Patriarchat, du Tal der Schmerzen

Jeja nervt: Die Ignoranz gegenüber weiblichem Schmerz

  • Von Jeja Klein
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Invasion in die Ukraine wirft ein Schlaglicht darauf, wie sehr die Kategorie Geschlecht unser Leben noch immer prägt. Während für Männer in der Ukraine Wehrzwang und eine Ausreisesperre besteht, erreichen die ersten geflüchteten Frauen den Berliner Hauptbahnhof. Und das Leid dieser Frauen weckt archaische Instinkte. Nicht wie Asylbewerber solle man die Fliehenden behandeln, fordern nun viele Rechte. Statt sie in Massenunterkünften zu quälen, sollten diese VIP-Flüchtlinge gefälligst »dezentral« untergebracht werden. Haben AfD und Co. plötzlich ihren Sinn für den Schmerz der Frauen entdeckt? Wohl kaum.

Eher dürften hier die Fetischisierung slawischer Frauen und ihr Framing als natürlich, attraktiv und genetisch verwandt dafür sorgen, dass sie gegen andere Geflüchtete ausgespielt werden. Und: So lässt sich auch prima ihre sexuelle Objektivierung anderen Männern anhängen, nämlich den in Massenunterkünften untergebrachten Syrern, Irakern oder Afghanen. Mit Beginn des Krieges, pünktlich am 24. Februar, explodierten übrigens Netzsuchen wie »ukraine porn« oder »ukrainian amateur«. Der Schmerz der Frauen, auf die nun Bomben fielen, mag viele von uns erschüttern. Natürlich auch der der Männer. Einige von uns aber motiviert er zu ganz anderen Regungen.

Doch auch die Zeit der Corona-Maßnahmen hat Frauen massiv geschadet. Unentlohnte Familienarbeit, Stress und häusliche Gewalt haben deutlich zu-, Wochenarbeitsstunden im Job jedoch abgenommen. Und obwohl die Krise und ihre Bearbeitung durch die Bundesregierung zu einer großen Umverteilung von Ressourcen an Männer geführt hat, gibt es keinen weiblichen Aufschrei, keine vernehmbare feministische Stimme. Der Schmerz sowohl der Frauen als auch anderer marginalisierter Geschlechter, er bleibt stumm.

Kein Wunder: Warum sollte der Schmerz von Frauen auch zu der Einsicht führen, dass an der politischen und kulturellen Großwetterlage etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist, wenn man die Unbekümmertheit für den weiblichen Schmerz sogar in der Medizin feststellen kann? Unter dem Schlagwort »gender pain gap« untersuchen Forscher*innen schon lange den Geschlechterunterschied beim medizinischen Umgang mit Schmerzen. Studien zeigen etwa, dass es vom Zeitpunkt, an dem eine Frau im Krankenhaus Schmerzen im Bauch verbalisiert, im Schnitt 16 Minuten länger dauert, bis medizinische Maßnahmen eingeleitet werden. Sieben Prozent mehr Frauen werden gar überhaupt nicht behandelt. Die sehr starken Opioide verschreibt man eher Männern.

Eine Überblicksstudie von 2018 hat sich mit den zugrundeliegenden Annahmen über Geschlecht, Schmerz und Krankheit beschäftigt. Frauen gelten in den Studien als sensibler als die »stoischen« Männer, mithin als hysterisch. Während die Schmerzen von Männern außerhalb ihrer Verantwortung verortet werden, also als Ergebnis von Genen oder der Arbeitsbelastung, liegen die Ursachen der Schmerzen von Frauen in ihnen selbst. Das geht nicht nur so weit, dass Frauen viel häufiger fälschlich ein psychosomatisches Syndrom unterstellt wird. Frauen glauben sogar selber daran, dass sie es sind, die einen Umgang mit ihren Schmerzen finden müssten, während Männer das Gesundheitssystem in der Pflicht sehen. Klar, dass sie sich dann auch nicht an ärztlichen Rat halten und weiter identitätsstiftenden Sport treiben oder selbst bei Knochenschwund schwere Lasten heben. In einer Disziplin sind Männer allerdings durchaus dazu bereit, sich zu schonen. Hier sind es eher die Frauen, die wohl einfach nicht zurückstecken wollen. Es ist die Hausarbeit.

Ein weiteres Problem: Sieht eine Frau »zu gut aus«, muss sie es mit ihren Beschwerden übertreiben. Verfehlt sie Schönheitsideale zu stark, wurde sie eher als unglaubwürdig eingeschätzt. Die Krux: Sowohl medizinisches Personal als auch Patient*innen teilen solche Ansichten. Dass der Schmerz von Frauen also kein Gehör findet, liegt nicht nur daran, dass niemand zuhört. Das Patriarchat treibt es uns zuverlässig aus, zu glauben, dass wir ein schmerzärmeres Leben verdient hätten.

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