Real ist immer noch die Unvernunft

Die Umwelt ist zu wichtig, um sie dem einen Prozent Superreicher zu überlassen, mahnt Milo Probst

  • Von Alexander Amberger
  • Lesedauer: 5 Min.

Der Klimawandel ist seit einiger Zeit endlich auch im linken Lager angekommen. Die jüngst hochgekochte Diskussion um die personelle Besetzung des Themenfeldes in der Linksfraktion ist ein gutes Beispiel dafür. Was nützen soziale und emanzipatorische Kämpfe, wenn der Planet in absehbarer Zeit nicht mehr bewohnbar sein wird? Die soziale Frage kann man folglich nicht ohne die ökologische lösen. Umgekehrt gilt das Gleiche, denn eine ökologische Politik gegen die Lebenswirklichkeit der Ausgebeuteten, Lohnabhängigen und Unterdrückten wird keinen Erfolg haben.

Das untermauert das jüngst erschienene Buch des Schweizer Klimaaktivisten und Historikers Milo Probst. Unter Umweltschutz der 99 Prozent versteht er eine globale Kooperation von verschiedensten antikapitalistischen Akteuren im Interesse allen organischen Lebens. Umweltzerstörung sieht er nicht als Folge menschlicher Triebe oder eines vermeintlichen »Anthropozäns«, wie das aktuelle Zeitalter gern genannt wird, in dem »der Mensch« die Natur unterworfen, geformt und zerstört habe. Diese liberale Lesart negiert jedoch soziale Unterschiede und nivelliert die Schuld auf ein Einheitslevel. Die Hauptschuld liegt bei den Reichen, Mächtigen, Großkonzernen und deren Regierungen. An diese zu appellieren, wie es etwa Fridays for Future tun, »setze immer voraus, dass wir in einer vernünftigen Welt leben«. Real sei jedoch die Unvernunft, so Probst.

Das reichste Prozent der Weltbevölkerung entzieht sich jeder Verantwortung für diesen Planeten. Mit seinem dekadenten Lebensstil auf der einen Seite, von der Garage voller Luxuslimousinen über den Privatjet bis zu Flügen ins All, und seiner Rolle als Subjekt des Kapitals richtet dieses eine Prozent weitaus mehr Schaden an als der Rest der Weltbevölkerung. Trotz aller Warnungen und Klimaziele macht jenes eine Prozent weiter, als gäbe es unendlich viele Ressourcen, keinen Klimawandel und im schlimmsten Fall für alles eine technische und somit vermarktbare Lösung. Der globale Handel prosperiert, Flughäfen, Kraftwerke, Straßen und Pipelines werden weiterhin gebaut - ein klares Indiz dafür, dass es immer so weitergehen soll. Auch wenn dies offensichtlich irrational ist. Das Kapital ist weder gewillt noch in der Lage, das 1,5-Grad-Ziel umzusetzen. »Der Umweltschutz der 99 % setzt somit den Bruch mit den kapitalistischen Verhältnissen als Grundbedingung für ein nachhaltiges Leben voraus.«

Probst lobt Marx für dessen nach wie vor aktuelle Analyse des Kapitalismus. Die ursprüngliche Akkumulation trennte die Menschen von ihrer natürlichen Umgebung. Es entstand der entfremdete Lohnarbeiter, unentgeltlich am Laufen gehalten durch die Sorgearbeit seiner Ehefrau. »Dadurch, dass der Kapitalismus gewisse Formen der Arbeit als ›Natur‹ codiert, kann er frei über diese verfügen.« Das meint Rohstoffe, Frauen, Sklaven, Indigene und vieles mehr.

Es genüge allerdings nicht, bei der Analyse des Kapitalismus stehen zu bleiben. Ebenso bedürfe es Utopien, Wünschen und einer entsprechenden Programmatik. Deshalb widmet sich der Autor Spuren linker Geschichte auf der Suche nach Ansätzen, Ideen und Potenzialen für heute. »So soll dieses Buch viel eher überraschen, den Sinn für noch uneingelöste Versprechen und Hoffnungen schärfen, als vorgefertigte politische und strategische Antworten zu geben. Es soll keine abgeschlossene und kohärente Theorie, kein fertiges Rezept und auch keine Blaupause für die Kämpfe von heute und morgen liefern. Es soll vielmehr verschiedene Ansätze, Suchbewegungen und Träume miteinander verweben, damit die Konturen eines intersektionalen und klassenkämpferischen Umweltschutzes der 99 % sichtbar werden.«

Die Geschichte des Anarchismus bietet Probst zahlreiche Anknüpfungspunkte. Er beginnt mit Pierre Quiroulle, der bereits vor 100 Jahren den industriell-instrumentellen Umgang mit Tieren verurteilte. Anhand der argentinischen Fleischindustrie zeigte der Anarchist auf, wie Arbeiter und Tiere in Fleischfabriken ausgebeutet wurden. Quiroulle suchte nach einer Utopie, die Mensch und Natur versöhnt. Auch Edward Carpenter und William Morris werden als Vorbilder genannt. Schon im 19. Jahrhundert forderten diese Sozialisten ein Leben ohne Fabrikarbeit; stattdessen Licht, Luft, Muße und technischen Fortschritt zum Wohle aller Menschen, ein vegetarisches Leben und menschliche Emanzipation.

Körper und Gesundheit werden im Kapitalismus für Profit verschlissen. Ein Umweltschutz der 99 Prozent soll auch hier ansetzen. Probst schildert Kämpfe gegen Umweltzerstörung in den 1870er Jahren in Andalusien. Durch die Kupfergewinnung wurden Luft und Gewässer vergiftet. Es kam zu Protesten der Bevölkerung gegen den Filz von Kapital und regionaler Politik. Die mächtigen Konzernbosse wollten den von ihnen angerichteten Schaden an Natur und Menschen durch lächerliche Entschädigungen begleichen. Schon damals wurde Umweltzerstörung durch Zertifikatehandel abgeglichen, also zur Ware deklariert. Die Proteste endeten nicht, so dass die Armee blutig vorging. Es gab mindestens 200 Tote, die Kapitalisten aber wurden nicht zur Verantwortung gezogen; es tagten pro forma ein paar symbolische Ermittlungsausschüsse. Auch dieses Beispiel klingt erschreckend aktuell.

Zwei Jahrhunderte zuvor zerstörte das europäische Kapital für den Zuckerrohranbau in Südamerika auf Monokulturplantagen den Regenwald. Zugleich wurden aus Afrika verschleppte Sklaven ausgebeutet. Rassismus sieht Probst als festen Bestandteil zu imperialistischer Akkumulation. Er sucht auch im Öko-Feminismus nach neuen Ansätzen, da den Frauen einerseits die Last der unbezahlten Reproduktionsarbeit aufgebürdet sei, ohne die der Kapitalismus gar nicht funktionieren könne. Andererseits liege dem Feminismus ein respektvolleres Naturverständnis zugrunde als dem Patriarchat.

Die Eigentumsfrage ist für Probst von zentraler Wichtigkeit, sie wird jedoch bisher vom Gros der Klimabewegung, von Gewerkschaften, sozialdemokratischen und grünen Parteien noch nicht mitgedacht oder gar übersehen. Doch auf Grundlage des Privateigentums an den Produktionsmitteln lasse sich die Klimafrage nicht lösen, vor allem nicht in der Kürze der uns verbleibenden Zeit. Es geht Probst nicht um Verstaatlichung als Alternative, denn der Staat mache es nicht automatisch besser, wie die Umweltzerstörung im real existierenden Sozialismus belegt. Vielmehr müsste das Spannungsverhältnis Privat versus Staat überwunden werden. In Vergesellschaftung und Commonökonomie sieht der Autor einen möglichen Ausweg - und zwar auf allen Ebenen.

Vorbilder für ein funktionierendes und naturfreundliches gemeinschaftliches Eigentum sowie für Selbstverwaltung findet Probst außerhalb des Westens. »Heute müssen wir aber das, was als eklektisch, heterodox, inkohärent, traditionell, rural, unwissenschaftlich, indigen, nicht-europäisch und peripher gilt, ins Zentrum des kritischen und antikapitalistischen Denkens stellen. Eine Kombination von Anarchismus, Sozialismus, agrarischem Kommunismus und indigenem Kommunalismus wird auf diese Weise denkbar.«

Klimawandel und Umweltzerstörung sind nur durch gemeinsames, internationales, inkludierendes Handeln und Kämpfen zu stoppen. Das gut lesbare Buch von Milo Probst gibt hierzu wichtige Anstöße.

Milo Probst: Für einen Umweltschutz der 99 %. Eine historische Spurensuche. Edition Nautilus, 198 S., br., 16 €.

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