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Die großen Irrtümer des jungen Jack

Als der Student John F. Kennedy Nazi-Deutschland gründlich missverstand

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 5 Min.

Alexander von Humboldt war sich sicher: »Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, die die Welt nie angeschaut haben.« Der Wahrheitskern dieser Beobachtung hat zweifellos auch zum Untergang der DDR beigetragen. Aber wahr ist gleichfalls, dass getreu einem anderen, aus Russland stammenden Bonmot - »Er lügt wie ein Augenzeuge« - tatsächlich manch einer gerade auf Reisen zu Fehlurteilen neigt. Der nahe Blick garantiert nicht immer Über-Blick. Das von Herausgeber Oliver Lubrich einfühlsam und kompetent betreute »Geheime Tagebuch« von John »Jack« F. Kennedy verdeutlicht dies beklemmend und unterhaltsam.

Das Buch enthält die Aufzeichnungen, die der 20-jährige Harvard-Politologiestudent auf seiner ersten Europareise mit einem Kommilitonen im Sommer 1937 anfertigt. Zu Lebzeiten des 1963 im Alter von nur 46 Jahren »unsterblich ermordeten« 35. US-Präsidenten wurden sie nie veröffentlicht - erst Jahrzehnte später. Nach rasch vergriffener Erstauflage jetzt neu erschienen, widerspiegeln die Notizen neben Eindrücken aus Frankreich und Spanien Impressionen im faschistischen Italien und Nazi-Deutschland. Wir erleben zwei junge Männer auf Abenteuerjagd, testosterongesteuert, interessiert an kulturgeschichtlichen Sehenswürdigkeiten wie Versailles oder Notre-Dame und wo immer möglich in direktem Kontakt zu Italienern und Deutschen, um ein besseres Verständnis der Verhältnisse in deren Heimat zu gewinnen.

Die Einträge bezeugen Kennedys Jugend, Vorurteile und Naivität ebenso wie seine Neugier und Lernbereitschaft. Es hat sogar etwas Tröstliches, wie wenig präsidentielles Zukunftspotenzial sich aus den persönlichen Notizen eines 20-Jährigen ableiten lässt. Aber genau das gehört ja auch zum Reiz und zur Beschränktheit von Tagebuchaufzeichnungen.

So finden sich völkerkundliche Verallgemeinerungen, die vielen touristischen Urteilen eigen und von der Wahrheit nicht selten so weit entfernt wie dem Rassismus nahe sind. 11. Juli 1937, Paris: »... nach dem Mittagessen raus nach Fontainebleau … Es war sehr überlaufen und damit unvermeidlich, dem französischen Volk näherzukommen. Fehlende Badewannen und der charakteristisch kohlige Mundgeruch machen ihre Nähe nicht übermäßig reizvoll.« 21. August, Württemberg, Köln, den Rhein entlang: »Die Städte sind alle sehr reizend, was zeigt, dass die nordischen Rassen den romanischen gewiss überlegen zu sein scheinen. Die Deutschen sind einfach zu gut - deshalb schließt man sich gegen sie zusammen, um sich zu schützen.« Noch weitergehende Kurzschlussverallgemeinerung am 3. August, zwischen Mailand und Piacenza: »... komme zu dem Schluss, dass Faschismus das Richtige ist für Deutschland und Italien, Kommunismus für Russland und Demokratie für Amerika und England.«

Literaturwissenschaftler Oliver Lubrich sorgt in seinem lesenswerten Nachwort für Einordnung, ohne die das geheime Tagebuch als moderne Publikation verloren wäre. Er bringt Kennedys studentische Jungfernreise 1937 nach Deutschland in Zusammenhang mit seiner zweiten 1939, unmittelbar vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, als Sohn des US-Botschafters in London, Joseph P. Kennedy. Sowie mit seiner dritten während der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945, als Reporter.

Lubrich nennt Kennedys erste Deutschlandfahrt »eine politische Initiation«, die zweite am Vorabend des Zweiten Weltkrieges, die ihn nach München, Berlin und Danzig führt, die eines Rechercheurs zur Frage, wie der aggressiven Hitler-Diktatur von außen entgegenzutreten und ein Krieg noch zu verhindern sei. Die dritte schließlich - die Nazis besiegt und Deutschland am Boden - findet kurz nach Kriegsende und zu Beginn des Kalten Krieges statt, der Jahre später mit dem Bau der Berliner Mauer, der amerikanisch gelenkten Invasion in der Schweinebucht und der Kuba-Krise Kennedys Präsidentschaft prägen wird.

Kennedy reist während der Potsdamer Konferenz (Juli/August 1945) als politischer Journalist für den Nachrichtendienst des Medienriesen William Randolph Hearst und im Gefolge von US-Marineminister James Forrestal. Seine Beobachtungsmethode ist gleich geblieben: Hatte er 1937 Anhalter mitgenommen und nach ihrer politischen Einschätzung befragt, hatte er 1939 - als Botschaftersohn - Zugang zu Diplomaten gehabt und in Danzig »mit den Nazichefs und sämtlichen Konsuln gesprochen«, sucht er im Sommer 1945 das Gespräch mit Angehörigen der alliierten Militärverwaltung wie mit einfachen Deutschen (»A German Girl«). Doch obwohl mit 28 nun ein erwachsener Mann zugange ist, erweist sich auch dieser »Jack« Kennedy immer noch als erstaunlich naiv im Angesicht der offen zutage liegenden faschistischen Schreckensbilanz.

Zwar hat er begonnen, sich von den politischen Positionen seines Botschaftervaters zu lösen, der nicht nur ein Patriarch und Reaktionär erster Güte, sondern auch ein prominenter Verfechter der damals in der US-Politik verbreiteten nicht einmischenden Duldungspolitik (»America First!«) gegenüber den faschistischen Diktaturen ist. Zwar beschreibt der Reporter Kennedy in Berlin, das er kurz vor Ausbruch des Krieges noch besucht hatte, die »aschgrauen« Ruinen, den »süßlichen« Leichengeruch und die »fahlen« Menschengesichter in den Kellerbehausungen und setzt sich mit Kriegsbeute und Währungsfragen auseinander.

Doch, so Oliver Lubrich: »Die Messgröße alles Bösen geben nun schon die Russen ab - und nicht die deutsche Totenkopftruppe. Das Interesse scheint bereits dem neuen Konflikt zu gelten, der sich mit der Sowjetunion anbahnt.« Nur an einer Stelle seines Nachkriegsreiseberichts seien in Kennedys Text die deutschen Verbrechen ausdrücklich vorgekommen - als eine Frau, die er befragt, das Wort »Konzentrationslager« ausspricht. »Aber als von Adolf Hitler die Rede ist«, so Oliver Lubrich, »spielen sie keine Rolle - oder sie werden allenfalls angedeutet.« So enden die Tagebücher des John F. Kennedy mit einem Rätsel.

Oliver Lubrich (Hg.): John F. Kennedy. Das geheime Tagebuch. Europa 1937. DVB-Verlag , 224 S., geb., 22 €.

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