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Ein mönchisches Leben für die Kunst

Dem Regisseur Kirill Serebrennikov blieb über Jahre die Ausreise aus Russland verwehrt. Jetzt probt er am Thalia-Theater Hamburg

  • Von Erik Zielke
  • Lesedauer: 5 Min.
Eine Art Ost-West-Ringtausch: Serebrennikov inszeniert Tschechow in Hamburg
Eine Art Ost-West-Ringtausch: Serebrennikov inszeniert Tschechow in Hamburg

Und er entschied, dass ihm eine Reise wirklich guttun würde.« So lautet ein lakonischer Satz zu Beginn von Anton Tschechows Kurzroman »Der schwarze Mönch«. In dem Text fragt der Autor - der eine medizinische Ausbildung genossen hat - nach der psychischen Gesundheit seines Helden Andrej Wassiljewitsch Kowrin. Der leidet unter der Nervosität des modernen Lebens. Erst seine Halluzinationen, imaginierte Gespräche mit dem schwarzen Mönch führen zu Ausgleich, ja sogar Glück. Als er sich auf Intervention Dritter selbst die Trugbilder versagt, kehrt er zurück in ein sorgenvolles Leben in der Realität. Das Glück ist dahin.

Tschechows Prosameisterwerk wird nun auf die Bühne des Hamburger Thalia-Theaters gehoben. Am Sonnabend wird zur Premiere geladen. So weit, so ungewöhnlich. Den Regiestuhl aber besetzt eine internationale Größe: der russische Theatermacher Kirill Serebrennikov. Ist es denn so bemerkenswert, dass ein ausländischer Starkünstler an ein renommiertes Theater, wie es die Hamburger Traditionsbühne ist, eingeladen wird? Selbst unter Bedingungen globaler Reisebeschränkungen, wie sie uns heute begegnen, ist es das nicht.

Das Außergewöhnliche liegt in der »Causa Serebrennikov«: 1969 in Rostow am Don geboren, studierte er zunächst Physik in seiner Heimatstadt und kam - in Russland durchaus nicht alltäglich - zufällig und ohne künstlerische Ausbildung zum Theater. Bereits in den 1990er Jahren machte er mit seinen Arbeiten auf sich aufmerksam und verwirklichte sich bald dort selbst , wo ein junger Russe das tun sollte, der noch jemand zu werden gedenkt: in Moskau. In der russischen Hauptstadt und auch andernorts, inszenierte er bald an den führenden Häusern.

Aus einer Meisterklasse am Moskauer Künstlertheater 2008, wie sie in Russland seit Stanislawskis Zeiten Tradition haben, ist das »Siebte Studio« hervorgegangen. Eine feste Theatertruppe, die personell und ästhetisch den Grundstein legte für die Übernahme des Gogol-Zentrums. Von 2012 bis Anfang letzten Jahres brachte Kirill Serebrennikov als künstlerischer Leiter das Haus auf Kurs und sorgte dafür, dass die Bühne über die russischen Grenzen hinaus als eine der ersten Adressen für avancierte darstellende Kunst im neuen Jahrtausend gilt.

2017 drehten sich die Schlagzeilen dann nicht mehr um umstrittene Inszenierungen, nackte Schauspieler auf der Bühne oder die Darstellung vermeintlicher Tabuthemen. Das Gogol-Zentrum wie auch Serebrennikovs Privatwohnung wurden von russischen Strafverfolgungsbehörden durchsucht. Der Vorwurf: Das »Siebte Studio« habe staatliche Zuwendungen veruntreut. Serebrennikovs Pass wurde bald darauf eingezogen, eine Festnahme folgte.

Nicht nur sogenannte Russlandkritiker runzelten die Stirn bei diesem Vorgang. Der Irrsinn erreichte einen Höhepunkt, als der Vorwurf gegen den Künstler erhoben wurde, eine Inszenierung von Shakespeares »Der Sommernachtstraum« sei gar nicht zustande gekommen und die dafür eingeheimsten Gelder daher unterschlagen worden. Allerdings gibt es von der Arbeit nicht nur Fotos und Kritiken, die veröffentlicht wurden, sondern es handelte sich um eine ausgesprochen erfolgreiche Inszenierung, die viele Menschen gesehen hatten und die auch international gastierte.

Der Prozess zog sich hin. Erst saß Serebrennikov ein und wurde dann unter Hausarrest gestellt. Diese Zeit war von außerordentlicher künstlerischer Produktivität geprägt. Er schloss unter diesen widrigen Bedingungen die Arbeit an seinem äußerst erfolgreichen Kinofilm »Leto« über die sowjetische Kultband Kino und den Leningrader Untergrund der 1980er Jahre ab. Ein arbeitsames und einsames, fast ein mönchisches Leben wurde ihm da aufgezwungen. Für Opern- und Theaterregien, die er weltweit annahm, entwickelte er eine Behelfslösung, derer sich unter pandemischen Bedingungen weitere Künstler annehmen mussten: Er inszenierte über den Bildschirm. Hinzu kam die Zusammenarbeit mit Ko-Regisseuren vor Ort.

Im Juni 2020 kam es zum Schuldspruch: drei Jahre auf Bewährung. Ein Rückschlag, dem aber bei dem zeitweise geforderten Strafmaß von sechs Jahren Lagerhaft auch etwas Erleichterndes zukommt. Nun geht es für den Künstler weiter wie bisher: Film- und Theaterarbeiten in Russland sowie Fernregie für ausländische Bühnen. Reiseanträge wurden zuletzt beharrlich abgelehnt.

Dass Serebrennikov gern an hiesige Häuser eingeladen wird, verwundert nicht. Es gibt eine suspekte Vorliebe für »dissidentische Kunst«, wenn sie aus Ländern kommt, die man mit Misstrauen beäugt. So kann man sich selbst fortschrittlich geben, sich in seinen Vorurteilen bestätigen lassen und hat selbst nichts zu befürchten. Aber trifft diese Kritik auch auf Serebrennikov zu? Nein, der Künstler wurde bereits zu internationalen Festivals eingeladen, als man ihm in Russland gerade die Leitung einer staatlichen Bühne übertragen hatte. Viele Engagements von Serebrennikov knüpfen an Zusammenarbeiten in der Vergangenheit an.

Überhaupt kann der Moskowiter nur schlecht für die äußerst plumpe Behauptung herhalten, in Russland sei die Kunstfreiheit über alle Maßen eingeschränkt. Dass derlei dort nicht auf der Tagesordnung steht, erklärt ja erst die medialen Reaktionen und das Aufhebens, das um den Fall gemacht wird. Zudem war Kirill Serebrennikov als Theatersensation in Russland gefeiert worden und anerkannter Teil des offiziellen Kulturbetriebs.

Wieso aber ging man so harsch gegen den Theatermann vor? Ist es die jüdische Herkunft, die sexuelle Orientierung? Seine Inszenierungen, die politische Implikationen zwar nicht aussparen, rütteln jedenfalls nicht am russischen Staatsgefüge. Die Aufmerksamkeit, die der Fall erregte, dürfte nicht im Interesse des Kremls gewesen sein. Das merkwürdige Gebaren von offizieller Seite zeigt zumindest eines: Auch wenn es dem deutschen Blick entgegensteht, wird in Russland keineswegs mit einer Stimme gesprochen. Es herrscht ein Kulturkampf. Um den »richtigen« Weg, auch im Umgang mit Kunst, wird gestritten. Das ist kein Trost für jemanden wie Serebrennikov, gegen den mit allzu harter Hand vorgegangen wurde. Aber noch braucht niemand den Stift rauszuholen, um den kulturpolitischen Teufel an die Kremlmauer zu malen.

Nachdem Reiseantrag um Reiseantrag, die Serebrennikov gestellt hatte, abgelehnt worden war, wurde seinem Wunsch Anfang des Jahres stattgegeben, und in der vergangenen Woche ist der Russe in Hamburg eingetroffen. Die Schauspieler hatten zeitweise in Moskau geprobt, dann mittels Live-Videoübertragung gearbeitet. Bis zur morgigen Premiere von »Der schwarze Mönch« wird Serebrennikov in der Hansestadt weilen und nach Moskau zurückkehren.

Im besten Fall könnte das der erste Schritt einer Neubesinnung in Russland sein. Die Kunst darf nicht das Opfer politischer Zerrüttungen sein. Und für uns nicht rebellische Etikette: Sehen wir genauer hin.

Premiere: 22.1. Weitere Vorstellungen: 23., 24. und 25.1.

www.thalia-theater.de

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