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Tool für Selbstbestimmung

Das Kollektiv »Gynformation« bietet eine Datenbank mit Gynäkolog*innen, die sensibel für Diskriminierung sind

  • Von Ulrike Wagener
  • Lesedauer: 6 Min.
Bildstrecke aus feministischen Archiven
Bildstrecke aus feministischen Archiven

Seit dem Frühjahr 2020 kann man in eurer Datenbank »Gynformation« nach Gynäkolog*innen suchen, die diskriminierungssensibel arbeiten und bestimmte Behandlungen durchführen. Warum brauchen wir so etwas?
Wir kennen wenige Menschen, die regelmäßig zu gynäkologischen Untersuchungen gehen und noch keine schlechten Erfahrungen gemacht haben. Das kann übergriffiges Verhalten sein, die Verweigerung bestimmter Eingriffe oder die Schwierigkeit, eine passende Person für ein Anliegen zu finden. Ein Auslöser für unser Projekt war die Verurteilung der Ärztin Kristina Hänel, die auf ihrer Website über Schwangerschaftsabbrüche informiert hatte. Wir wollten uns solidarisch zeigen und darüber informieren, wo und wie man Abtreibungen durchführen lassen kann – weil Ärzt*innen das wegen Paragraph 219a nicht erlaubt war. »Gynformation« ist unser Tool für gynäkologische Selbstbestimmung.

Was heißt das?
Für uns heißt das, dass jeder Person bei einer gynäkologischen Behandlung alle Informationen an die Hand gegeben werden, um über den eigenen Körper und die medizinische Behandlung entscheiden zu können. Gerade in der Gynäkologie gibt viele moralische und gesetzliche Hindernisse, die dem im Weg stehen. Vieles davon ist auch auf Misogynie zurückzuführen. Das kann etwa dazu führen, dass die chronische Erkrankung Endometriose über zehn Jahre nicht erkannt wird, weil bestimmte Äußerungen von Schmerz nicht ernstgenommen werden. Es wird gesagt: »Ist halt so, da musst du durch.« Es gibt aber auch Ärzt*innen, die versuchen das anders zu machen und sich feministisch weiterzubilden. Und wir wollen zeigen, wo man die finden kann.

Auf eurer Website sind mittlerweile fast 500 Empfehlungen gelistet. Dabei stützt ihr euch allein auf Empfehlungen von Patient*innen. Warum?
Weil die eigene Erfahrung für uns eine große Rolle spielt und immer auch mit der eigenen Positionierung zu tun hat. Diskriminierung hat einen großen Einfluss auf die medizinische Behandlung. Erfahrungen marginalisierter Patient*innen, die z.B. trans, behindert, of Color, HIV-positiv sind oder Sexarbeit leisten stellen daher ein wichtiges Wissen dar.

Was macht ihr, wenn es Kritik an einer empfohlenen Praxis gibt?
Wir gehen davon aus, dass es nicht die perfekte behandelnde Person gibt, die für alle die Top-Empfehlung wäre. In solchen Fällen diskutieren wir das und nehmen die Empfehlung gegebenenfalls auch wieder raus.

Ihr listet nicht nur Gynäkolog*innen. Warum ist das Spektrum so breit?
Zu Beginn haben wir neben Gynäkolog*innen und Hebammen auch Allgemeinmediziner*innen aufgenommen, weil die auch Schwangerschaftsabbrüche durchführen können. Dann haben uns mehrere Menschen gesagt, dass für sie auch andere Behandler*innen für ihre gynäkologische Versorgung wichtig sind. Zum Beispiel sind viele trans Personen während einer Transition auf Endokrinolog*innen angewiesen. Und Dermatolog*innen kann man bei Geschlechtskrankheiten aufsuchen.

Gutes Stichwort. Es ist ja gar nicht so einfach an Tests für Geschlechtskrankheiten ranzukommen.
Ja, bei den städtischen Stellen ist es teilweise schwierig, einen Test zu bekommen, wenn man nicht ein bestimmtes »Risiko« hatte. Eigentlich sollten aber alle Menschen Zugang zu diesen Tests haben, weil damit auch eine bestimmte Fürsorge für unsere Körper und die unserer Intimpartner einhergeht. Es gibt dafür viele Beispiele, der Umgang mit dem Humanen Papillomvirus (HPV) etwa ist schwierig: Da fühlen sich große Teile der Patient*innen immer noch extrem schlecht informiert, zu Übertragungswegen in queeren Kontexten haben wir quasi gar keine Forschung.

Im Berliner Stadtteil Neukölln fehlen – im Verhältnis zur Bevölkerung – etwa 14 Gynäkolog*innen. Müsste man nicht erst einmal die Grundversorgung garantieren, bevor man sich darüber Gedanken macht, ob eine Praxis sensibel agiert?
Das gehört für uns zur Grundversorgung. Selbst wenn du in dieser Gruppe von Menschen, die zur Gynäkolog*in geht, als weiße nicht behinderte, cis hetero Frau die privilegierteste bist, hast du immer wieder solche nicht selbstbestimmten Momente: Deine Beschwerden werden nicht ernstgenommen, du hast Schwierigkeiten, eine Adresse für eine Abtreibung zu finden, darfst dich nicht sterilisieren lassen. Klar, es muss sich politisch darum gekümmert werden, dass es genug Praxen gibt, aber darauf können wir nicht warten. Das muss gleichzeitig passieren.

Was genau muss da passieren?
Wir versuchen möglichst viele Behandelnde zu sensibilisieren: Dass Patient*innen in der Behandlung zugehört wird und sie Fragen stellen können, kein moralischer Druck aufgebaut und nach Konsens gefragt wird, sie keine verbale oder physische Gewalt erleben. Viele Schritte dahin sind recht einfach umzusetzen: Nach Pronomen fragen und Anamnesebögen genderneutral gestalten, sich als Ärzt*in für den eigenen Rassismus, Sexismus und Ableismus sensibilisieren, Erfahrung mit sexualisierter Gewalt vor der Behandlung abfragen und nachfragen, bevor man eine*n Patient*in berührt, im Gespräch vermitteln, dass es ein Bewusstsein für vielfältige Sexualitäten gibt und diese auch in der Versorgung mitgedacht werden, die Praxis räumlich und in der Kommunikation so barrierefrei wie möglich gestalten.
Wenn Ärzt*innen auf unsere Seite gehen und die Bedürfnisse der verschiedenen Personengruppen sehen, sehen sie auch, wie weit wir von einer adäquaten Grundversorgung entfernt sind. Das kann ein Anstoß sein, sich weiterzubilden und bestimmte Barrieren abzubauen.

Man kann nach allen möglichen Personengruppen in der Datenbank suchen. Alter ist glaube ich nicht dabei?
Wir haben uns entschieden, die Bedürfnisse, die vor allem an ein bestimmtes Alter geknüpft sind, über die Behandlungsformen abzubilden, z.B. Teenagersprechstunde oder Menopause. Wir wenden uns an alle Menschen, die als Patient*in in gynäkologische Behandlungen gehen müssen. Wir haben leider keine Daten darüber, wer unsere Seite nutzt, aber selbstkritisch könnte man vermuten, dass wir im Moment eher eine jüngere, queer-feministische Gruppe erreichen. Die Selbstkritik gilt auch in Bezug auf andere Gruppen, die unser Projekt vielleicht nützlich fänden, aber nichts davon wissen, z.B. Menschen ohne Krankenversicherung oder mit sehr wenig Geld. Die Frage nach Kapitalismus und Klassismus im Gesundheitssystem nimmt in unserem Kollektiv noch nicht genug Raum ein. Letztlich lassen sich viele Probleme, die wir beschreiben, aber darauf zurückführen.
Gerade in einer Pandemie ist es wichtig, über das Gesundheitssystem zu sprechen und eine linke Bewegung zur besseren Pflege und medizinischen Versorgung für alle zu unterstützen. Welcher Wert wird welchem Menschenleben zugesprochen, wer bekommt welche Gesundheitsversorgung? Das ist uns wichtig.

Dazu passende Podcast-Folgen:

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