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Unzufrieden im Traumberuf

Ärzte diskutieren über ökonomischen Druck und zu wenig Zeit für Patienten

Ärzte wünschen sich weniger Bürokratie und mehr Zeit für Patienten
Ärzte wünschen sich weniger Bürokratie und mehr Zeit für Patienten

Ärzte fehlen nicht nur in Stadtteilen, in denen kaum Privatversicherte leben, oder auf dem Land. Von einem wachsenden Mangel an Kolleginnen und Kollegen ist der ganze Berufsstand betroffen. Die Alarmglocken läuten unter anderem bei der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Auf dessen Frühjahrshauptversammlung in Bremen an diesem Wochenende wurde das Problem zum wiederholten Male benannt und diskutiert. Es betreffe nicht allein die Allgemeinmedizin, in vielen weiteren Fachrichtungen werde inzwischen händeringend nach Nachwuchs gesucht. Für das nächste Jahrzehnt wird eine riesige Ruhestandswelle vorhergesagt. Unter anderem müssten die Studienkapazitäten an den wachsenden Ersatzbedarf angepasst werden.

Diese Situation führte unter anderem dazu, dass die Deutsche Apotheker- und Ärztebank eG (Apo-Bank) Menschen aus dem Berufsstand einlud, über Ursachen für eine dort wahrnehmbare Unzufriedenheit zu diskutieren. Denn in einer Studie im Auftrag der Bank waren 500 Heilberufler zu dem Thema befragt worden, darunter auch 100 Allgemeinmediziner, 100 Fachärzte und 100 Studierende, zudem Zahnärzte und Apotheker. Die Unzufriedenheit mit der beruflichen Situation ist demnach gestiegen. Als Hauptursachen dafür wurden die pandemiebedingte Vermischung von Arbeits- und Privatleben genannt sowie die nicht abnehmenden Verpflichtungen zu Dokumentation und Verwaltungstätigkeiten.

Angesichts einer in Deutschland recht hohen Arztdichte im Vergleich mit anderen Industriestaaten wurde nun in einer Diskussionsrunde der Apo-Bank danach gefragt, in welche Richtung sich der Beruf überhaupt entwickle, was ihn attraktiv mache. »Die Arbeit mit Menschen, nicht mit Zahlen oder Listen«, antwortete hier etwa der Dermatologe Max Tischler. Hinzu kommen für ihn sowohl die Verantwortung für seine Patienten wie auch für die eigene Praxis. Jedoch werde sowohl für die Niedergelassenen wie auch für Ärzte in Krankenhäusern der bürokratische Aufwand immer höher. Die Digitalisierung belaste im Alltag häufiger als dass sie helfe. Tischler hofft wie auch etliche seiner Kollegen, laut der genannten Umfrage sind das vor allem jüngere, auf mehr Kooperationen mit Menschen aus (nichtärztlichen) Gesundheitsfachberufen. Ärzte könnten bestimmte Tätigkeiten schon delegieren – »aber das ist kein Plan nur für eine Legislaturperiode«. Teils ist das auch unter Ärzten umstritten, andererseits würde es sie entlasten.

Die von Ärzten in der Regel hoch gehaltene Freiheit der therapeutischen Entscheidung sehen Vertreter des Berufs häufig eingeschränkt. Das Problem besteht bereits mit einem großen Teil privatisierter Kliniken und der Ökonomie der Fallpauschalen. Aktuell verschärft es sich, weil auch in die ambulante Medizin Investoren drängen. Ein Teil der Debatte dreht sich um die Frage, ob es nur Probleme gibt, wenn in einem Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) Fremdkapital steckt. Oder ob Ärzte selbst »gute Investoren« im Sinne fachlicher Unabhängigkeit sein können. Daniel Krause, Augenheilkundler, ist selbst Inhaber eines MVZ. Er weist darauf hin, dass Investoren eher große Praxen kaufen als kleinere in ländlichen Gebieten. Wenn der Prozess unreguliert weiter gehe, würden die Bedingungen für Einzelniederlassungen immer schwieriger.

Einen ganz anderen Aspekt des beruflichen Selbstverständnisses brachte Gerhard Trabert ins Spiel. Der Allgemein- und Notfallmediziner kandidierte kürzlich für das Amt des Bundespräsidenten und wurde so noch bekannter, über die Sozialmedizin hinaus. Gleich eingangs erklärte er sich zum Lobbyisten seiner Patienten, insbesondere, wenn diese nicht nur von Krankheiten, sondern auch von sozialer Ungerechtigkeit betroffen sind: »Viele Ärzte sehen diese Antwaltschaft auch als ihre Aufgabe, aber andere nehmen solche Probleme gar nicht wahr«.

Auch Trabert sieht die Notwendigkeit, die Ausbildungskapazitäten für Mediziner zu erhöhen. Zugleich müsste aber im Studium die psychosoziale Kompetenz eine viel größere Rolle spielen. Ärzte sollten mehr mit anderen Berufsgruppen kooperieren, um Patienten zum Beispiel zurück ins Regelsystem zu bringen, zum Beispiel Nichtversicherte in die Krankenversicherung. Einig ist er sich mit den Kollegen in der Diskussionsrunde, dass das Gespräch mit den Patienten deutliche höher honoriert werden müsse.

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