Die wirkliche Zeitenwende

McKenzie Wark stellt die provokante Frage, ob der Kapitalismus vorbei ist – und nun etwas Schlimmeres folgt

  • Von Jakob Hayner
  • Lesedauer: 5 Min.
Und hier treffen sich Risikokapitalgeber und IT-Spezialisten: Das Big-Tech-Zentrum San Francisco als Ende des modernen Kapitalismus?
Und hier treffen sich Risikokapitalgeber und IT-Spezialisten: Das Big-Tech-Zentrum San Francisco als Ende des modernen Kapitalismus?

Es mag eigenartig klingen, aber eines der wichtigsten marxistischen Bücher unserer Tage dürfte vor allem für Marxisten eine Provokation darstellen. Allein der Titel! »Das Kapital ist tot« - das widerspricht allem, was man sich in tagelangen Schulungen der blauen Bände angeeignet hat. Geld, Ware und Wert, ist denn nicht alles wie immer und auf ewig - einfach Kapitalismus?

Doch was wäre, wenn es nicht mehr so ist, fragt die in New York lebende Autorin McKenzie Wark. Und wenn die Vorstellung des Immergleichen und Unveränderlichen eine gefährliche Illusion ist. Was wäre, wenn der Kapitalismus dabei ist, historisch zu werden, doch die auf ihn folgende Epoche noch schlimmer ist? Das sind wahrhaft ketzerische Fragen. Vor allem, wie bereits erwähnt, unter Marxisten. Man will ja den Gegenstand, den man aus ganzem Herzen verachtet, nicht aufgeben. Doch die Provokation ist getrieben von dem, was den Marxismus, wo er nicht zur von Marx selbst bereits verspotteten Professoralform herabgekommen ist, ausmacht: nämlich dem unbedingten Interesse an der Wirklichkeit und ihrer widersprüchlichen Bewegung. Und das sei, so Wark, der heutigen hyperkritischen linken Theorie abhanden gekommen.

Das Ende des Kapitalismus?

Wark plädiert dafür, der These einer neuen Produktionsweise nachzugehen. Und die Theorie zu erneuern. Doch nacheinander: Als der Kapitalismus in den 1970ern in der Krise war, weil die Profite einbrachen und die Arbeiter revoltierten, wurden Geister gerufen, die zwar einen Ausweg fanden, der aber einige so nicht beabsichtigte Folgen mit sich brachte. Auch das Handelsbürgertum erschütterte einst den Feudalismus, in dessen Schoß es zur Größe kam. Um die Krise des Spätkapitalismus zu bewältigen, musste die Produktion wissenschaftlicher und flexibler zugleich werden, vor allem unabhängiger von der Arbeit. Nötig war, den Prozess vollständig zu erfassen, zu kontrollieren und zu steuern. Was im Wert stieg, waren die Informationen. Wer sie besitzt, hat die Macht. Und daraus entwickelte sich alsbald eine eigene Industrie, der Techsektor. Und eine neue Klasse, Wark nennt sie die Vektoralistenklasse: »Die Kapitalistenklasse besitzt die Produktionsmittel, also die Mittel zur Organisation von Arbeit. Die Vektoralistenklasse besitzt die Mittel zur Organisation der Produktionsmittel.«

Wark behauptet nicht, dass die Kapitalisten verschwinden. Sondern dass sie sich nun der Macht der Vektoralisten unterordnen müssen, wie früher die Grundherren der ihrigen. Nun gibt die »Künstliche Intelligenz« das Tempo vor. Ohne sie wäre der Aufstieg von Blackrock nicht zu erklären und jeden Tag arbeiten wir an ihrer Verbesserung, wir trainieren sie: Gesichts- und Spracherkennung in Videokonferenzen, Grammatik bei der Internetsuche, Bewegungsprofile beim Telefon-spazieren-führen. Akkumuliert führen die so produzierten Informationen zur Macht von Big Data. Die Produktionsweise wandelt sich, weil in ihr Produktivkräfte entstanden sind, die das erzwingen. Wem vor solchen Abenteuern der Dialektik gruselt, sollte wirklich nicht bei Marx nachlesen, der daran seine helle Freude hatte. Nichts dauert ewig, alles ist vergänglich, das könnte bei Goethes »Faust« stehen oder eben im Vorwort zur zweiten Auflage des »Kapitals«. Und wie nebenher erinnert Wark daran, dass der marxistische Klassenbegriff immer auch an die historische Spekulation gebunden ist - an den Antagonismus als Antrieb der Geschichte. Und eben das ist der blinde Fleck, den sowohl das soziologische wie aktivistische Sprechen über Klasse und Klassismus teilen.

Stilkunde der Gesellschaftskritik

Und die Erneuerung der Theorie? »Den Stil der Negation heute zu praktizieren, erfordert die Negation einiger alter Stile«, gibt Wark den geneigten Lesern mit auf den Weg. Anschauungsmaterial sei dabei eher bei den künstlerischen Avantgarden zu finden als in der Fülle akademischer Abschlussarbeiten und gelehriger Abhandlungen. So findet sich bei ihr eine sehr charmante und überraschende Verteidigung des Vulgärmarxismus. Wark will dem historischen Materialismus wieder Leben einhauchen. Einerseits durch die spekulative Methode. Und andererseits durch einen Stil, der nicht die althergebrachten Weisheiten konserviert, sondern erschüttert. Die Beweglichkeit der Begriffe hängt auch an einer Sprache, die sich der Erstarrung entzieht. »Das Kapital ist tot« überzeugt auch als kleine Stilkunde: klug, ohne belehrend zu sein, anspielungsreich, ohne beliebig zu werden, und bissig, ohne sich in Polemik zu verzetteln. Vor allem aber mit dem Interesse, eine Sache zu klären und sich mit einigem theoretischem Rüstzeug in das Gelände zu wagen, das nicht bereits als erschlossen und vermessen gelten kann. Wenn man etwas von kritischem Denken erwartetet oder geradezu erhofft, dann doch wohl das.

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Viel Anlass zur Hoffnung gibt Wark sonst nicht. Zwar haben mit den Vektoralisten auch die Hacker die Bühne der Geschichte betreten, wie sie bereits in ihrem »Hacker-Manifest« aus den frühen Nullerjahren proklamierte. Doch die geschichtsbildende Kraft ist momentan eine andere - mit ihren eigenen Unwägbarkeiten und Irrationalismen. Indem der Vektoralismus unmittelbar in den Lebensprozess als solchen eingreift, ihn verwertbar zu machen sucht, neigt er nach Wark dazu, dieses Leben vollständig zu zerstören. Was bisher galt, ist überholt. »Der Westen ist jetzt der ehemalige Westen. Sein Wirtschaftssystem hat sich gewandelt. Es ist nicht mehr der Kapitalismus - es ist etwas Schlimmeres. Es übernimmt noch mehr Kontrolle über das Arbeits- und Alltagsleben. Es erweitert die Ausbeutung der Natur bis hin zur möglichen Ausrottung.« Oft schon wurde gefragt, wie das Neue gedacht werden kann. Womöglich geht es nur, wo die Konfrontation mit dem Undenkbaren gesucht wird, wo die pessimistische Fantasie in Erkenntnis über den Wahnsinn umschlägt. Wenn man sich schon provozieren lässt, dann bitte so fruchtbar wie von McKenzie Wark.

McKenzie Wark: Das Kapital ist tot. Übersetzt von Tom Wohlfarth. Merve, 240 S., br., 20 €.

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