»Ich war erleichtert. Aber auch einsam«

Norwegens Verbandspräsidentin Lise Klaveness über ihre mutige Fifa-Rede und was ihr nun folgen muss

  • Von Marco Mader
  • Lesedauer: 7 Min.
Lise Klaveness erhielt für ihren Auftritt auf dem Kongress des Fußballweltverbandes sogar Preise.
Lise Klaveness erhielt für ihren Auftritt auf dem Kongress des Fußballweltverbandes sogar Preise.

In Ihrer viel beachteten Rede beim Kongress des Weltverbands Fifa sprachen Sie von Ihren fußballerischen Träumen als 13-Jährige. Was würde die Teenagerin Lise über den Zustand des Weltfußballs heute sagen?

Mit 13 hat mich im Fußball nur der Ball interessiert. Aber ich wollte auch die Welt außerhalb des Fußballs verstehen, hatte Angst vor Kriegen, habe mich mit Gleichberechtigung oder Kinderrechten beschäftigt. Als Erwachsene habe ich mehr und mehr verstanden, welche Kraft der Fußball als Bewegung hat. Zum Beispiel, weltweit gültige Regeln aufzustellen, das ist faszinierend. Umso wichtiger ist es, dass eine solche Bewegung geführt wird von ausgleichenden und ethisch agierenden Kräften mit einem gesunden Machtverständnis.

Wollten Sie das mit Ihrer Rede zum Ausdruck bringen?

Ja. Es ist extrem wichtig, dass der Fußballplatz allen offensteht: Konservativen und Linken, Kommunisten und Kapitalisten. Auf dem Platz sollte nur das Spiel zählen. Gleichzeitig kann man nicht einfach behaupten, Fußball und Politik würden nicht zusammenhängen - alles ist Politik. Und weil so viel Geld im Spiel ist, wird der Fußball sogar zur hohen Politik. Das verlangt danach, dass wir alle für die Demokratie im Sport arbeiten müssen, wenn der Fußball überleben soll.

Was fordern Sie konkret?

Wir brauchen eine demokratische Debatte darüber, was wir wollen und was nicht. Das erkennen wir an Ideen wie der Super League, diesem Hyperkapitalismus der vergangenen Jahre, dabei geht es aber nicht um Schuldzuweisungen. Zudem sehen wir, dass Wladimir Putin den Fußball benutzt. Das tun viele Staatslenker, er aber mehr als andere. Es steht vieles auf dem Spiel, und es eilt! Die Länder, die mit uns einer Meinung sind, müssen zusammenstehen, handeln und für die Werte kämpfen, die den Fußball regieren sollten.

Vor Ihrer Rede wurde Ihnen geraten, sich zurückzuhalten. Warum haben Sie trotzdem gesprochen?

Ich war mein ganzes Erwachsenenleben im Fußball aktiv: als Spielerin, Kommentatorin, Verbandsdirektorin. Es blieb auch mein Hobby, als ich Anwältin und Richterin war. In der Zeit erlebte ich viele Veränderungen, auch zum Guten. Aber die großen Linien - die Super League, der Spielkalender, der Machtkampf der Verbände untereinander oder innerhalb der Fifa, die politische Einflussnahme, das Sportswashing: All das sagt mir, dass wir keine Zeit mehr verlieren dürfen. Unsere Fans und Mitglieder rufen immer lauter und organisierter nach Veränderungen, und wir müssen zuhören. Gerade im Jahr einer WM, die nicht noch mehr dunkle Schatten auf den Fußball werfen darf. Wir müssen alles dafür tun, dass wir nicht wieder in eine solche Situation kommen, in der wir jetzt sind.

Tiefergreifende Veränderungen forderten Sie auch in der Rede. Welche Reaktionen gab es, als Sie von der Bühne gingen?

Ich selbst war erleichtert, aber auch ein bisschen einsam. Diejenigen, die um mich herum saßen, schienen uninteressiert und schauten weg. Da kam gar nichts. Darauf war ich zwar vorbereitet, aber ich hatte so etwas vorher auch noch nie erlebt. Später auch bekam ich dann noch schöne Rückmeldungen, aus vielen anderen Ländern und bei mir zu Hause. Da verschwand die Einsamkeit wieder, was mich darin bestärkt hat, jetzt zu handeln, denn das ist das Wichtigste.

Wie war die Rückmeldung aus Deutschland und vom neuen DFB-Präsidenten Bernd Neuendorf?

Ich habe Bernd und Heike Ullrich (DFB-Generalsekretärin, Anm. d. Red.) in Doha getroffen, sie brachten ihre Unterstützung und Wärme zum Ausdruck. Als ich wieder nach Norwegen kam, war der Deutsche Fußball-Bund der erste Verband, der mich angerufen und um ein ausführliches Gespräch geben hat. Dafür bin ich sehr dankbar. Deutschland ist eine große Fußballnation, zu der wir aufschauen und die an der WM teilnimmt. Es ist sehr wichtig, dass wir mit unserer Initiative diejenigen Mannschaften unterstützen, die zur WM fahren. Auch, damit sich die Spieler auf ihre Partien konzentrieren können. Sie sollen frei sein. Umso wichtiger ist es, dass wir als Verbandsführer unserer Verantwortung gerecht werden und politisch führen.

Wie wollen Sie die Lage in Katar gemeinsam verbessern?

Wir müssen schnell konkret werden, weil nur noch wenig Zeit bis zur WM bleibt. Wir müssen den Ratschlägen unabhängiger Organisationen folgen, natürlich nicht sklavisch und unkritisch, aber kundig. Eine Anlaufstelle für migrantische Arbeiter wäre wichtig. Symbolisch, aber auch weil die Regeln hohl sind, wenn man keine Kontrollmechanismen für sie einführt. Die Arbeiter müssen spüren, dass sie ihre Rechte wahrnehmen können. Sie brauchen einen sicheren Hafen mit juristischer Hilfe.

Sie redeten auch von Minderheitsrechten.

Das ist unglaublich wichtig. Wenn man eine WM an Länder vergibt, in denen es Verbote gegen den Lebensstil von LGBTQ+ gibt, muss der Fußball sicherstellen, dass alle Fans und Spieler Zugang zum Turnier haben. So ist es derzeit nicht. Es werden zwar bereits Tickets verkauft, aber die Verbote gibt es weiterhin. Wir müssen sicherstellen, dass diese Verbotsgesetze während der WM ausgesetzt werden und das auch kommuniziert wird. Alle Menschen müssen mit dem Wissen dorthin fahren können, dass sie nicht verhaftet werden für etwas, das ihr Recht ist.

Was ist mit den Bauarbeitern?

Wir müssen die Todeszahl untersuchen. Jene von 6500 toten Arbeitern, die nach dem Bericht des »Guardian« kursiert, ist irreführend, denn es ist die Gesamtzahl aller toten ausländischen Arbeiter in Katar über zehn Jahre. Sie starben aber nur teilweise beim Stadionbau. Dennoch kursiert die Zahl, weil wir keine vernünftigen Untersuchungen haben, welche denn für die WM zutreffend ist. Die brauchen wir, auch um die Hinterbliebenen zu entschädigen für das, was unter der Verantwortung des Fußballs passiert ist.

Sehen Sie denn auch die geplante Wiederwahl von Fifa-Präsident Gianni Infantino im nächsten Jahr so kritisch?

Meine Rede war nicht gegen Infantino gerichtet oder gegen den WM-Organisationschef Hassan Al-Thawadi, sie war unabhängig von Personen. Es ging mir um einen Aufruf zum Handeln. An die Fifa, aber auch an die Uefa hier in Europa, an Norwegen, Deutschland und andere Verbände. Es ist wichtig, dass diese Debatte offen weitergeht und Infantino daran teilnimmt. Ich durfte auf dem Kongress sprechen, dafür respektiere ich die Fifa, denn sie wusste, dass ich kritisch sein würde.

Wäre es nicht endlich mal an der Zeit für eine Fifa-Präsidentin?

Ich halte es für sehr wichtig, Frauen in Führungspositionen zu bringen, überall im internationalen Sport. Das gibt jungen Mädchen Vorbilder. Aber meine Rede hatte überhaupt nichts mit der Präsidentschaftswahl zu tun, daran habe ich keine Sekunde gedacht.

Wie finden Sie den neuen Vergabeprozess für Weltmeisterschaften?

Es ist gut, dass wir keinen geschlossenen Kreis von 22 Leuten ohne Transparenz mehr haben, die über WM-Ausrichter bestimmen wie damals im Fall von Russland und Katar. Jetzt ist es ein vollständig demokratischer Prozess. Aber es ist problematisch, dass das beratende Menschenrechtsgremium der Fifa aufgelöst wurde. Daraus sollte ein Subkomitee werden, was nie geschehen ist. Dabei wäre es doch wichtig, gerade jetzt vor der WM in Katar ein unabhängiges Menschenrechtskomitee zu haben, das der Fifa Rückmeldungen geben könnte. Dass es das nicht gibt, ist problematisch und schwer zu verstehen.

Was heißt das für die Zukunft?

Damit der demokratische Prozess bei Kongressen der Fifa wirklich funktioniert, bräuchte man professionelle Kontrollstrukturen. Es ist unglaublich wichtig, dafür Sorge zu tragen, dass die Beschlüsse ethischen Standards entsprechen und die Gastgebernationen die Anforderungen in Sachen Menschenrechte erfüllen. Ich finde es ja gut, dass wir nicht nur in westlichen Ländern spielen. Aber wenn wir Turniere an Länder vergeben, die große Probleme mit Korruption oder Gleichberechtigung haben und nicht die notwendige Infrastruktur besitzen, dann brauchen wir mehr Zeit und echte Standards, auf die wir uns vorher einigen müssen. SID/nd

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