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Stadt, Land, Schluss

Kaum noch Provinzvereine: Die Regionalliga Nordost wird fast ausschließlich von Klubs aus Großstädten oder aus deren Peripherie geprägt

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 7 Min.

Metropolen-Arroganz geht immer. Und sie kann zuweilen ja auch wirklich ganz lustig sein. Beispielsweise, wenn Fans von norddeutschen Klubs »Kühe, Schweine, Südvereine« singen, wenn sie in Großaspach oder Pipinsried ranmüssen. Oder wenn - so geschehen am vorletzten Wochenende - Fans von Energie Cottbus beim Auswärtsspiel in Meuselwitz die wirklich verschwindend kleine gegnerische Fankurve verspotten: »Ohne Meusel seid ihr nur ein Witz.« Die Spötter sind allerdings oft die gleichen Fans, die rückblickend betonen, dass es gerade diese Auswärtsfahrten in die Provinz sind, die am meisten Spaß machen. Nach Meuselwitz, jenem Örtchen zwischen Zeitz und Altenburg, wo die Soljanka drei Euro kostet. Nach Rathenow, wo sie seit 1989 den gleichen Cheftrainer haben. Oder zum langjährigen Regionalligisten Neuruppin, wo man vorm Spiel noch im nahen See planschen kann. Die erste Liga hingegen: Ein Stadion sieht aus wie das andere. Und die Polizei hat nicht nur gegen das Planschen etwas einzuwenden.

Allerdings ist es schon in dieser Spielzeit nicht mehr weit her mit den ländlichen Idyllen in der Regionalliga Nordost, die die Fläche der ehemaligen DDR umfasst. Nur sechs Vereine stammen aus der Provinz, derer 14 aber aus Großstädten oder deren Peripherie. Und schon jetzt, vier Spieltage vor Schluss, steht fest, dass die Liga-Landkarte in der kommenden Saison noch monotoner wird. Zwei der mutmaßlich drei Absteiger werden wohl vom Land kommen. Stand jetzt wären das Rathenow und Auerbach, die an diesem Samstag (13 Uhr) im Rathenower Stadion Vogelgesang direkt aufeinandertreffen. Falls der derzeitige Tabellen-16. der dritten Liga, Viktoria Berlin, absteigt, müsste sogar noch ein weiterer Regionalligist runter in die Oberliga. Und der käme, Stand jetzt, aus dem Osten Brandenburgs: Fürstenwalde.

Schlechte Zeiten also für die Fußballprovinz, und das, obwohl Vereine wie Auerbach oder Rathenow seit Jahrzehnten grundsolide wirtschaften. In den vergangenen zehn Jahren spielten die Vogtländer durchgängig in der vierthöchsten Spielklasse, Rathenow immerhin in sieben von zehn Jahren. Wenn nun beiden die fünfte Liga droht, hat das wenig mit eigenen Fehlern zu tun. Aber viel damit, dass im Fußball eine Umverteilung von unten nach oben stattfindet, die sich in der Regionalliga auch als Privilegierung der Metropolen gegenüber der vermeintlichen Fußballprovinz bemerkbar macht.

Paradigmenwechsel bei den Verbänden?

Der im März abgewählte DFB-Vizepräsident Rainer Koch, der über Jahrzehnte der entscheidende Mann für die dritte und vierte Liga war, hatte noch die Devise ausgegeben, wonach die Regionalligen die Regionen abzubilden hätten. Die vierthöchste Spielklasse sei für solide wirtschaftende Vereine aus allen Landesteilen gedacht und dürfe nicht zum Auffangbecken für gestrandete Traditionsvereine werden, die aus purem Eigennutz eine Verkleinerung der Ligen forderten.

Selbst die größten Koch-Kritiker - und das sind nach seinem Rücktritt noch mehr als es vorher sowieso schon waren - halten dem gescheiterten Multifunktionär dann auch zugute, dass er im Gegensatz zu anderen Kräften im DFB zumindest versucht habe, sich für den fußballerischen Mittelstand aus den Provinzen einzusetzen. Und tatsächlich wäre es ja auch die ureigenste Aufgabe des weltgrößten Fußballverbandes, sich für die Belange der Vereine unterhalb der zweiten Liga bis hinunter in die C-Klasse einzusetzen.

Doch genau tut er eben nicht, klagen Vereinsvertreter aus allen fünf Regionalligen. Im Gegenteil. Die Bevorzugung der Großen fange bei der Talentsichtung an, wo sich die Scouts der Landesauswahlmannschaften zu selten außerhalb der großen Vereine mit ihren Nachwuchsleistungszentren umschauten. Auch die Tatsache, dass gleich zwei der vier Aufsteiger aus der vergangenen Saison Zweitvertretungen von Profivereinen (Dortmund, Freiburg) waren, widerspreche dem Grundgedanken einer Regionalliga. Zudem werde bei den Anforderungen an die Infrastruktur mit zweierlei Maß gemessen. Während die Zweitvertretungen die Infrastruktur der Bundesligavereine nutzten und in den Großstädten die Augen zugedrückt würden, treffe es die Provinzvereine knüppelhart.

Dabei ist der Stadt-Land-Konflikt im Nordosten, der aufgrund seiner vielen Traditionsvereine vergleichsweise viele Zuschauer anlockt, eh schon stark ausgeprägt. Hier treffen Vereine wie Energie Cottbus, der BFC Dynamo Berlin, Lok Leipzig, der Chemnitzer FC oder der FC Carl Zeiss Jena, die zu DDR-Zeiten zum Oberliga-Inventar gehörten und noch über profikompatible Fan-Zuspruch und eine üppige Infrastruktur verfügen, auf Vereine wie den ZFC Meuselwitz, Union Fürstenwalde, den FSV Luckenwalde, Optik Rathenow oder den VfB Auerbach. Vereine also, bei denen zu den wichtigeren Sponsoren auch Autohäuser und Edeka-Märkte zählen, bei denen die Zuschauereinnahmen eine entscheidende Rolle spielen und bei denen jede Ausgabe, die von außen eingefordert wird, von Investitionen in die Mannschaft abgezogen werden muss. Letzteres trifft zwar auf alle Ligakonkurrenten zu, trifft aber jene Vereine besonders hart, die (wie Auerbach) den Trainer als einzigen Vollzeitbeschäftigten im Etat haben.

Gerade diese Vereine sind es, die unter dem absurd anmutenden Regel- und Sicherheitswahn der Verbände leiden, die auch von Dorfvereinen die akribische Umsetzung der Lizenzauflagen verlangen. Es gibt nichts, was nicht vorgeschrieben wäre: von der Beschaffenheit der Toiletten über die Mindestanzahl an überdachten Sitzplätzen bis hin zur Größe eines separat zugänglichen Gästeblocks. Seit der badische Dorfverein SV Spielberg 2016 nach einem Jahr Regionalliga Südwest abstieg, hat er den damals neu gebauten Gästeblock nicht mehr benutzt. Dass er ihn damals errichten musste, fraß aber fast ein Drittel des Gesamtetats von rund 150 000 Euro auf. Kein Einzelfall: »Seit Jahren müssen wir unser Stadion immer weiter ausbauen«, sagt auch Volkmar Kramer, der Geschäftsführer des VfB Auerbach. »In der Oberliga brauchte es Flutlichtmasten, damit wir auch abends spielen können. Als wir dann weiter aufgestiegen sind, musste wieder investiert werden, weil deren LUX-Zahl nicht ausreichte.«

Standortnachteil Provinz

Jahr für Jahr bauten sie die Arena zur Vogtlandweide - so heißt das Stadion des VfB - also weiter aus. Nun, im April 2022, haben sie ein richtig schönes Stadion, stellen sich aber die Frage, ob sie auch in die fünfte Liga abgestiegen wären, wenn sie das Geld statt in die vom Nordostdeutschen Fußball Verband geforderten Baumaßnahmen in die Mannschaft gesteckt hätten? »Die Regionalliga muss wirtschaftlich und sportlich machbar sein«, seufzt Kramer. »Und das Jahr für Jahr wieder hinzukriegen, ist für Vereine wie uns und Rathenow extrem schwierig.«

Dass beide Vereine auf einem Abstiegsplatz stehen und überhaupt im letzten Tabellendrittel fast ausschließlich Vereine liegen, die nicht in den Metropolen zu Hause sind, sei kein Zufall, so Kramer, der natürlich »niemandem unterstellen« will, »dass das auch so gewollt ist«. Dass die Berliner Klubs nicht in ihre Spielstätten investieren mussten, sondern stattdessen die vorhandenen Stadien der Millionenstadt (Altglienicke spielt im Hertha-Amateurstadion, Tasmania in Lichterfelde) nutzen konnten, nehmen sie in Halberstadt, Auerbach oder Luckenwalde aber nicht ohne Verbitterung zur Kenntnis. Zumal sich das öffentliche Interesse an Vereinen wie Altglienicke, dem Berliner AK, der Hertha-Zweitvertretung oder Tasmania in so engen Grenzen hält, dass abzüglich der Gästefans manchmal nur 80 bis 150 Unentwegte Eintritt bezahlen.

Der bei meist ziemlich fußballfernen Unternehmern mit zu viel Geld tobende Wahn, es lasse sich mit viel Geld aus dem Nichts die »Nummer drei hinter Hertha und Union« schnitzen, dürfte allerdings auch in den kommenden Jahren noch manches Mauerblümchen aus Berlin in die Regionalliga spülen.

Derweil werden die Regionen, die Rainer Koch einst zur natürlichen Heimat der Regionalliga erklärte, kaum noch abgebildet. Schon gar nicht im Nordosten, wo schon jetzt traditionelle Fußballgebiete wie die Oberlausitz fehlen. Deren Vertreter, beispielsweise der Bischofswerdaer FV, Budissa Bautzen oder der FC Oberlausitz Neugersdorf, zählten noch vor gar nicht langer Zeit zum Inventar der Regionalliga Nordost und trugen dort Lokalderbys vor vierstelligen Zuschauerzahlen aus. Sie alle spielen jetzt eine Klasse tiefer. In der Regionalliga Nordost gibt es derweil natürlich nach wie vor noch jede Menge Lokalderbys. Das Berliner Aufeinandertreffen zwischen Altglienicke und Lichtenberg wollten am vergangenen Wochenende 163 Menschen sehen.

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