Ohne Worte

Berlinale-Wettbewerb: »Drii Winter« erzählt von einer tragischen Liebe in den Schweizer Bergen

  • Christin Odoj
  • Lesedauer: 5 Min.
Es gibt nicht viel zu sagen zwischen Anna (Michèle Brand) und Marco (Simon Wisler), beide Laiendarsteller*innen, aber manchmal reichen ein paar Gesten.
Es gibt nicht viel zu sagen zwischen Anna (Michèle Brand) und Marco (Simon Wisler), beide Laiendarsteller*innen, aber manchmal reichen ein paar Gesten.

Sie sind massiv, dominant und quasi unveränderbar. Berge sind so beherrschend, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als sich ihnen zu fügen. Alpinisten wissen das seit jeher. Wer aber dort oben lebt, der weiß vor allem von der Enge. Um die geht es in dem zweiten Spielfilm des Luzerner Regisseurs Michael Koch.

»Drii Winter« erzählt von einer Liebe in einem abgelegenen Schweizer Bergdorf im Kanton Uri. Der stille Marco (Simon Wisler) lebt seit einem Jahr in der Gemeinde, hilft dem Bauern Alois bei der Arbeit und ist mit Anna (Michèle Brand) zusammen, die hier geboren ist. Angenommen ist Marco deshalb nicht; sein Glück ist, dass er ein Klotz von einem Mann ist, der »anpacken kann« und sich für nichts zu schade ist. Sonst sitzt er jedoch allein an einem Tisch in der Wirtschaft, bestellt Eistee, während die anderen Männer vor ihren Biertulpen hocken und sich kurze Satzfetzen zubrabbeln.

Gesprochen wird generell wenig. Im ganzen Film gibt es vielleicht fünf Dialoge mit mehr als zwei Sätzen. Aber so ist das hier oben, wo das Leben auf dem Feld hart ist und die Tage lang sind. Da ist genug Zeit zum Denken, und bis zum Abend vor dem Bierglas hat man alles mit sich selbst ausgemacht.

Marco, der aus Willisau, »dem Flachland«, einer Kleinstadt nahe Luzern, auf gerade einmal 550 Metern über null gelegen, soll jetzt endlich mal einer sein, der bei der Anna bleibt, und wenn er ihr ein Kind macht, dann nicht sofort wieder abhaut. Warum er nicht in die Kirche geht, wollen sie wissen, wie viele Winter er hier schon durchgehalten hat, auch. Die Erwartungen sind gesetzt, da sind keine 15 Minuten des Films vergangen. Das tradierte Schweizer Bergidyll findet hier nicht statt.

Marco sieht man in langen Kameraeinstellungen die meiste Zeit nur von hinten. Mehr Bär als Mann, riesige Hände, ein breiter, von der Sonne gegerbter Rücken. Er schlägt Zaunpfähle in den Acker, schleppt Steine den Berg hinauf, zerrt Kühe über Wiesen und in Transporter hinein. Dann bleibt die Kamera einmal minutenlang auf seinem Gesicht. Er schaut Anna zu, die für ihn tanzt, und auch hier ist kaum etwas in seinem plumpen Gesicht zu erkennen, außer bedingungsloser Liebe in seinem Blick.

Die Beziehung der beiden, so wortkarg sie erscheint, ist getragen von tiefer Zuneigung zueinander. Es sind die kleinen Berührungen im harten Alltag, die das zeigen. Ihre Verbindung ist eine Festung in der mal mehr mal weniger feindselig, zumindest skeptisch gesinnten Dorfgemeinschaft. Auch Annas Tochter Julia aus einer früheren Beziehung nennt Marco Papa - das ist nicht selbstverständlich.

Doch dann verändert sich Marco. Er zieht sich immer weiter zurück, auch von Anna und Julia. Tut Dinge, die eigentlich nicht zu ihm passen, hat Schmerzen, kann schlecht sehen. Ein Tumor im Gehirn wird diagnostiziert und entfernt - danach ist die Welt eine andere, weil wichtige Bereiche seiner Persönlichkeit verletzt und herausgeschnitten wurden. Denn wer hier oben nicht mehr funktioniert, der ist auch nichts mehr wert.

Marcos wuchtiger Körper ist nur noch Hülle, die Seele ist längst woanders. Er schafft es kaum noch den Berg hinauf, stellt Müslipackungen in den Kühlschrank, vergisst eine Kuh auf dem Weg zum Stall, die büxt aus, was natürlich Ärger gibt. Er wird impulsiv. Wo vorher zumindest stoisch abgearbeiteter Alltag war, ist jetzt nur noch das Fleisch seines Körper und ein Rest Trieb übrig. Das genügt, um den Skandal herbeizuführen, der ihn endgültig isoliert. Nur Anna hält zu ihm, obwohl von außen betrachtet alles gegen ihn spricht, vor allem die Dorfmoral, und das kommt hier oben einem Todesurteil gleich.

»Drii Winter« ist atmosphärisch dicht, formal streng und präzise erzählt. Regisseur Koch nimmt sich Zeit für lange Einstellungen, die Marcos und Annas Beziehung so zeigen, wie es Worte nicht können. So etwa eine Autofahrt, bei der die beiden nur von hinten zu sehen sind, im Radio läuft der grausige 90er-Jahre-Klassiker »What is love« von Haddaway. Dann Annas Hand auf Marcos Hand, die auf der Kupplung liegt. Das ist ein starker Kontrast zur traurig-düsteren Grundstimmung des Films, die die Katastrophe über zwei Stunden ankündigt, sodass die Wirkung sofort verfängt.

Die Geschichte ist die einer Liebe, die alles überstehen will, selbst den Tod. Anna hält an Marco fest, weil sie an seinen Wesenskern mehr glaubt als an das, was die Vernunft vorgibt. Weil sie seine Krankheit versteht, was der Rest nicht kann, denn Marco ist nun kein nützlicher Teil der Gemeinde mehr.

»Drii Winter« ist keine Kitscherzählung über eine Liebe vor schöner Bergkulisse, die keine Hindernisse kennt, sondern eine todtraurige Tragödie zweier Menschen, die von außen betrachtet keine Chance zusammen haben. Der Film ist still, dafür sprechen die Körper, ihr Verfallsprozess und ihre Gesten.

»Drii Winter«: Schweiz, Deutschland 2022. Regie: Michael Koch. Mit: Michèle Brand, Simon Wisler, Elin Zgraggen, Daniela Barmettler, Josef Aschwanden. 136 Min.. Termine: Mi 16.2., 21 Uhr: Cinemax6/7; Fr 18.2., 11.30 Uhr: Berlinale Palast; Sa 19.2., 15 Uhr: Urania.

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