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  • »Obsessions« am Theater Bremen

Lob des Kollektivs

Mit dem Musiktheaterstück »Obsessions« probiert sich das Theater Bremen an einer Erneuerung der Oper

  • Von Andreas Schnell
  • Lesedauer: 6 Min.
Die Oper »Obsesssions« am Theater Bremen mit viel »Bum tschi tschi bum«
Die Oper »Obsesssions« am Theater Bremen mit viel »Bum tschi tschi bum«

Mit der Oper ist es so eine Sache: Sie ist die Kunstform, die im Lande die meisten Menschen in die Stadt- und Staatstheater lockt. Ein Publikum allerdings, das man mit ein wenig bösem Willen als aussterbende Spezies bezeichnen kann: Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2015 ist das Opernpublikum im Durchschnitt 57 Jahre alt, ein gutes Drittel davon ist 65 und älter. Was allerdings noch gar nichts ist im Vergleich zum Repertoire: Das besteht seit Jahren schon aus den Klassikern. Die Online-Plattform »Operabase« listet unter den meistgespielten Werken nicht eines, das nach 1900 entstanden ist. Selbst ein »Wozzeck« von Alban Berg, fraglos ein Klassiker der Moderne, lief nach Premieren auch in Vor-Corona-Zeiten vor leeren Rängen. Will man den Betrieb nicht nach entsprechendem Siechtum in nicht allzu ferner Zukunft in der Bedeutungslosigkeit versinken lassen, muss etwas geschehen. Es braucht vor allem: neues Publikum und neue Musik, die nicht nur die gesellschaftliche Elite ins Theater holt.

Ein paar Vorschläge zur Güte macht die Förderinitiative »NOperas!«, 2018 ins Leben gerufen, um pro Saison ein Projekt zu realisieren, das von mehreren Bühnen adaptiert wird. Partner sind unter anderem die Oper Wuppertal und das Theater Bremen. Zuletzt kamen im Rahmen der Initiative das Stück »Chasmos« von Konrad Kästner, Tobias Rausch und Marc Sinan sowie »Kitesh« von der freien Theatergruppe Hauen und Stechen auf die Bühne, wobei die meisten der geplanten Aufführungen der Corona-Pandemie zum Opfer fielen und vertagt wurden.

Das dritte dieser Projekte feierte am vergangenen Wochenende in Bremen seine Uraufführung. »Obsessions« ist eine Zusammenarbeit des finnischen Performance-Kollektivs Oblivia und der chinesischen Komponistin Yiran Zhao, deren gar nicht spröder, humorvoller Minimalismus in jüngerer Zeit auf wichtigen Festspielen für Neue Musik wie dem Stuttgarter Eclat-Festival und dem Ultraschall Berlin Aufmerksamkeit erregte.

Diese Qualitäten lassen sich auch in »Obsessions« wiederfinden, das in rund eineinhalb Stunden den Triebfedern menschlichen Verhaltens auf die Schliche kommen will. Angesichts dieser stattlichen Thematik kann der zeitliche Rahmen kaum weit genug gesteckt sein. In den lose verknüpften Szenen des Abends begegnen wir ägyptischen Pyramiden, römischen Tyrannenmorden ebenso wie ganz gegenwärtigen Abscheulichkeiten wie der steten Arbeit am eigenen Selbst im Dienste der Konkurrenzgesellschaft.

Der Minimalismus von Zhaos Musik findet eine Entsprechung in der Bühne, die zwischen dem links platzierten Orchester (musikalische Leitung: Yu Sugimoto) und dem rechts aufgestellten Bildschirm für die Übertitel lediglich eine große Projektionsfläche beherbergt (Lichtdesign: Meri Ekola). Davor agiert das gemischte Ensemble aus Bremer Opern- und Schauspielensemble sowie Mitgliedern von Oblivia. Vom Schauspiel kommen Matthieu Svetchine und Karin Enzler, dazu Sängerin Nerita Pokvytyté, Chorist Mariam Murgulía und Gastsänger Timotheus Maas; von Oblivia die Performer*innen Annika Tudeer und Timo Frederiksson.

Brückenschläge zwischen dem Stadttheaterbetrieb und der freien Szene sind nichts ganz Neues. In Bremen denkt man gern an »Les robots ne connaissent pas le blues oder Die Entführung aus dem Serail« zurück, bei dem der Regisseur und damalige Musiktheaterchef Benedikt von Peter mit der Gruppe Gintersdorfer/Klaßen zusammenarbeitete und große Oper auf afrikanische Tänzer treffen ließ. Allerdings ging es dabei weniger um Neue Musik als um radikale Dekonstruktion, um neue Präsentationsformen für die Oper.

Bei »Obsessions« handelt es sich um wirklich neue Musik. Aus der Stille heraus entwickelt sie sich in behutsamer Koexistenz mit dem Spiel des Ensembles, um sich wie jenes in immer wieder neuen Konstellationen zu finden und in die dann tatsächlich opernhaften Dimensionen von Tragik, Wahn, Liebe, Tod emporzuschrauben, die die natürlichen Verbündeten von Obsessionen sind. Allerdings wird hier weder sonderlich linear eine Geschichte erzählt noch stringent verhandelt, was das erklärte Anliegen von »Obsessions« ist: Muster von Obsessionen »als Triebfedern menschlichen Verhaltens offenzulegen«, wie die Ankündigung verheißt.

Die Gewänder von Tua Helve erinnern zunächst an römische Togen; wenn das Ensemble zu einer geradezu Weill’schen Musik davon träumt, in einer Pyramide begraben zu werden, geht es vermutlich ums alte Ägypten - und ganz sicher sind die angedeuteten Selbstoptimierungsstrategien ein Phänomen, das es im bekannten Ausmaß nur im Kapitalismus geben dürfte. So ganz befriedigt das auf inhaltlicher Ebene allerdings nicht - zumindest, wenn Offenlegen mehr bedeuten soll als das bloße Zeigen. Dass es so etwas wie obsessives Verhalten gibt, als radikal gesteigerte Form etwaiger Interessen, ist schließlich weniger interessant als so etwas wie Gründe dafür, wenn schon vom Inhalt der Obsessionen abstrahiert werden soll.

Auf künstlerischer Ebene hat dieser Abend dafür allerhand zu bieten. Zhaos Partitur, performt von zwei Streicher*innen, drei Bläser*innen und einer Perkussionistin von den Bremer Philharmonikern, erweitert um elektronische Einspielungen, schert sich keinen Deut um Grenzen. Sei es die zwischen Neuer Musik und avancierter Elektronik, sei es die ohnehin merklich zerbröselnde zwischen Hochkultur und Pop. Zwischen fragiler minimalistischer Atonalität, sparsam eingesetzten Samples und geradezu naiven Liedformen, zwischen im Kontext fast brachialen Soundscapes, echtem Operngesang und der Verwendung von Micro-Sounds - was sie zur idealen Partnerin des Oblivia-Kollektivs macht, das zwischen Tanz, Schauspiel und Musiktheater ebenso wenig zu trennen beabsichtigt. Der Gestus ist dabei oft verspielt, ein bisschen albern gar, wie beim »Bum tschi tschi bum«, das hier eine Zeit lang immer wieder erklingt. Die oft nur winzigen Klangpartikel addieren sich am Ende zu einem Chor, zu dem auch die Musiker*innen zählen. Dieses Finale strahlt dann tatsächlich eine beinahe zenmäßige Ruhe aus, einen »postobsessiven« Zustand, wie es Oblivia-Mitgründerin Annika Tudeer in einem Interview formuliert hat.

Dieser Gedanke könnte das Resultat der theatralen Überlegungen sein, an denen wir hier teilhaben. Raus aus dem Jede-gegen-Jeden, hin zum Kollektiv. Die letzten beiden Töne des Abends wirken dann wie ein Fragezeichen, eine Mahnung vielleicht: Pokvytyté setzt sie leise, aber bestimmt. Ist da vielleicht doch noch jemand besessen von Geltungsdrang? Ein Kollektiv lebt schließlich von und mit gemeinsamen Interessen.

Ob es »Obsessions« über den Rahmen von »NOperas!« hinaus auf die Spielpläne schafft, muss sich erweisen. Das Zeug dazu hat diese unterhaltsame wie formal interessante Arbeit. Zugleich könnte diese Produktion ökonomisch einen Weg andeuten, die eingangs skizzierte Problematik zu überwinden. Die Oper, wobei das hier auch für Operette und Musical stehen darf, ist schließlich nicht nur die beliebteste Theaterform, sondern auch die teuerste. Der personelle Aufwand, den die Häuser dafür betreiben, der Apparat, den sie vorhalten müssen, ist ohne Subventionen nicht zu stemmen. Und wie die Situation sich nach der Pandemie entwickelt, ist trotz der recht großzügigen Hilfen kaum absehbar. Vielleicht ist dann auch die Absage an das gesellschaftliche Konkurrenzsystem noch einen Gedanken wert, der durch »Obsessions« gestiftet wird.

Nächste Vorstellungen: 22. und 27.2.

www.noperas.de

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