»Nun bist auch du verloren«

Wie gestaltete sich die »Wiedererfindung Russlands«? Ein Rückblick auf drei sehr populäre Spielfilme von Alexej Balabanow

  • Von Mario Pschera
  • Lesedauer: 7 Min.
Die Filme von Alexej Balabanow (1959-2013) waren intelligenter als ihr Publikum
Die Filme von Alexej Balabanow (1959-2013) waren intelligenter als ihr Publikum

Vielleicht hätte man vor 15, 20 Jahren mal ins russische Kino gehen sollen. Dorthin, wo der Diskurs um »russische Identität«, das sowjetische Erbe, die »Wiedererfindung Russlands« zu bildmächtigen Kondensaten gerann, die heftige Debatten und oft genug das Gegenteil der intendierten Wirkung auslösten.

Das Ende der Sowjetunion bot keinen Stoff für ruhmreiche Erzählungen. Doch 1997 schenkt der Regisseur Alexej Balabanow Russland einen neuen Helden: Ein junger Bursche in Wattejacke marschiert durch eine trostlose Landschaft mitten in den Dreh eines Videoclips der Gruppe Nautilus Pompilius zu »Krylja« (Flügel) - ein Lied über einen sinnlosen Krieg und einen verstümmelten Engel. Es kommt zu einer Schlägerei, der Bursche landet bei der Miliz, wo man ihm rät, etwas aus sich zu machen. Wie sein Bruder, der ihm den Vater ersetzt hat und nun freiberuflich als Auftragsmörder tätig ist.

Also zieht der Bursche los nach Petersburg, den Bruder zu suchen - und dieses Antikriegslied »Krylja«. Er hilft einem obdachlosen traurigen Deutschen, rettet eine Frau vor ihrem gewalttätigen Mann, pflegt einen arglosen Machismo und ein dualistisches Weltbild (»Deutscher oder Jude, wo ist da der Unterschied?«) und schießt sich kaltblütig durchs Petersburger Geschäftsleben.

Danila, so heißt der Junge mit dem offenen Kinderlächeln, ist im Kaukasuskrieg sozialisiert und will nur seinen Idolen, ebenjener Musikgruppe, nahe sein. Das gelingt ihm dann auch auf einer Privatparty, während sein Auftragspartner ein Stockwerk tiefer einen Menschen foltert und anschließend zwei Leichen entsorgt werden müssen. Sein Bruder entpuppt sich als geldgeiler Egomane, der keinen Verrat scheut, doch am Ende verzeiht ihm Danila. Man ist ja von einem Blut.

Inszeniert war der Film als eine böse tarantinohafte Parodie auf das Heldengenre; er sollte eine verrohte, gleichgültige Gesellschaft spiegeln, der sämtliche Bindungen abhandengekommen sind. Der Regisseur und Moralist Balabanow legte viele Spuren aus, in der Figur des Deutschen etwa, eines kultivierten älteren Mannes, der eine entwertete Vergangenheit symbolisiert und mit Danila Gespräche führt, deren Inhalt dieser nicht begreift. Er ist die einzige integre Figur des Filmes und kann schließlich nur traurig konstatieren: »Nun bist auch du verloren.«

Balabanow führt seine Landsleute vor, deren Werte zu Leerformeln verkommen sind, indem er konsequent aus der Sicht seines »unverdorbenen« Helden erzählt und zudem dichotomische Gewissheiten über »Unsrige« und »Fremde« dekonstruiert. Nur: Nicht nur Danila begreift nichts, auch die Mehrheit der Zuschauer vermag die Spuren nicht zu lesen. Der Film »Der Bruder« entwickelte ein paradoxes Eigenleben. Ursprünglich als Low-Budget-Produktion auf VHS-Kassette veröffentlicht, wurde er zum kommerziell erfolgreichsten Film der 90er Jahre, sein Held zum Vorbild: Junge aus der Provinz, der außer dem Waffenhandwerk nichts gelernt hat, bringt es zu einigem Geld und verliert trotz blutiger Hände nicht die Unschuld.

Das Publikum gierte nach Heldentum und Revanche: 1994 gab Boris Jelzin den Befehl zur Invasion in Tschetschenien, das sich 1991 für unabhängig erklärt hatte. Führende russische Militärs waren gegen diesen Krieg, Hunderte Offiziere verweigerten den Gehorsam und wurden entlassen oder nahmen selbst ihren Abschied. Der russische Vormarsch auf Grosny scheiterte zunächst, die Armee erlitt heftige Verluste. Nach tagelangem Artilleriebeschuss, dem etwa 25 000 Menschen zum Opfer fielen - auch russische Staatsbürger -, wurde die Stadt zwar eingenommen, doch es folgte ein Guerillakrieg, infolgedessen Grosny 1996 zurückerobert wurde.

Anfang 1997 zogen die russischen Truppen ab, ein halbes Jahr später wurde ein formeller Friedensvertrag unterzeichnet. Eine Demütigung für den Kreml. Wenigstens im Film konnte man es den tschetschenischen »Schwarzärschen«, die die Rolle der bösen Gangster innehaben, mal so richtig zeigen.

Vielleicht lag der unverhoffte Erfolg auch am zweiten Erzählstrang des Filmes, der Suche von Danila nach der Band Nautilus Pompilius, nach deren CD »Krylja«. Für Danila ist das sein innerer Soundtrack, von dem er sich Erlösung verspricht. Ja, die Lieder von Nautilus Pompilius könnten ihm zu Lebenssinn verhelfen, wenn er sie denn verstünde. Doch er versteht nicht die Texte einer Band, die aus ihrer antimilitaristischen Haltung und Skepsis gegenüber patriotischen Aufwallungen kein Hehl macht.

2000 legt Balabanow mit »Der Bruder 2« noch eine Schippe drauf, lässt die Figuren noch motivationsbefreiter, noch amoralischer agieren. Danila ist inzwischen in Moskau gut im Killergeschäft und soll einen Eishockeyspieler, der von einem bösen Oligarchen in die USA verkauft wurde, zurück in die Heimat holen. Besorgt er sich im ersten Teil seine Waffen noch bei einem Mann, der sich »einfach Faschist« nennt und in Wehrmachtsuniform herumläuft, stattet man sich nun für die erste eindrucksvolle Schießerei mit Requisiten des Revolutionsmuseums aus. Krawumm.

Anschließend geht es nach Chicago, wo er seine Fremdenfeindlichkeit auf fremdem Boden ausleben kann, wieder eine (russische) Frau retten muss - die es freilich an Abgebrühtheit mit den Machos aufnehmen kann -, bis schließlich die Pulp-Fiction-artige Flucht durch den Raub der Konzertkasse in einem russischen (sic!) Musikclub finanziert wird, bei dem auch noch der gesamte Backstagebereich niedergeschossen wird. Immerhin darf er sich mit einem Trucker Ben anfreunden und eine schwarze Journalistin ins Bett ziehen, die ihm zudem noch aus der Patsche helfen. Als die Journalistin fragt, ob sie Gangster seien, bekommt sie zur Antwort: »Nein, wir sind Russen.«

Das Publikum übersieht abermals die kritischen Töne, dem echten und rechten Jungen fliegen die Sympathien nur so zu. Es ist die Hochzeit des »Rossija - Ras i ja« (die Rasse und ich); nur wenige linke Kritiker stören sich an der protofaschistischen Haltung, als die die unkommentierte Abbildung des Danila notwendigerweise erscheinen musste.

Einige Filme später wird Balabanow 2007 sein wohl umstrittenstes Werk veröffentlichen, in dem er auf jegliche Identifikationsfigur verzichtet. Eine grausige Groteske, angesiedelt in einer fiktiven Industriestadt des Jahres 1984, als der Tod von Generalsekretär Andropow die letzte Phase der Sowjetunion einläutete. Mehrere Schauspieler lehnten Rollen in diesem Film ab, nachdem sie das Szenario gelesen hatten; nach der Vorabschau weigerten sich Kinobetreiber, den Film in den Verleih zu nehmen.

Dass er den Preis der Filmkritik auf dem Kinotaurus-Festival erhielt, sorgte für einen Skandal: »Gruz 200« (Nutzlast 200) - das ist der Code für die verplombten Zinksärge, mit denen die toten Soldaten aus Afghanistan ausgeflogen wurden.

Der Film endet mit einer wütenden Frau, die einen fischigen Polizeioffizier in einem Zimmer erschießt, in dem ein nacktes Mädchen mit Handschellen an ein Bett gekettet ist, neben ihr zwei Leichen: die eines Alkoholikers, der erst auf Geheiß des Polizisten das Mädchen vergewaltigt hat und dann von diesem erschossen wird, und ihres Verlobten, den der Polizist ihr aufs Bett wirft, aus dem Zinksarg heraus. Das Mädchen hatte anfänglich noch an das Gewissen des Polizisten appelliert, an die Parteiehre, Rechtstreue etc. Umsonst.

Nebenan dämmert die Polizistenmutter vor Unterhaltungsshows und Politbürositzungen im TV. An den Fliegen stört sie sich gelegentlich, sonst will sie nichts wissen. Genauso wenig wie der Bursche, der das Verschwinden des Mädchens verschuldet hat und ungerührt seinem kleinen Schwarzhandel mit Westwaren nachgeht. Auf seinem T-Shirt prangt fett die Aufschrift »SSSR«.

Warum gehen die vielen deutschen Russland-Kenner nicht ins Kino? Die Gutmeinenden, die ein märchenhaftes Russland beschwören, wie jener Linke-Politiker, der jüngst mit einer sowjetischen Flagge um den Hals posierte. Vielleicht sollten sie sich mit russischen Rekruten unterhalten, die wie seinerzeit ihre Altersgefährten in Afghanistan als Mjaso, als Fleisch, in die Schlacht geworfen wurden, von einer zynischen Führung, die auf dem geopolitischen Schachbrett ihre Züge zieht und sich nebenbei die Taschen füllt. Die die sozialistische Union lange vor 1991 in eine Untote verwandelt hat, die erst mit roten, dann mit den Insignien des Zarenreichs geschmückt wurde. Es ersetzte nicht die Lektüre russischer Bücher, Artikel, Memoranden. Aber es wäre ein Anfang. Die Filme sind auf Youtube abrufbar. Mit Untertiteln.

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