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»Gendermedizin ist für alle da«

Die Gesundheit und die Lebenserwartung von Männern und Frauen sind unterschiedlich. Woran liegt das und wie kann man das ändern?

  • Von Kirsten Achtelik
  • Lesedauer: 7 Min.
Bildstrecke aus feministischen Archiven
Bildstrecke aus feministischen Archiven

Wie ist der Ansatz der Gendermedizin entstanden?

Unter anderem aus der Frauenbewegung der Siebziger Jahre ist die Idee entstanden, dass nicht nur ärztliches Wissen wichtig ist, sondern Patient*innen selber bei ihren Erkrankungen gehört werden müssen. Es gab Selbstorganisation und -information von Patient*innen, die Behindertenbewegung und später auch die HIV/Aids-Bewegung haben eine große Rolle dabei gespielt, dass der Slogan »Nothing about us without us« (Nichts über uns ohne uns) zum Standard geworden ist. Dabei ist aufgefallen, dass in der Forschung und Behandlung verschiedene Faktoren bis dahin kaum beachtet worden sind wie Geschlecht oder soziale Lage. Patient*innen haben sich auch dafür eingesetzt, dass die Lebensqualität eine Rolle bei der Therapieplanung spielen sollte und nicht nur die Lebensdauer. In Deutschland hat die Gendermedizin dann über die Kardiologie Einzug in die Medizin gehalten, als deutlich wurde, wie unterschiedlich Herzinfarkte bei Frauen und Männern sind.

Ist das einer der Unterschiede, die die Gendermedizin untersucht?

Ja, unter anderem. Ich selber komme aus der Frauengesundheitsforschung. Beim Thema Prävention haben Frauen die Nase vorn, sind interessierter und nutzen Präventionsangebote mehr als Männer. Meine Dissertation habe ich darüber geschrieben, wie Frauen durch einen gesunden Lebensstil ihre Herzgesundheit verbessern können. Vor zwanzig Jahren war noch nicht so klar, dass Frauen sich um ihre Herzgesundheit genauso wie Männer kümmern müssen. Und in den letzten Jahrzehnten hat sich herausgestellt, dass sich bei Frauen Herzinfarkte anders äußern, nicht nur als der klassische Brustschmerz wie bei Männern, sondern auch als ein Engegefühl in der Brust, außerdem Atemnot, Schweißausbrüche oder Rückenschmerzen. Mir ist dann aber immer mehr aufgefallen, dass es auch in der Männergesundheit einiges zu verbessern gibt, dass vor allem Männer mit niedrigen Lebenschancen überproportional früh sterben. Wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass Männer mit einem geringeren Einkommen und niedrigeren kognitiven Fähigkeiten früher versterben. Den Faktor Lebenslage gibt es auch bei Frauen, aber bei Männern ist er stärker. Auch bei Männern gibt es also Versorgungslücken, die wir dringend angehen müssen. Gendermedizin ist für alle da.

Wenn wir im Patriarchat leben und medizinische Forschung sich an cis Männern orientiert, warum sterben diese dann früher?

Der tatsächlich biologische Unterschied in der Gesundheit und Lebenserwartung von Männern und Frauen scheint sehr begrenzt zu sein. Die recht bekannte Klosterstudie hat gezeigt, dass es sehr auf die Bedingungen ankommt: Im Kloster gibt es eine relativ gesunde Ernährung, wenig Substanzkonsum, alle haben eine als nützlich empfundene Aufgabe und ausreichend Bewegung. Unter diesen Bedingungen schrumpft der Unterschied in der Lebenserwartung auf unter zwei Jahre. Und in Männerklostern durfte noch länger geraucht werden als in den Frauenklöstern, das kann einen Teil dieses Unterschieds auch noch erklären. Frauen sind stärker betroffen von psychischen Problemen, Männer haben aber eine höhere Suizidrate. Man kann also davon ausgehen, dass es da viele undiagnostizierte psychische Probleme gibt.

In Deutschland beträgt der Unterschied in der Lebenserwartung im Moment durchschnittlich fünf Jahre. Woran liegt das genau?

Sich um sich und andere zu kümmern, stabile soziale Beziehungen zu führen sind mit den klassischen männlichen Geschlechterstereotypen nicht gut vereinbar. Wir gehen davon aus, dass toxische Männlichkeit bei der geringeren Lebenserwartung eine Rolle spielt, weil gesünderes Verhalten, halt auch mal Salat zu essen, statt immer Fleisch, als weiblich gilt und Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch zu nehmen eben als unmännlich. Auch die Werbung, die Alkohol, Rauchen und schnelles Fahren mit Abenteuerlust und Virilität assoziiert, spielt da eine Rolle. Sterblichkeit und der Umgang mit Krankheiten haben viel damit zu tun, wie wir als Gesellschaft Männlichkeit und Weiblichkeit definieren.

Gender umfasst ja nicht nur Frauen und Männer. Wie kann man das in der Forschung erfassen?

Mit dem aktuellen Transsexuellengesetz ist es weiterhin enorm schwer, den Personenstand zu ändern, offiziell das Geschlecht anzugleichen. Für nicht binäre oder trans Personen gibt es kaum Daten, in der Forschung gibt es noch keinen Goldstandard für die Erfassung. Man muss in der Forschung einen guten Grund haben, warum man trans oder nicht binäre Menschen extra erfasst. Es ist wichtig, mit den Daten sensibel umzugehen, die Forschung muss der Gruppe nutzen, oft ist es sinnvoll, mit Vertreter*innen der Gruppe zusammenzuarbeiten. Wenn es medizinisch erforderlich ist, man beispielsweise herausfinden will, ob trans und nicht binäre Menschen medizinisch gut versorgt sind, kann man zweischrittig vorgehen: Man kann abfragen, wie sie sich selbst einordnen und – wenn es relevant ist – welches Geschlecht ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. So kann man sich annähern, aber nicht binäre, trans und inter Personen sind eine recht heterogene Gruppe, da ist es schwierig, genügend große Stichproben zu erhalten, damit die Ergebnisse auch statistisch vom Zufall unterscheidbar sind. Wir arbeiten gerade an der Charité an einem Konzept, um auch bei größeren Umfragen über die binäre Geschlechtererfassung hinauszugehen.

Was bedeutet Gendermedizin in einer Pandemie?

Die Coronapandemie hat noch mal gezeigt, wie wichtig es ist, den Blick auf Geschlechterunterschiede ernst zu nehmen. Am Anfang waren die Daten der Erkrankten nicht nach Geschlecht aufgesplittet und die Überraschung groß, als bei den Männern die Rate der schweren Verläufe und auch die Sterblichkeit höher war. Wenn man das aus einer Präventionsperspektive betrachtet, ist das aber nicht sonderlich überraschend, weil die relevanten chronischen Erkrankungen mehr bei Männern vorliegen. Frauen sind allerdings vermutlich stärker von Long Covid betroffen und stärker belastet durch die veränderte und vermehrte Sorgearbeit, die überwiegend bei ihnen gelandet ist. Die höhere Sterblichkeit bei Männern zeigt aber auch, wie groß die Probleme hier in der Prävention sind. Männer gehen weniger zum Arzt, Probleme werden später erkannt, die Gefahr, dass eine Krankheit chronisch wird, ist höher.

Kann man bei der Prävention nicht mittlerweile von Selbstoptimierung, so sehr, wie manche Gruppen angesprochen werden?

Das ist ein Spannungsfeld: Frauen sollen alles machen, da werden sehr viele Kampagnen gemacht, bei Männern ist man eher zögerlich mit der Aufklärung. Ein eindrückliches Beispiel wäre, wie unterschiedlich die Selbstuntersuchung propagiert wird in Hinsicht auf Brustkrebs und in Bezug auf Hodenkrebs. Bei beidem ist es wichtig, sich abzutasten und selbst Veränderungen festzustellen. Aber die Intensität, mit der das potenziell Betroffenen nahegebracht wird, ist sehr unterschiedlich. Auch eine halbwegs gesunde Ernährung ist ja gar nicht so schwierig. In dem Bereich gibt es aber so viele Appelle gerade an Frauen, was man alles beachten könnte, um sich optimal zu ernähren, dass Schuldgefühle quasi vorprogrammiert sind, weil man gar nicht alles beachten kann. Zudem sind wir von paradoxen Botschaften umgeben. Wir sollen uns optimal um uns selbst sorgen, aber gleichzeitig konsumieren, Dinge wie Snacks, Drinks, Zigaretten.

In der Frauengesundheitsbewegung ist ein Zweig dieser Selbstfürsorge auf einen innerlichen und esoterischen Weg abgebogen. Hat diese Ablehnung der klassischen Medizin die Entwicklung von Covidleugner*innen und Impfskeptiker*innen mit vorbereitet?

Mit den großen Herausforderungen wie der Coronapandemie oder dem Klimawandel ist klar geworden, dass wir die Fakten und die Daten brauchen, dass wir wissen müssen: Was funktioniert denn wirklich? Placeboeffekte sind mittlerweile sehr bekannt. Von daher ist es kein überzeugendes Argument zu sagen, ich fühle mich damit individuell besser. Das ist aber kontraintuitiv und schwer zu verstehen. Dafür braucht man schon auch das Wissen, wie man zu gesicherten Erkenntnissen kommt – das muss vielleicht auch stärker in der schulischen Bildung vermittelt werden. Auch dass die Erde eine Kugel ist, ist ja kontraintuitiv, schließlich sieht alles sehr flach aus. In der Kritik an den »Göttern in weiß« das Kind mit dem Bade auszuschütten und nur noch auf die eigene Einschätzung zu vertrauen, das ist sehr problematisch. Auch eine Fallstudie oder Anekdote kann ja sehr interessant sein, aber die Frage, wie generalisierbar ist das, ist entscheidend für eine Behandlungsempfehlung.

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