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Hauptsache, Oberhof ist weiß

Thüringen investiert viele Millionen für die Biathlon-WM 2023 in Oberhof. Nur die Leistungen der Heimathleten stagnieren noch

  • Von Oliver Kern, Oberhof
  • Lesedauer: 7 Min.
Neue Strecken, Pumpen, Beschneiungsanlagen, Funktionsgebäude, Zuschauertribünen, Tunnel und, und, und. In Oberhof wurde viel investiert, um den Weltcupstandort zu retten. Und dann hat’s auch noch geschneit.
Neue Strecken, Pumpen, Beschneiungsanlagen, Funktionsgebäude, Zuschauertribünen, Tunnel und, und, und. In Oberhof wurde viel investiert, um den Weltcupstandort zu retten. Und dann hat’s auch noch geschneit.

Zumindest ein weißes Gefieder hat sich der Grenzadler noch schnell übergeworfen. Die Trostlosigkeit eines Biathlonweltcups auf dünner Kunstschneetrasse mitten durch einen braun-grünen Wald vor leeren Kulissen wäre speziell in Oberhof kaum zu ertragen gewesen. Zwar haben sich die Fernsehzuschauer daran gewöhnt, dass das Wetter Anfang Januar auf den Thüringer Höhen mit Sturm und Nebel anstelle von Schneemassen selten mitspielt. Doch in Pandemiezeiten muss Oberhof nun schon zum zweiten Mal in Folge auf sein größtes Pfund rund um die Strecke am Grenzadler verzichten: Massen an Biathlonfans. Dennoch sind die Organisatoren des Weltcups erleichtert, denn in den vergangenen Tagen hat es zumindest geschneit, und so klappt es doch noch halbwegs gut mit der alljährlichen Werbeveranstaltung für die Region.

Natürlich fehlt noch einiges: das weihnachtsmarktartige Gemisch von Bratwurst- und Glühweinduft, das Rennsteiglied von den Rängen oder das ohrenbetäubende »Ooohhhh!«, wenn deutsche Biathleten vor den Augen Zehntausender heimischer Fans am Schießstand mal wieder eine Scheibe verfehlt haben. Nun ja, sportlich hat sich auch ohne Fans nicht viel geändert. Beim Sieg des Russen Alexander Loginow im Sprint der Männer wird Johannes Kühn am Freitag als bester Deutscher Vierter. Er zielt zweimal daneben - einmal weniger und er hätte sogar gewonnen. Gleiches gilt auch für den Fünften Roman Rees. Immerhin: Auch Erik Lesser auf Rang 15 erfüllt endlich die Olympianorm.

Für die Macher in Oberhof ist dagegen nur eines wichtig: dass überhaupt gelaufen wird. Schließlich sind sie im Februar 2023 Gastgeber der Weltmeisterschaften, die den Standort retten sollen. 2016 stand der Status als regelmäßiger Weltcuport akut infrage. Andere Veranstalter in ganz Europa hatten bei den Zuschauerzahlen aufgeholt und im Gegensatz zu den Thüringern modernere Anlagen bieten können. Zudem war der Schneemangel ein immer wiederkehrendes Ärgernis, das vor sechs Jahren sogar soweit führte, dass der Weltcup in Oberhof komplett abgesagt werden musste. Der Weltverband IBU warnte damals: Wenn ihr nichts ändert, seid ihr raus!

Kurz danach wurde die Investitionsmaschine angeworfen. Neue Funktionsgebäude für Kampfrichter, Funktionäre, Athleten und Journalisten werden gebaut, ebenso eine Sitzplatztribüne für Zuschauer. Am wichtigsten aber: Es werden Lager für Schneedepots errichtet, in denen Altbestände unter Sägespänen über den Sommer gerettet werden können, damit selbst bei einem Wärmeeinbruch zur falschen Zeit im Winter Rennen garantiert werden können.

Dieser Einbruch ist gekommen. Über den Jahreswechsel regnete es acht Tage lang im Thüringer Wald, die vorbereiteten Strecken schmolzen dahin. Also rollten die Lkw an und brachten Altschnee zum Grenzadler. Der Sprint der Männer wurde um einen Tag verschoben, um noch mehr Zeit zur Präparierung zu haben, als es wieder kälter wurde. Als dann auch noch die ersten neuen Flocken fielen, entspannten sich endgültig die Gesichtszüge von Funktionären und Helfern.

»Wir haben 35 Millionen Euro investiert. Die ganze Baukonzeption ist überarbeitet worden. Über den Sommer haben wir nur 20 Prozent der Schneereserven verloren. Das hat also funktioniert. Und jetzt laufen die 26 Schneekanonen, die wir gleichzeitig mit neuen Pumpen versorgen können«, sagt Hartmut Schubert voller Stolz. Der Vorsitzende des Zweckverbandes Thüringer Wintersportzentrum ist gleichzeitig Staatssekretär im Thüringer Finanzministerium und WM- und Oberhofbeauftragter der Landesregierung. Dass es diesen Posten überhaupt gibt, zeigt, wie hoch der Stellenwert Oberhofs im Land ist.

Ein Jahr vor der WM sei der Druck besonders groß, sagt Schubert. Denn wer nicht mal einen Weltcup stemmen kann, wie will er die WM schaffen? »Klar kann man vor den Weltmeisterschaften, die erst im Februar stattfinden, besser Schnee produzieren. Aber es ist wichtig, schon jetzt zu zeigen, dass wir das können.« Neben den Biathleten tragen nächsten Winter auch die besten Rodler dieser Welt ihre Titelkämpfe in Oberhof aus. An der Bahn wurden ebenfalls Millionen investiert, dazu noch eine Beleuchtungsanlage an der Sprungschanze im Kanzlersgrund. Ein noch größeres Schneelager soll bis 2023 auch fertig sein, verspricht Schubert. Dabei seien Weltcup und WM »nur das Sahnehäubchen, denn wir wollen hier Trainingsbedingungen ab Dezember bieten, um den Nachwuchs in Thüringen weiterzuentwickeln«.

Das viele Geld sei also nicht nur für ein paar Spitzensportler gedacht, die an zwei oder drei Wochenenden im Jahr kurz vorbeischauen, selbst wenn die besonders wichtig sind. Denn alljährlich schalten Millionen Fernsehzuschauer ein, wenn die Oberhofer Wettbewerbe anstehen. Eine Werbekampagne, die ähnlich hohe Reichweiten erzielt, wäre gar nicht finanzierbar, argumentieren Thüringens Regierungspolitiker bis hinauf zu Ministerpräsident Bodo Ramelow schon seit Jahren. »Wir wollen ein Vorzeigestandort für den Wintersport in Deutschland sein. In vielen Bereichen ist der Osten zurückgefallen. Aber wir zeigen hier, dass wir auch Top-Bedingungen halten können«, sagt Staatssekretär Schubert. Die Alternative wäre wohl die komplette Aufgabe des Standorts gewesen: Ohne die Umbauten »wären wir aufs Abstellgleis geraten und bekämen künftig keine Wettkämpfe mehr«. Dann wären auch der Olympiastützpunkt und das Staatliche Sportgymnasium wirtschaftlich kaum noch haltbar.

Stattdessen wurde also ausgebaut. Zur WM haben 27 500 Fans am Grenzadler Platz - gut 3000 mehr als zuvor. Macht die Pandemie mit, wird die Arena knapp zwei Wochen lang täglich voll werden. Daran besteht kaum ein Zweifel. Ob die Anhänger dann Medaillen ihrer Lieblinge bejubeln können, ist allerdings ungewiss. Auch im Frauenrennen können die Deutschen am Freitagnachmittag nicht in den Medaillenkampf eingreifen. Der Abstand zur norwegischen Siegerin Marte Olsbu Røiseland war für die Beste von ihnen, Vanessa Voigt, auf Platz zwölf sogar noch größer als bei den Männern zuvor.

Der große Sprung nach vorn lässt also weiter auf sich warten. Für Bundestrainer Mark Kirchner ist das nicht überraschend. »Die ersten Weltcups haben sich so dargestellt, wie ich sie erwartet hatte. Ein gewisses Potenzial ist vorhanden. Leistungen im Spitzenbereich sind möglich. Wir haben aber aktuell keinen kompletten Athleten, der konstant gute Leistungen im Siegbereich bringen kann.«

Diese Rolle übernahm bei den Männern bis letzte Saison noch Arnd Peiffer, doch der hat seine Karriere beendet. Bei den Frauen liegen die Hoffnungen auf der Franziska Preuß, Dritte im Gesamtweltcup der vergangenen Saison, doch die hat sich im Dezember am Sprunggelenk verletzt. Ob sie bis zum Olympiastart wieder fit wird, muss sich erst noch zeigen. »Wenn aber mal alles passt, können wir mit mehreren Athleten vorn mitkämpfen«, sagt Kirchner.

Dabei wären schon jetzt Spitzenleistungen wichtig für den Deutschen Skiverband (DSV). Schließlich dürfen bei Frauen und Männern nur die drei besten Nationen in knapp einem Monat je sechs Athletinnen und Athleten zu den Olympischen Winterspielen nach Peking mitnehmen. Deutschland liegt bei Frauen wie Männern derzeit auf Rang vier und muss nun an den beiden Wochenenden in Oberhof und Ruhpolding Punkte aufholen. Ansonsten werden nur jeweils fünf Olympiatickets verteilt.

»Man muss sich keine Sorgen machen. Franzis Ausfall war sicherlich sehr ärgerlich und wirft sie ein Stück weit zurück. Aber es bleibt noch genügend Zeit mit entsprechendem Training zurückzufinden bis Peking. Vielleicht hat die längere Wettkampfpause ja auch etwas Gutes«, sucht Kirchner Positives in der aktuell schwierigen Phase. Der Generationenwechsel sei in vollem Gange und noch lange nicht abgeschlossen. An fehlende Erfolge müssen sich die deutschen Fans aber immer noch gewöhnen. Vielleicht ist es also ganz gut, dass sie derzeit zu Hause bleiben müssen. Sonst wird das »Ooohhhh!« nur noch länger.

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