Erdgas aus Algerien

Die MidCat-Leitung soll künftig die Abhängigkeit der EU von russischem Gas reduzieren

  • Von Ralf Streck, San Sebastián
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Flüssiggas-Häfen in Spanien könnten künftig eine wichtige Rolle für die Gas-Versorgungssicherheit in Europa spielen.
Die Flüssiggas-Häfen in Spanien könnten künftig eine wichtige Rolle für die Gas-Versorgungssicherheit in Europa spielen.

Spanien möchte bei der Umgestaltung der Gasversorgung in der EU im Zuge des Ukraine-Kriegs eine zentrale Rolle einnehmen. Die katalanische Tageszeitung »La Vanguardia« hatte schon vor einem Monat berichtet, dass man in Madrid und der Nato darüber nachdenke, das MidCat-Projekt zu reaktivieren. Es war 2019 auf Eis gelegt worden. Über die geplante Pipeline könne die »starke Abhängigkeit« von russischem Gas gesenkt werden, indem Gas aus Algerien und Flüssiggas von den Terminals in Spanien und Portugal »in das Herz Europas« gepumpt wird, hatte die Zeitung berichtet.

Schon vor Beginn des Ukraine-Kriegs wurden nicht genannte Quellen in der spanischen Regierung zitiert, wonach die Wiederbelebung einer »neuen grenzüberschreitenden Verbindung mit Frankreich« nun auch »auf dem Arbeitstisch der Nato« liege. Die sozialdemokratische Regierung in Madrid äußert sich offiziell weiterhin zurückhaltend zu dem Plan. Das Problem für die Regierung unter Pedro Sánchez ist, dass sie es war, die 2019 darauf gedrängt hatte, das Projekt vorerst zu stoppen.

In Katalonien, wo es auch starke Widerstände von Umweltschützern gegen MidCat gab, drängt nun vor allem der große Unternehmerverband »Foment del Treball« auf eine Reaktivierung. In einem Brief an Sánchez hat er gerade die »dringende« Fortführung des Projekts angemahnt, um sich als »Gas-Hub« in Südeuropa zu positionieren. »Weniger von Lieferungen aus Russland abhängig zu sein, ist eine geostrategische und ökonomische Priorität und eine Waffe, um den russischen Expansionismus zu stoppen«, erklärte Verbandspräsident Josep Sánchez Llibre und erinnerte daran, dass das Projekt 2013 zwischen Frankreich, Spanien und Portugal vereinbart worden war.

Die Röhre von Barcelona, wo im Hafen die größte Regasifizierungsanlage Europas steht, wurde sogar schon bis Hostalric an den Rand der Pyrenäen gelegt. Insgesamt sollte die Pipeline über 235 Kilometer ins französische Barbaira führen. Doch dem »South Transit Eastern Pyrenees« (Step) genannten Abschnitt wurde die Genehmigung verweigert. Offiziell war dies mit einer mangelnden Notwendigkeit und hohen Kosten für ein Projekt begründet worden, das die EU in Brüssel noch bis 2018 auf der Liste der »prioritären Infrastruktur« stehen hatte. Die Pipeline entspreche »nicht den Marktbedürfnissen« und sei »nicht ausgereift genug, um berücksichtigt zu werden«, argumentierten die Energieregulierungsbehörden in Spanien und Frankreich, als sie 2019 auf Eis gelegt wurde. Das Kostenargument von französischer Seite ist sogar berechtigt, denn Frankreich sollte zwei Drittel der 3,1 Milliarden Euro aufbringen, die dafür veranschlagt worden waren. Nutznießer sollte aber vor allem Spanien sein.

So war es in Madrid auch eine politische Entscheidung im Streit mit den abtrünnigen Katalanen, nicht in die Region zu investieren. Es war eine Entscheidung gegen die eigenen Interessen im Land. Die sozialdemokratische Umweltministerin Teresa Ribera führte auch Klimaschutzargumente dagegen ins Feld. Doch die Blockade stellt Befürwortern zufolge nun ein Problem für die Versorgungssicherheit in Europa dar, denn eigentlich hätte MidCat in diesem Jahr in Betrieb gehen sollen. Jetzt ist vor 2024 oder 2025 an eine Fertigstellung nicht mehr zu denken.

Die Pipeline könnte die Energieabhängigkeit von Russland indes bestenfalls mäßig verringern. Mit einer Kapazität von gut sieben Milliarden Kubikmetern pro Jahr sollte die Menge an Gas verdoppelt werden, die bisher von der Iberischen Halbinsel in zwei Pipelines über das Baskenland ins französische Netz eingespeist wird. Das wäre aber trotzdem nur ein Bruchteil der Kapazität, die Nord Stream 2 mit 55 Milliarden Kubikmeter liefern sollte und die Nord Stream 1 hat.

Hinzu kommt die Frage, woher das Gas kommen soll, das über MidCat nach Zentraleuropa fließen soll. Denn derzeit erhält auch Spanien nicht mehr genug Gas aus Algerien. Algerien liefert wegen des Krieges in der von Marokko besetzten Westsahara kein Gas mehr an das Nachbarland, nachdem Verträge ausgelaufen sind. Marokko beschuldigt Algerien deshalb immer wieder »Kriegspartei« zu sein und die Befreiungsfront Polisario in der Westsahara zu unterstützen.

Da kein Gas mehr zum Nachbarn fließt, gelangt über die Pipeline Maghreb-Europa derzeit auch keines mehr nach Spanien und Portugal. Die direkte Medgaz-Pipeline kann den Ausfall nicht kompensieren, weshalb auch Spanien verstärkt auf Flüssiggas-Schiffslieferungen setzt.

Über MidCat sollte auch der Zugang zu den spanischen und portugiesischen Flüssiggasterminals verbessert werden, auf die nun der deutsche Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) setzt. Dabei ist gerade jenes Flüssiggas, das vom weltweit größten Gasproduzenten USA mit der Methode des Fracking gefördert wird, besonders klimaschädlich – nach Ansicht von Experten noch schädlicher als Kohle. Bislang gibt es in Spanien und Portugal Regasifizierungsanlagen und damit etwa 30 Prozent der gesamten Kapazität der EU.

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