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Wir Frauen sind die Basis der Ökonomie

Die kolumbianische Wandmalerin Danna Pineda nutzt die Kunst als dekoloniale, feministische Strategie

  • Von Ani Dießelmann
  • Lesedauer: 8 Min.
Künstlerin Danna Pineda alias Cruda
Künstlerin Danna Pineda alias Cruda

Ich treffe Danna Pineda alias Cruda (dt. roh, rau) am Rande einer kleinen Tattoo-Convention. Sie sitzt neben ihren Zeichnungen und hat eben eine verschlungene Pflanze in die Haut einer jungen Frau gestochen. Die Künstlerin organisiert dieses Event. In den Räumlichkeiten gibt es Kaffee, Bier, Sticker und Klamotten. Und es sind fast nur Frauen anwesend. Nach ihrer Einladung hatte ich etwas anderes erwartet. Aber hier gibt es keine prolligen Typen, stattdessen Musik und jede Menge lachende und quatschende Frauen.

Es ist sehr entspannt hier.

Das ist ein Ziel dieser Treffen. Gleich liest unten eine junge Autorin aus ihren Gedichten vor. Dann gibt es noch einen Twerking-Tanzkurs. Vor allem geht es mir um den Austausch zwischen uns Frauen in einem sicheren und geschützten Raum, wo wir uns ausprobieren können. Falls du ein Tattoo willst, kannst du gerne heute noch einen Termin bekommen.

Das ist ein Superangebot. Ist die Veranstaltung explizit nur für Frauen?

Rein kann jede und jeder, aber ausstellen, verkaufen und tätowieren sollen nur Frauen. Das hat einen Grund: Die feministische Ökonomie ist ein traditioneller Weg der indigenen und bäuerlichen Gemeinschaften, sie ist im Kern eine dekoloniale Aktion. Aus dem Tauschhandel, den Märkten, Messen, Flohmärkten und Basaren hat die Moderne Kapital geschlagen. Ich versuche mit diesen selbst organisierten Events einen Weg zu finden, diese jahrtausendealten Hinterlassenschaften zurückzugewinnen, wiederzuentdecken, um Frauen zu organisieren, auch um unabhängig Geld verdienen und leben zu können. Wir Frauen sind die Basis der Wirtschaft, zu Hause widmen wir uns der Pflege und Hausarbeit. Dies wird nicht einmal bezahlt oder als Arbeit angesehen.

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Also versuchen Sie, die Frauen aus dem Haus und auf Ihre Veranstaltungen zu holen?

Genau. In Kolumbien werden diese Arbeiten und Dienstleistungen in vom Patriarchat beherrschten Räumen wie dem Zuhause, dem Privaten oder der Küche immer noch romantisiert. Also müssen wir raus auf die Straße. Wenn wir uns organisieren, uns austauschen, unser Wissen teilen, ist das vielleicht die Grundlage, um das patriarchale System in diesem Sektor zu zerschlagen oder zumindest herauszufordern. Unsere Wirtschaft ist zudem lokal. Unsere Berufe können uns Sicherheit geben, aber dafür müssen wir gut planen und uns breit vernetzen. Nur mit gemeinsamen Strategien schaffen wir es, das Patriarchat und die öffentliche Dominanz von Männern - gerade im Kultursektor - zu atomisieren.

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Im Kultursektor sind Sie sehr aktiv, auch als Mitglied des feministischen Künstlerinnenkollektivs Frente Gráfico Feminista. Sie tätowieren nicht nur, sondern zeichnen, malen, machen Graffiti und vieles mehr. Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Ich bin schon sehr früh zur Kunst gekommen, weil ich sie als ein Mittel sah, um mich selbst auszudrücken und andere zu erreichen. Dann erkannte ich, dass sie auch ein Weg zu sozialer Veränderung ist, dass sie keine Grenzen kennt.

Mein Einstieg in die Kunst war über das Zeichnen, aber dann habe ich mich in die Malerei verliebt und den Linolschnitt entdeckt. Diese uralten Techniken haben mich zum einen künstlerisch begeistert, zum anderen habe ich sie auch als eine Form des Widerstands erlebt. Zum Beispiel haben viele klassische Plakate mit Linoldruck nicht nur eine interessante Ästhetik, sie können auch eine Botschaft senden. So bin ich zu Wandmalereien und Graffiti gekommen.

Wir haben angefangen, bei Demonstrationen und bei alternativen Festen zu malen. Seit den Streiks 2018 an der Universität von Antioquia habe ich mehrere Wandbilder realisiert. Auch in Cali haben wir mit der Frente Gráfico Feminista gemalt. Gerade in Zeiten von sozialen Unruhen ist es notwendig, auf die Straße zu gehen und die Wände sprechen zu lassen. Die Wände sind unser Ort der öffentlichen Kommunikation, unsere Leinwand. Graffiti ist ein Medium, das wir alle sehen und auf uns wirken lassen können, so eine Art kritische Lektüre unserer Umgebung.

Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?

Ja, ich betrachte mich als Feministin, obwohl der Neoliberalismus mit seinem Diskurs über Frauen diesen Begriff ja fast eingeebnet hat.

Wann haben Sie angefangen, sich mit anderen Frauen zusammenzuschließen?

Zu Beginn meines künstlerischen Prozesses habe ich bemerkt, dass im Kulturbereich viele Frauen aktiv sind. Aber die bekannten Personen und die Entscheidungsträger sind überwiegend Männer.

In einer so durch und durch patriarchalen Gesellschaft wie in Kolumbien ist es unumgänglich, eine Gemeinschaft von Künstlerinnen zu schaffen, um überhaupt gehört zu werden. Zudem müssen wir uns verbünden und für Orte sorgen, an denen alle möglichen künstlerischen Arbeiten und Ausdrucksweisen zusammenkommen. Das Ziel der ersten Konzerte und Tattoo-Events war, Verbindungen zwischen uns zu weben, um uns zu unterstützen und uns gegenseitig bekannt zu machen.

Während der vergangenen Proteste wurde Kunst und Kultur quasi zu einer eigenen sichtbaren politischen Ausdrucksform. Seit wann ist Kunst für Sie auch ein Mittel des Widerstands?

Kunst ist eine Sprache, die wir alle aus unserer Sensibilität heraus verstehen und die viele verschiedene Aspekte des Lebens und des Menschseins zusammenbringt. Die Sprache der Kunst kennt keine Unterschiede oder Grenzen, es ist eine gesellschaftlich sehr breite Sprache mit gemeinsamen Codes. Für mich ist es eine Notwendigkeit, aus dieser Sensibilität heraus zu kommunizieren, um uns einander als Menschen wahrzunehmen und füreinander zu sorgen.

Warum machen Sie Graffiti und Kunst im öffentlichen Raum?

Das fing an, als ich in der südlichen Provinz Caquetá war. Dort haben wir einen Versöhnungsprozess zwischen ehemaligen Guerillakämpfern und Opfern des Konflikts begleitet. Dabei entstand ein gemeinsames Wandbild als Symbol der Versöhnung und des Wandels. Die Erinnerung kann dabei helfen und gleichzeitig dazu beitragen, abzuschließen.

Ich brauche jeweils ein sehr klares Ziel, wenn ich irgendwo ein Wandbild hinterlasse. Das Dorf in Caquetá heißt Agua Bonita, und wir waren dort im Rahmen eines länger angelegten Projekts, das die demobilisierten ehemaligen Farc-Mitglieder initiiert hatten. Mit den eigenen Händen etwas Sichtbares zu schaffen, kann heilend wirken. Wir haben dort versucht die traditionelle Bildsprache aufzunehmen. Ich habe eine der alten indigenen Frauen der Huitoto gemalt. Sie heißt Margarita Jaramillo und ist eine der Gründerinnen des Dorfes. Daraufhin wurde ich nach El Triunfo eingeladen, um dort gemeinsam mit einigen Opfern des Konflikts eine weitere Arbeit zu realisieren. In diesem Gebiet wurde vor 20 Jahren von der Guerilla alles niedergebrannt und eingenommen.

Bevor ich male, muss ich vor allem den Menschen zuhören, denn die Malerei ist mehr als eine kulturelle Ausdrucksform. Sie hilft bei der kollektiven Identitätsfindung und der Neubestimmung des Territoriums.

Kunst kann also Orten neue Bedeutung geben?

Ja, das ist eine der Stärken von Kunst. Vor allem in den ehemaligen Konfliktgebieten ist es wichtig, den Gemeinschaftsräumen, öffentlichen Orten, Plätzen und zentralen Straßen eine neue Wichtigkeit zu geben. Wo vorher Angst vorherrschend war, können nun wieder gesellschaftliche Treffpunkte entstehen. Die Menschen beginnen sich mit ihren Räumen zu identifizieren, und dies ist ein Ausgangspunkt für das soziale Gefüge. Dazu gehört neben der Malerei auch die Wiederbelebung durch Gemeinschaftsfeste und andere Veranstaltungen.

Sie sind viel unterwegs. Wo treibt es Sie als Nächstes hin?

In den letzten Monaten und Jahren war ich im ganzen Land unterwegs. Ich versuche mich ständig mit anderen gegenkulturellen und nicht hegemonialen Prozessen zu verbinden. Mich interessiert, wie andere mit dem Territorium arbeiten, den Raum gestalten und Basisarbeit leisten. Allerdings bin ich gerne längere Zeit an einem Ort, um die Kontexte zu verstehen und Netzwerke zwischen Kunst und Aktivismus aufzubauen. Und zuletzt hat es mich auch wieder in meine Heimat gezogen, so war ich wieder viel in der Region um Medellín unterwegs.

In Bello, das ist keine Stunde von Medellín entfernt, nehme ich seit Jahren an den Jornadas de Arte Joven teil und habe dort mehrere Wandbilder hinterlassen. Das ist ein Straßenkunst-Festival. Mich fasziniert die Arbeit mit den Menschen auf dem Land fernab der Städte. Wobei ich natürlich aus der urbanen Kultur komme. Ich bin Teil eines unabhängigen Kollektivs aus Medellín, das sich Chuchas nennt - mit dem sind wir gerade dabei, zwischen Straßenkunst, alternativer Pädagogik und einem für uns noch recht neuen Themenbereich, dem Antispeziesismus, etwas Neues zu entwickeln. Chuchas sind kleine Nagetiere, die werden verfolgt, weil sie den Ratten ähneln, aber dadurch sind sie bereits vom Aussterben bedroht. Diese Metapher gefällt mir; ich bin gespannt, was daraus wird.

Eine letzte Frage: Verraten Sie mir, warum Sie Ihren Künstlernamen gewählt haben?

Nun, den Künstlernamen Cruda habe ich seit fünf oder sechs Jahren. Er ist vor allem eine Anspielung auf den Ausgangspunkt der Kunst, wie die Leinwand, die noch ganz roh ist und bereit, bemalt und gebeizt zu werden. Der Name ist eine Analogie zum ständigen Lernen. Das ist es, was er mir bedeutet.

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