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Deutsche Fußballer zocken mit Risiko

Beim 1:1 gegen England stimmte vieles, nur das Resultat nicht

  • Von Frank Hellmann, München
  • Lesedauer: 5 Min.
Englands Harry Kane (l.) holte gegen Nico Schlotterbeck einen Elfmeter heraus und verwandelte selbst zum 1:1.
Englands Harry Kane (l.) holte gegen Nico Schlotterbeck einen Elfmeter heraus und verwandelte selbst zum 1:1.

Es ist ja nicht so, dass sich Hansi Flick in dem Pressesaal der Münchner Arena nicht gut auskennen würde. Schließlich hat der Fußballlehrer aus dem beschaulichen Bammental bei Heidelberg in seiner Funktion als Cheftrainer des FC Bayern hier schon oft genug gesprochen. Dennoch blickte sich der Bundestrainer nach dem Klassiker in der Nations League zwischen Deutschland und England erstmal ein bisschen um, ehe er sich auf einen Stuhl setzte. Zu diesem Zeitpunkt hatte er schon ausreichend Abstand zu einem aufregenden Abend gewonnen, der mit Beifall für ihn beim Erscheinen auf dem Rasen anfing – und nach dem 1:1 mit Applaus für seine Spieler bei ihrer Ehrenrunde auf dem Rasen endete. Jene der 66 289 Augenzeugen, die noch nicht sofort zu den überfüllten U-Bahnen der Station Fröttmaning gehetzt waren, fügten sich mit ihrer positiven Grundstimmung perfekt in den Flick-Duktus. Denn der Bundestrainer hatte vor der Rückreise ins Basiscamp nach Herzogenaurach mal gar nichts zu meckern.

»Wir haben genau so Fußball gespielt, wie wir uns das vorstellen, die Art und Weise war für die Fans einfach toll.« Man habe schließlich gegen eine ganz große Fußballnation gespielt, »die Premier League ist die beste Liga der Welt – ich bin stolz auf die Mannschaft.« Der 57-Jährige klang fast schon überschwänglich. Flick fühlte er sich bestätigt, dass sein Ensemble bereits wieder eine so »hohe Qualität und Leistungsdichte« vereint, dass es keinen Topgegner mehr fürchten muss. Dem Bundestrainer hatte der Gesamtauftritt gefallen, die Körpersprache, der Einsatz, die Spielanlage: »Wir haben da gut gezockt, teilweise.« Das Risiko für Flicks Zocker steckt in den Resultaten: Keiner der drei Härtetests gegen die Hochkaräter Niederlande, Italien und nun England (jeweils 1:1) wurde bislang gewonnen. Beim Weg zurück in die Weltspitze fehlen mindestens noch die Effizienz und Konsequenz.

Über einen abermals spät verspielten Sieg ärgerte sich das bayerische Sprachrohr Thomas Müller. Der bei Welt- und Europameisterschaften mit allen Höhen und Tiefen vertraute Routinier fand, dass man in der Nations League nach einem »Freundschaftsspiel verpackt im Turniermodus« über den gemachten Schritt auf jeden Fall zufrieden sein könne, »wenn wir das Ergebnis ausklammern«. Die feine Ironie war nicht zu überhören. Und so muss zur Aufarbeitung gehören, warum es am Ende immer irgendwo hakt.

Diesmal war es Nico Schlotterbeck, der gegen den ausgebufften englischen Mittelstürmer Harry Kane den Körperkontakt nicht vermied: Der Torjäger von Tottenham fiel schnell, der Videoassistent schaltete sich ein und Kane selbst stellte zwei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit per Elfmeter mit seinem 50. Länderspieltreffer auf 1:1 (88.). Damit war die fein herausgespielte Führung von Jonas Hofmann aus der 51. Minute dahin. »Wichtiger Punkt auswärts gegen eine starke Mannschaft«, teilte der 28-Jährige später via Twitter mit. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich auch Hansi Flick wieder beruhigt, der eine lange Diskussion mit dem spanischen Unparteiischen Carlos del Cerro Grande gesucht hatte. »Ich glaube, dass Nico Schlotterbeck Harry Kane gar nicht sieht. Es ist so, der Schiedsrichter hat gepfiffen.«

Fakt ist auch, dass der Noch-Freiburger und Bald-Dortmunder Schlotterbeck trotz aller Befähigung für den Spielaufbau im Abwehrverhalten noch lernen muss, denn bereits gegen Israel hatte der 22-jährige Newcomer kurz vor Schluss einen Strafstoß verursacht. Flick aber urteilte milde: »Wenn er Fehler macht, was passieren kann, macht er einfach weiter. Das brauchen wir!«

Von seinen sieben neuen Kräften punkteten vor allem der agile Linksverteidiger David Raum, die freche Allzweckwaffe Hofmann und der sagenhafte Edeltechniker Jamal Musiala. Die Begabung des mit Ovationen bedachten 19-Jährigen wirkte beeindruckend. Neben dem Jüngsten glänzte auch der Älteste: Kapitän Manuel Neuer lieferte eine Weltklasse-Vorstellung ab. Flick stellte erneut heraus, dass es sich bei dem 36-Jährigen immer noch um »den besten Torhüter der Welt« handelt. Neuer ist Teil von Flicks Achse, die über Abwehrchef Antonio Rüdiger, Organisator Joshua Kimmich bis zu Allesmacher Müller reicht. Der Cheftrainer will den Konkurrenzkampf zwar nicht aussetzen, weil sich »im Fußball und im Leben kann vieles schnell ändern« kann, aber im Grunde hat er seinen festen Kreis für die WM in Katar jetzt zusammen.

Weil er aber »nicht so weit nach vorne« schaue, gilt der Fokus vor der Sommerpause zunächst den beiden Partien in der Nations League am Sonnabend in Budapest gegen Ungarn und am Dienstag in Mönchengladbach abermals gegen Italien. Der Bundestrainer wird seinen Akteuren nun in Herzogenaurach zusätzlich einen freien Donnerstag gönnen, damit alle mal durchpusten können – dann geht es am Freitag in die Donaumetropole Budapest, wo Siegen angesagt ist, wie Flicks Lieblingsschüler Müller mahnte: »Konstanz und Ergebnisse müssen sich dazugesellen, um eine Spitzenmannschaft zu sein.« Erst dann würde der 32-jährige Oberbayer von einem »runden Abend« sprechen.

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