstellers zeigt.

Günter de Bruyn ist ja in all den Jahren so gut wie unsichtbar geblieben. Keine Spur von Eitelkeit, keine Fernsehauftritte, kaum Interviews. »Etwas Mönchisches«, schreibt Roland Berbig in seinem Aufsatz, »schwebt leise über den märkischen Feldern und Oderwiesen«. Schon seit den fünfziger Jahren fuhr er durchs Land, unternahm Ausflüge nach Nennhausen, wo Fouqué lebte und schrieb, nach Alt-Madlitz zu den Finckensteins, nach Neuruppin zu Fontane, ins Oder-Dorf Letschin, wo Fontanes Vater seine Apotheke führte, nach Kunersdorf, wo Chamisso 1813 seinen Schlemihl erfand, nach Prötzel, Bad Freienwalde, Hohenfinow oder Friedersdorf, zu Kirchen, Gräbern, Gutshäusern und Dichterstätten, die Fotokamera immer dabei. In Schrift und Bild hat er alles festgehalten: Denkmäler, Bauten, Orte und Personen, all die Eindrücke, Auskünfte und Erfahrungen von unterwegs. Einige dieser Zeugnisse aus dem Privatarchiv, Handschriften, Typoskripte, Protokolle, Tagebuchausschnitte, Briefe, Kirchenbucheinträge, die als Arbeitsgrundlage dienten, haben die Herausgeber in ihrem Buch ausgebreitet.

Wo andere meist nichts Nennenswertes sehen und finden, hat Günter de Bruyn mit kundigem Blick Unbekanntes zu Tage gefördert, Verborgenes und Übersehenes, etwa in Kossenblatt, einem Schloss beinahe vor der Haustür. Er kannte es schon, als er seine Touren noch im Paddelboot unternahm. Fontane war im Mai 1862 dort. Er sprach von einem »imposanten Nichts«, zog schnell weiter und war nach fünf Seiten in den »Wanderungen« mit dem Ort schon fertig. Günter de Bruyn machte es nicht so kurz. Er schrieb über Kossenblatt ein ganzes Buch, eine lange, mit Details üppig gefüllte Geschichtserzählung, ein spannendes Kapitel verschütteter Historie. Er hörte sich um, sichtete alte Papiere, Kirchenbücher und Dokumente und fügte, was er gefunden hatte, zu einer Chronik, in der es zuweilen drunter und drüber geht.

In den alten Adelsfamilien gab es Streit und Intrigen, üble Nachrede, Untreue und Ehebruch, später tauchte ein Berliner Schriftsteller namens Brachvogel auf, ein Vielschreiber, der sich im Gedächtnis der Nachgeborenen nur gehalten hat, weil er einen (mit Gustav Gründgens verfilmten) Roman schrieb, der um seinen Titelhelden Friedemann Bach lauter erfundene Figuren scharte und gleich noch Teile der preußischen Geschichte referierte. Und auch am Ende, wenn de Bruyn das Kossenblatt unserer Tage erreicht, wird’s nicht beschaulicher. Erst mietete 1991 ein Berliner Unternehmer das Schloss (dessen Firma aber bankrott machte), es gab einen Haufen Erwartungen und Versprechen, großspurig in die Welt gesetzt von der Kossenblatt GmbH, dem neuen Eigentümer, doch erfüllt haben sie sich alle nicht.

Noch nie ist dieser Spurensucher Günter de Bruyn, der sich mit Vorliebe auf den Nebenschauplätzen brandenburgischer Geschichte und Literaturhistorie bewegte, so breit und anschaulich gewürdigt worden wie in diesem Band. Seit einst im ostdeutschen Buchverlag Der Morgen der »Märkische Dichtergarten« geboren wurde, gepflegt von ihm und Gerhard Wolf, hat er sein Faible für die weniger Bedeutenden, wenig Bekannten, die achtlos in die Ecke geschobenen Poeten, die höchstens noch im Lexikon vorkommen, in verdienstvollen Editionen und Büchern weitergereicht. Fouqué, Ludwig von der Marwitz (mit seinen wunderbaren »Nachrichten aus meinem Leben«), Zacharias Werner, Schmidt von Werneuchen oder Moritz Heimann kennen wir nur durch ihn, und schließlich hat er uns auch noch, nicht zu vergessen, in den umfangreichen Bänden »Als Poesie gut« und »Die Zeit der schweren Not« eine hinreißende Porträtgalerie der Berliner Romantiker geschenkt.

Günter de Bruyn ist vielfach geehrt worden: mit Thomas-Mann- und Fontane-Preis, dem Großen Bundesverdienstkreuz oder dem Verdienstorden des Landes Brandenburg. Die letzte Auszeichnung war ihm die liebste: 2019 wurde er Ehrenbürger des Landkreises Oder-Spree. Es war die einzige Urkunde, die er in seinem Haus an die Wand hängte.

Christiane Barz/Wolfgang de Bruyn/Hannah Lotte Lund (Hg.): Günter de Bruyn - Schreibwelten. Zwischen märkischer Kulturgeschichte und deutscher Gegenwart, Quintus-Verlag, 232 S., br., 28 €. Ausstellung bis zum 9. Januar im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte, Am Neuen Markt 9.

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