Prophylaxe in gemeinsamer Verantwortung

Gesundheitswesen aus einer anderen Zeit: Mit den Polikliniken gab es in der DDR eine ambulante Versorgung der kurzen Wege

  • Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.
Von der Poliklinik ist nicht nur der beleuchtete Schriftzug noch brauchbar.
Von der Poliklinik ist nicht nur der beleuchtete Schriftzug noch brauchbar.

Zum Gesundheitswesen der DDR fällt Menschen dieser Herkunft oft zuerst die Poliklinik ein. Aber wie unterscheidet sich die Poliklinik von Ärztehaus oder Medizinischem Versorgungszentrum (MVZ)? Mitunter sind die beiden letztgenannten Einrichtungen in ehemaligen Polikliniken zu finden. Das Organisationsprinzip ist aber ein grundsätzlich anderes: In der DDR handelte es sich um staatliche Einrichtungen zur ambulanten medizinischen Versorgung. Unter anderem darum ging es kürzlich bei einer Veranstaltung von Helle Panke e.V. in Berlin. Dabei stellte die Internationale Forschungsstelle DDR ihre aktuelle Veröffentlichung vor: Eine Broschüre, die danach fragt, welche Rolle Erfahrungen der DDR für die Gesundheitspolitik der Gegenwart spielen könnten. Übertitelt ist das Heft mit dem schon etwas strapazierten Zitat des Arztes und Politikers Maxim Zetkin: »Sozialismus ist die beste Prophylaxe!«

Unter Prophylaxe wird die Gesamtheit aller Maßnahmen verstanden, die eine Beeinträchtigung der Gesundheit durch Risikofaktoren, Krankheiten oder Unfälle verhindern können. Diese waren in der DDR durchaus nicht der Verantwortung der Einzelnen überlassen. Ein umfassendes System sollte dazu beitragen, dass die Bürgerinnen und Bürger des Landes gesund blieben, was dem Staat angesichts knapper Ressourcen nicht in jeder Beziehung gelang. Gesundheit hatte aber Verfassungsrang, und bestimmte Dinge waren selbstverständlich, so die Krankenversicherung für alle Bürger.

Einer der Schwerpunkte der Broschüre sind also die Polikliniken. Üblicherweise hatten diese Häuser fünf Fachabteilungen, dazu Labor, Röntgendiagnostik und eine Physiotherapie, wie Wolfgang Dübel erläutert, der eine Poliklinik in Berlin-Marzahn geleitete hatte. Die Einrichtungen wurden systematisch und flächendeckend aufgebaut. Für die Patienten zählten die kurzen Wege zu den Vorteilen. Dübel erinnert sich an die kollegiale Zusammenarbeit des Personals und die gute Organisation. Dafür sorgten sowohl die zentrale Anmeldung als auch zum Ende der DDR hin die EDV (für Nicht-DDR-Bürger: Elektronische Datenverarbeitung). Nun war es nicht so, dass es in der DDR keine Praxen einzelner niedergelassener Ärzte ab. 1955 arbeiteten so noch mehr als die Hälfte der Mediziner in der ambulanten Versorgung, nämlich etwa 5000. 1970 stellte diese Gruppe noch 18 Prozent in dem Bereich. Bis 1989/90 war ihr Anteil weiter zurückgegangen. Um so schärfer fiel in der ambulanten Versorgung der Systembruch aus. Die mächtigen kassenärztlichen Vereinigungen des Westens berieten DDR-Ärzte auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Am Erhalt der Polikliniken gab es kaum Interesse.

Nun hatte das DDR-Gesundheitswesen noch weitere Besonderheiten vorzuweisen, die auch unter kapitalistischen Bedingungen von Vorteil wären: Dazu gehörte der Gesundheitsschutz in den Betrieben. Zum Ende der DDR waren in Betriebspolikliniken, -ambulatorien und -sanitätsstellen insgesamt 19 000 Beschäftigte für den medizinischen Arbeitsschutz von etwa 7,5 Millionen Werktätigen angestellt. Etwa jeder siebente ambulante Arzt arbeitete hier. In dem Bereich waren auch Fachärzte für Arbeitshygiene und -medizin tätig. Die gesundheitliche Vorsorge umfasste zum Beispiel auch Frauenruheräume, die gesetzlich verpflichtend waren. In der bundesdeutschen Arbeitsstättenverordnung gibt es sie nur als Möglichkeit.

Rückblickend fällt das Fazit bei den damaligen Akteuren eher ernüchternd aus: »Die Chancen sind minimal, diese Prinzipien in der Gegenwart wieder einzuführen«, meint etwa Heinrich Niemann. Der Mediziner war nach 1990 14 Jahre Stadtrat in Marzahn-Hellersdorf, teils auch für Gesundheit verantwortlich. Vielleicht ist das aber auch eine zu pessimistische Sicht. Gerade in den beiden Pandemiejahren wurde die Kritik an der privatkapitalistischen Verwertung von Krankheit noch einmal lauter, vor allem mit Stoßrichtung auf das renditeorientierte Klinikwesen. Die Vernachlässigung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes ist durchaus noch nicht gestoppt, aber der Bereich erhielt mehr Aufmerksamkeit. Gesundheitskioske, die ambulante Grundversorgung und soziale Beratung anbieten, scheinen immer mehr Kommunen sinnvoll.

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