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Not okay, Boomer!

Wie Klassenkonflikte zu Generationenkonflikten gemacht werden

  • Von Stephan Kaufmann
  • Lesedauer: 17 Min.
Aufgeheizte Stimmung: Bürgerdialog Anfang 2022 in Halberstadt
Aufgeheizte Stimmung: Bürgerdialog Anfang 2022 in Halberstadt

Jun­ge Leu­te ste­hen heu­te vor einer gan­zen Rei­he pri­va­ter und gesell­schaft­li­cher Pro­ble­me: Woh­nen wird immer teu­rer, der Job wird immer unsi­che­rer eben­so wie die Ren­te. Dazu kom­men Kli­ma­wan­del und explo­die­ren­de Staats­schul­den, die laut Politiker:innen eine schwe­re Hypo­thek für kom­men­de Genera­tio­nen sind. Sofern man sich als jun­ger Mensch auf die Suche nach Ursa­chen für die­se Pro­ble­me begibt, erhält man von vie­len Sei­ten ein Erklä­rungs­an­ge­bot inklu­si­ve Schul­di­gen: Die Alten haben es sich zu gut gehen las­sen, die Jün­ge­ren wer­den die Zeche zah­len müs­sen. Sie­ben Bei­spie­le dafür, wie aus Klas­sen­kon­flik­ten »Genera­tio­nen­kon­flik­te« gemacht wer­den – wie also alle aktu­el­len Fol­gen des Kapi­ta­lis­mus jenen ange­las­tet wer­den, die schon etwas län­ger in ihm leben.

Eins: Die Rente

Das The­ma Ren­te ist der Klas­si­ker unter den Genera­tio­nen­kon­flik­ten. Laut gän­gi­ger Dar­stel­lung ist das Pro­blem der gesetz­li­chen Ren­te ein demo­gra­fi­sches: Die Baby­boo­mer und nach­fol­gen­de Genera­tio­nen haben zu wenig Kin­der gebo­ren. Schritt­wei­se ste­hen daher in Zukunft immer mehr Alte rela­tiv weni­ger Jun­gen gegen­über, also immer mehr Rentenempfänger:innen weni­ger Beitragszahler:innen. Fol­ge: Schon heu­te liegt das Ren­ten­ni­veau nur noch bei knapp der Hälf­te des durch­schnitt­li­chen Net­to­lohns. Und in Zukunft wird es wei­ter sin­ken oder die Ren­ten­bei­trä­ge müs­sen stei­gen. In bei­den Fäl­len erlei­den die Jun­gen von heu­te Ein­bu­ßen, weil es sich die Alten gut gehen ließen.

Das Pro­blem des Umla­ge­sys­tems der gesetz­li­chen Ren­te lässt sich aber auch anders beschrei­ben: Es basiert dar­auf, dass die meis­ten Men­schen als abhän­gig Beschäf­tig­te vom Lohn leben, die Unter­neh­men die­sen Lohn aber nur für geleis­te­te Arbeit zah­len. Men­schen ste­hen damit vor dem Dilem­ma, dass sie am Ende ihres Erwerbs­le­bens immer noch am Leben, aber ohne Ein­kom­men sind. Die­sem Pro­blem begeg­net die gesetz­li­che Ren­ten­kas­se, indem sie Lohn­an­tei­le inner­halb der Grup­pe der abhän­gig Beschäf­tig­ten ein­zieht und umver­teilt. Auf die­se Wei­se soll die gesam­te Lohn­sum­me so gestreckt wer­den, dass sie auch für alte Men­schen reicht.

Für die Unter­neh­men aber ist der Lohn ein Kos­ten­fak­tor, den sie im Betriebs­in­ter­es­se mini­mie­ren, was unter ande­rem zu Arbeits­lo­sig­keit, Nied­rig­löh­nen, Pre­ka­ri­sie­rung und »gebro­che­nen Erwerbs­bio­gra­fien« führt und damit die Ein­nah­me­sei­te der Ren­ten­kas­se belas­tet. Nahe­lie­gend wäre es zwar, die Löh­ne zu erhö­hen, um auch künf­ti­gen Rent­ner­ge­nera­tio­nen ein aus­kömm­li­ches Leben zu ermög­li­chen. Aber genau die­se Erhö­hung soll nicht sein, da sie die Wett­be­werbs­fä­hig­keit der Unter­neh­men schä­digt. So zurecht­kon­stru­iert, bleibt als Lösung nur noch übrig, künf­tig Ren­ten­an­sprü­che zu kür­zen oder den Arbei­ten­den mehr von ihrem Net­to­lohn zu neh­men oder sie »pri­vat« für das Alter vor­sor­gen zu las­sen. Als Kom­pen­sa­ti­on kön­nen sich die Men­schen dann bei ihrer Eltern­ge­nera­ti­on beschweren.

Zwei: Die Inflation

Der demo­gra­fi­sche Wan­del zei­tigt aber noch wei­te­re »Genera­tio­nen­kon­flik­te«: Da die Alten nicht genug Kin­der in die Welt gesetzt haben, schrumpft künf­tig die Arbeits­be­völ­ke­rung, was laut Deut­scher Bank ers­tens zu einer »demo­gra­fie­be­ding­ten Wirt­schafts­wachs­tums­ver­lang­sa­mung« führt. Zwei­tens »trifft eine gerin­ge­re Zahl von Men­schen im Pro­duk­ti­ons­pro­zess auf eine höhe­re Zahl von Men­schen, die kon­su­mie­ren, aber nicht pro­du­zie­ren«, erklärt Thieß Peter­sen, Seni­or Advi­sor der Ber­tels­mann-Stif­tung. Dar­aus resul­tie­re ein ten­den­zi­el­ler Nach­fra­ge­über­hang auf den Güter­märk­ten – dort näh­men die Knapp­hei­ten zu. Mög­li­che Fol­ge sei­en höhe­re Infla­ti­ons­ra­ten. Wenn das Leben künf­tig teu­rer wird, dann sol­len sich laut die­ser Logik die Men­schen nicht an die Unter­neh­men wen­den, die zwecks Gewinn- und Umsatz­er­hö­hung die Prei­se erhö­hen. Son­dern sich bei ihren kin­der­ar­men Eltern beschweren.

Drei: Die Schulden

Der demo­gra­fi­sche Wan­del bedroht laut Deut­scher Bank aber auch »die Trag­fä­hig­keit der Staats­ver­schul­dung wegen des abseh­ba­ren, dras­ti­schen Anstiegs der alte­rungs­ab­hän­gi­gen Staats­aus­ga­ben«, die die »öffent­li­chen Haus­hal­te in der nächs­ten Deka­de mas­siv belas­ten dürf­te«. Sprich: Die Alten sind schuld am Anstieg der Schul­den, die ihre Enkel und Uren­kel bezah­len müs­sen. Doch das Bild ist schief.

Ers­tens sind die Staats­schul­den vor allem in den ver­gan­ge­nen Kri­sen gestie­gen. Sicher, man hät­te mit­ten in der Kri­se spa­ren kön­nen, so wie Grie­chen­land. Aber damit hät­ten wir unse­ren Enkeln auch eine um 25 Pro­zent gerin­ge­re Wirt­schafts­leis­tung hin­ter­las­sen. Zwei­tens: Soweit mit dem geborg­ten Geld Stra­ßen, Schu­len, Brü­cken und 5G-Net­ze gebaut wur­den, »erben« unse­re Enkel nicht nur die Schul­den, son­dern auch die Infrastruktur.

Drit­tens ist die Erzäh­lung von den ver­erb­ten Schul­den ein­sei­tig. Man stel­le sich vor, Frau A leiht Herrn B 100 Euro. Herr B hat damit eine Schuld, Frau A eine For­de­rung. Wenn bei­de ster­ben, erben ihre Kin­der nicht nur die Schuld, son­dern auch die For­de­rung. Das Glei­che geschieht bei Staats­schul­den: Der Staat leiht sich Geld und gibt dafür Anlei­hen – Schuld­schei­ne – her­aus. Die­se Anlei­hen sind ein Anrecht auf Rück­zah­lung plus Zins, also ein Ver­mö­gens­ti­tel, ein Spar­ver­mö­gen. Unse­re Enkel erben daher nicht nur alle staat­li­chen Schul­den, son­dern auch alle in Staats­an­lei­hen bestehen­den Privatvermögen.

Das gesam­te Pri­vat­ver­mö­gen in Deutsch­land ist drei­mal so groß wie die staat­li­chen Schul­den. Die eigent­li­che Fra­ge lau­tet daher: Wer hat die Ver­mö­gen und wer die Schul­den? Wäh­rend die staat­li­chen Schul­den auf alle ver­teilt wer­den, ist der Reich­tum sehr kon­zen­triert: Den reichs­ten 10 Pro­zent der Haus­hal­te gehö­ren in Deutsch­land über 60 Pro­zent des gesam­ten Ver­mö­gens. Der rea­le Gegen­satz besteht also nicht zwi­schen Alten und Jun­gen, son­dern zwi­schen Schuld­nern und Gläu­bi­gern bezie­hungs­wei­se zwi­schen Arm und Reich. Wenn unse­re Enkel der­einst mal über­schul­det sind, soll­ten sie nicht auf ihre Vor­fah­ren schimp­fen, son­dern schau­en, in wes­sen Hän­den der Reich­tum liegt.

Vier: Die Zukunftsinvestitionen

»Wie es aus­sieht, war der struk­tu­rell beding­te Schul­den­an­stieg in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten vie­ler­orts nicht so sehr auf Mehr­aus­ga­ben für Inves­ti­tio­nen und/oder Bil­dung zurück­zu­füh­ren, son­dern viel­mehr die Fol­ge höhe­rer Sozi­al­aus­ga­ben wie z.B. für Ren­ten oder Gesund­heit«, schreibt die Deut­sche Bank. Sprich: Weil die Alten immer mehr Sozi­al­leis­tun­gen erhiel­ten, blieb nicht genug Geld für Zukunfts­in­ves­ti­tio­nen übrig. Die­se Inves­ti­tio­nen könn­te der Staat heu­te zwar über neue Schul­den finan­zie­ren – doch das ver­hin­dert die Schul­den­brem­se. Und an der sol­len eben­falls die Alten schuld sein: »Der demo­gra­fi­sche Wan­del und die damit ver­bun­de­nen Auf­wen­dun­gen für die sozia­le Siche­rung bedeu­ten ein hohes Maß an zusätz­li­chen impli­zi­ten Schul­den für den Staat und ver­lan­gen eine Neu­jus­tie­rung der inter­ge­ne­ra­ti­ven Las­ten­ver­tei­lung«, hieß es 2009 zur Begrün­dung der Ein­füh­rung der Schul­den­brem­se ins Grundgesetz.

Sind die Alten also schuld an maro­den Brü­cken, Stra­ßen, Schu­len? Eher nicht. Das Geld für Inves­ti­tio­nen ist ja vor­han­den, es liegt bloß in pri­va­ter Hand. Der Staat könn­te es sich besor­gen, zum Bei­spiel über höhe­re Steu­ern: Ver­mö­gen­steu­er, Finanz­trans­ak­ti­ons­steu­er, Kapi­tal­ertrag­steu­er, Unter­neh­men­steu­er, das wären eini­ge Ideen. Oder über höhe­re Erb­schaft­steu­ern – die wür­den ers­tens nur die Reichs­ten tref­fen und wären zwei­tens sach­ge­recht, weil dadurch zwar das Erbe der (rei­chen) Kin­der geschmä­lert, aber gleich­zei­tig für ihre Zukunft vor­ge­sorgt wür­de. Solan­ge die Steu­ern nicht erhöht wer­den, schont der Staat nicht die Alten, son­dern den Reichtum.

Fünf: Die Immobilien

»Die Häu­ser­prei­se gehen durch die Decke!«, mel­de­te im Febru­ar die Com­merz­bank, es lau­fe »der stärks­te Anstieg in dem mitt­ler­wei­le zehn Jah­re lau­fen­den Boom«. Und wer pro­fi­tiert davon? Jene, die vor dem Boom Eigen­tum erwor­ben haben. Also eher die Älte­ren. Wäh­rend ihre Häu­ser und Woh­nun­gen immer wert­vol­ler wer­den, kön­nen sich jun­ge Men­schen kein Eigen­heim mehr leis­ten. Schaff­te frü­her jeder Drit­te im Alter zwi­schen 30 und 39 den Umzug in die eige­nen vier Wän­de, so ist es mitt­ler­wei­le nur noch jeder Vier­te, mel­de­te vor einem Jahr der Ver­band der pri­va­ten Bau­spar­kas­sen. Das treibt die Ungleich­heit in die Höhe – auch die zwi­schen den Genera­tio­nen. Laut Bun­des­bank ver­fü­gen Eigen­tü­mer­haus­hal­te im Durch­schnitt über 277.000 Euro, nur rund 10.000 Euro Ver­mö­gen haben dage­gen Mieter­haus­hal­te, die zudem immer höhe­re Mie­ten stem­men müssen.

Zu die­sem »Genera­tio­nen­kon­flikt« nur zwei Anmer­kun­gen: Ers­tens erben die Kin­der der Eigen­tü­mer ja die Immo­bi­li­en, sie pro­fi­tie­ren also, nur zeit­ver­setzt und nur jene Kin­der von wohl­ha­ben­den Eltern. Zwei­tens ist es schon eine sehr ver­zerr­te Wahr­neh­mung der Rea­li­tät, wenn man die rela­ti­ve Armut der Jun­gen dem wach­sen­den Reich­tum der Alten ankrei­det und nicht den Ren­di­te­an­sprü­chen der Inves­to­ren und ihrer Immo­bi­li­en­spe­ku­la­ti­on, die »die Alten« weder bestellt haben noch aktiv betrei­ben. Ihr Ver­mö­gens­zu­wachs ist – eben­so wie die Armut der Jun­gen – die blo­ße Fol­ge eines Booms, des­sen Ver­lauf und Stär­ke weit außer­halb ihrer Ein­fluss­mög­lich­kei­ten liegen.

Sechs: Die Arbeitslosigkeit

Die fran­zö­si­sche Regie­rung kün­dig­te vor eini­gen Jah­ren an, den Min­dest­lohn zu erhö­hen. Leid­tra­gen­de die­ser Erhö­hung, kom­men­tier­te damals Ifo-Prä­si­dent Cle­mens Fuest, sei­en die jun­gen Fran­zo­sen: »In Frank­reich ist der Min­dest­lohn bereits so hoch, dass er die Beschäf­ti­gung der schwä­che­ren Grup­pen am Arbeits­markt ver­rin­gert, vor allem die der Jugend­li­chen. Die Arbeits­platz­in­ha­ber wer­den pro­fi­tie­ren, die Jugend­li­chen und schlecht Aus­ge­bil­de­ten, die heu­te arbeits­los sind, wer­den aber noch schlech­te­re Chan­cen haben.« In die­sem Fall sol­len es die Gering­ver­die­ner sein, die die Jun­gen aus­beu­ten, weil der höhe­re Min­dest­lohn ihre Ein­stel­lung für die Unter­neh­men unat­trak­tiv macht.

Auch in Deutsch­land wird regel­mä­ßig behaup­tet, die »Pri­vi­le­gi­en« der »Arbeits­platz­be­sit­zer« (also der Arbeit­neh­mer) und die gute Ver­sor­gung der Arbeits­lo­sen wür­den Arbeits­su­chen­den den Zugang zu Jobs ver­sper­ren. Ins­be­son­de­re der Kün­di­gungs­schutz schüt­ze jene, die bereits Jobs hät­ten. Das Nach­se­hen hät­ten jun­ge Men­schen, die nach Jobs such­ten und kei­ne fän­den, weil die Unter­neh­men sie wegen des Kün­di­gungs­schut­zes gar nicht erst ein­stell­ten. Das Gan­ze exis­tiert sogar als aus­for­mu­lier­te Theo­rie, näm­lich der Insi­der-Out­si­der-Theo­rie zur Erklä­rung von Jugend­ar­beits­lo­sig­keit: »Dem­nach ver­fü­gen die Insi­der als Arbeits­platz­be­sit­zer über eine gewis­se Markt­macht, weil sie bereits gut ein­ge­ar­bei­tet sind und sie zudem Kün­di­gungs­schutz genie­ßen«, so das Ifo-Insti­tut. Jugend­li­che, die neu in den Arbeits­markt ein­trä­ten, hät­ten als Out­si­der das Nach­se­hen. Der Insi­der-Out­si­der-Theo­rie zufol­ge führt die Markt­macht der Insi­der zu feh­len­der Bereit­schaft zur Lohn­kon­zes­si­on in einer Kri­se. »Die Kehr­sei­te sta­bi­ler Arbeits­plät­ze und Ein­kom­men der Insi­der ist dann die gerin­ge­re Zugangs­chan­ce bzw. die erhöh­te Arbeits­lo­sig­keit der Jugend­li­chen als Outsider.«

Eine küh­ne Erklä­rung, in der aus­ge­rech­net jene Sub­jek­te feh­len, denen die Arbeits­plät­ze tat­säch­lich gehö­ren und deren Lohn­kos­ten­kal­ku­la­ti­on per­ma­nent Arbeits­lo­sig­keit pro­du­ziert: die Unternehmen.

Sieben: Das Klima

In einem weg­wei­sen­den Urteil bezeich­ne­te ver­gan­ge­nes Jahr das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt den Kli­ma­schutz als einen Fall von Genera­tio­nen­ge­rech­tig­keit: Der Staat müs­se künf­ti­ge Genera­tio­nen vor dem Kli­ma­wan­del schüt­zen und dür­fe Las­ten nicht unnö­tig auf sie abwäl­zen. Hin­ter die­ser Per­spek­ti­ve steht die Annah­me: In der Ver­gan­gen­heit haben es sich die Men­schen auf Basis fos­si­ler Ener­gien und CO2-Emis­sio­nen gut gehen las­sen und die Rech­nung dafür – den Kampf gegen den Kli­ma­wan­del – den Jun­gen auf­ge­halst, die künf­tig ver­zich­ten müssen.

Zunächst ist die Pro­blem­de­fi­ni­ti­on kor­rekt. Das herr­schen­de Wirt­schafts­sys­tem beruht auf einem exten­si­ven Ver­brauch von Natur: Begrenzt vor­han­de­ne Roh­stof­fe wer­den aus dem Boden geholt und ver­ar­bei­tet. Die dabei ent­ste­hen­den Schad­stof­fe wer­den kos­ten­güns­tig an die Umwelt abge­ge­ben. Die­ser Natur­ver­brauch heu­te hat glo­bal desas­trö­se Aus­wir­kun­gen in fer­ner, aber nicht all­zu fer­ner Zukunft.

Die unter­stell­te Pro­ble­m­ur­sa­che jedoch ist frag­lich: eine Genera­ti­on, die sich schlicht nicht um den Zustand der Natur küm­mert, weil sie die Schä­den nicht zu tra­gen hat, son­dern bloß ihre Kin­der. Laut öko­no­mi­schem Modell des »begrenz­ten Zeit­ho­ri­zonts nut­zen­ma­xi­mie­ren­der Indi­vi­du­en« ist solch ein Den­ken zwar logisch. Aber es möge sich jeder und jede selbst fra­gen, ob er oder sie sich in die­sem Modell wiederfindet.

»Kli­ma­wan­del als Genera­tio­nen­kon­flikt« unter­stellt zudem, dass in der Ver­gan­gen­heit das maxi­ma­le Wohl­erge­hen der Men­schen Sinn und Ziel des herr­schen­den Wirt­schafts­sys­tems war. Und dass jeder Ein­zel­ne durch sein indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten den Kli­ma­wan­del hät­te auf­hal­ten kön­nen, wenn er nur mal an sei­ne Enkel gedacht hät­te. Das ist nicht ganz kor­rekt. Zwar könn­ten wir alle bes­ser hei­zen und weni­ger flie­gen. Als Konsument:innen haben wir jedoch nur begrenz­ten Ein­fluss auf die Art und Wei­se, wie die Din­ge pro­du­ziert wer­den. Das ist kei­ne Fra­ge des Alters, son­dern des Systems.

Die­ses Sys­tem braucht ers­tens per­ma­nen­tes Wachs­tum – wür­den »die Alten« heu­te tat­säch­lich ihre Kon­sum­aus­ga­ben zum Woh­le des Kli­mas dras­tisch redu­zie­ren, wäre eine Kri­se sicher. Zwei­tens beruht die­ses Sys­tem auf der betriebs­wirt­schaft­li­chen Kal­ku­la­ti­on mit Kos­ten und Erträ­gen. Inter­na­tio­na­le Ver­ein­ba­run­gen zum Kli­ma­schutz schei­tern daher nicht an der Eng­stir­nig­keit »der Alten«, son­dern dar­an, dass der Schutz des Kli­mas meist Kos­ten für die Unter­neh­men ver­ur­sacht – zum Bei­spiel teu­re­re Ener­gie – und damit der Wett­be­werbs­fä­hig­keit des Stand­or­tes scha­det. In inter­na­tio­na­len Ver­trä­gen wird daher ver­sucht, die­se Mehr­kos­ten so zu ver­tei­len, dass die eige­ne Wirt­schaft kei­nen Scha­den davon­trägt. Die­ser Kampf führt bis­lang dazu, dass der Kli­ma­schutz stets hin­ter dem zurück­bleibt, was nötig wäre.

Die Logik der Kapi­tal­ren­di­te – nicht die Eng­stir­nig­keit der Alten – wider­spricht also dem Umwelt­schutz. Dass alle Par­tei­en ver­spre­chen, Öko­lo­gie und Öko­no­mie zu »ver­söh­nen«, negiert die­sen Wider­spruch nicht, son­dern unter­stellt ihn: Ver­söhnt muss nur wer­den, was im Streit liegt. Im Streit lie­gen aber nicht Alte und Jun­ge, son­dern das betriebs­wirt­schaft­li­che Kal­kül an gerin­gen Kos­ten und hoher Ren­di­te mit den Not­wen­dig­kei­ten der Natur. Ob bei­des »ver­söhnt« wer­den kann, ist offen.

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