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Kunst, jenseits des westlichen Ideals

Die Documenta 15 startete am Wochenende in Kassel. Sie repräsentiert vor allem den Globalen Süden

  • Von Bahareh Ebrahimi
  • Lesedauer: 8 Min.
Eine Skateboardrampe als Teil einer Arbeit von Baan Noorg Collaborative Arts and Culture aus Thailand in der Documenta-Halle
Eine Skateboardrampe als Teil einer Arbeit von Baan Noorg Collaborative Arts and Culture aus Thailand in der Documenta-Halle

Die gute Kunst findet man nicht im Museum, die gute Kunst ist in der Stadt versteckt, man muss sie entdecken. Jedenfalls bei der diesjährigen Documenta ist es so. Hat man sich genug nach der Kunst suchend in den Kasseler Stadtgebieten bewegt, findet man nun in jeder Ecke Kunst, oder fragt sich zumindest (ja, die gute alte Frage): Ist das Kunst? Oder etwa ein Teil der Stadtlandschaft? Denn genau das ist die Idee des indonesischen Kollektivs Ruangrupa, das die Documenta 15 kuratiert hat: Die Veranstaltung möglichst weit weg von der musealen Kunst, auch vom kommerziellen Kunstmarkt, im Zusammenhang mit dem Stadtraum und sozialen Kontexten stattfinden zu lassen.

Die weltberühmte Ausstellung für zeitgenössische Kunst, die alle fünf Jahre in Kassel stattfindet und traditionell 100 Tage dauert, wurde am Wochenende eröffnet. Es ist das erste Mal, dass ein Kollektiv die künstlerische Leitung der Documenta übernimmt, und erstmals sind die Kurator*innen aus Asien. Wichtig für die Entscheidungskommission war laut der Generaldirektorin der Documenta, Sabine Schormann, dass »Ruangrupa kritisch gegenüber dem westlichen Ideal des Künstlers als Genie, den Gesetzen des Kunstmarkts und Institutionen allgemein« sei.

Ruangrupa wiederum hat etliche Kollektive, auch Einzelkünstler*innen überwiegend aus Südasien, Afrika, Südamerika und arabischen Ländern eingeladen. »Viele von ihnen bringen die postkoloniale Perspektive des Globalen Südens mit«, so Schormann auf der Pressekonferenz zur Dokumneta 15, die unkonventionell und fröhlich im Kasseler Auestadion stattfand. Dort saßen die Documenta-Künstler*innen in einem Block, die Journalist*innen in einem anderen. Und auf der gegenüber liegenden Bühne das kuratorische Team. Neben Schormann kamen noch der Oberbürgermeister der Stadt Kassel Christian Geselle (SPD) und Hessens Ministerin für Wissenschaft und Kunst Angela Dorn (Grüne) zu Wort.

Ruangrupa wurde im Vorfeld der Veranstaltung vorgeworfen, auch Künstler*innen eingeladen zu haben, die den Boykott Israels unterstützten würden oder antisemitisch seien. Die Vorwürfe wies die Documenta zurück. Diesbezüglich sagte Angela Dorn auf der Pressekonferenz, dass die Debatten gezeigt hätten, wie wichtig produktiver Dialog sei: »Aus meiner Sicht bedeutet Dialog Differenzierung statt Schwarz-Weiß-Malerei.« Sie zitierte Meron Mendel, den Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, der in einem Gastbeitrag in der »SZ« geschrieben hatte, »wenn eine Seite überall nur ›Antisemiten‹ und die andere Seite nur ›Rassisten‹ erkennen kann, ist das Scheitern des Dialogs kaum verwunderlich. Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, bemerkt der US-Psychologe Abraham Maslow, der behandelt alles, als ob es ein Nagel wäre«.

Dorn betonte, dass »antisemitische Ressentiments und Antisemitismus auf der Documenta keinen Platz haben dürfen« und fügte hinzu, dass das Gleiche für rassistische Anfeindungen und Bedrohungen gelte. Sie wies auf die Schmierereien in einer Ausstellung der Documenta hin: »Meine Solidarität gilt ausdrücklich den Kuratorinnen und Kuratoren, den Künstlerinnen und Künstlern, die auch aktuell rassistisch angegriffen werden. Auch das darf nicht passieren, wenn internationale Gäste in Deutschland willkommen geheißen werden.«

Mit Ruangrupa kam auch ihre Weltanschauung nach Kassel. Dazu gehört die Lumbung-Praxis. »Lumbung« ist ein Wort, das man öfters auf dieser Documenta hört. Auf Indonesisch bedeutet es eine Reisscheune, in der der Überschuss an Ernte gelagert und zum Wohle der Gemeinschaft verteilt wird. Lumbung-Praxis basiert also auf Kollektivität, Ressourcenaufbau, Nachhaltigkeit und gerechter Verteilung. Dementsprechend sieht Ruangrupa Kassel als »lebendiges Ekosistem lokaler Initiativen und Kollektive«. Der indonesische Begriff »Ekosistem« wurde in Anlehnung an die westliche Bezeichnung Ökosystem entwickelt und bedeutet »kollaborative Netzwerkstrukturen, durch die Wissen, Ressourcen und Ideen geteilt werden«. Documenta 15 ist reich an Begriffen unterschiedlicher Sprachen sowie Wortneuschöpfungen, sodass extra ein Glossar erstellt wurde. »Die Documenta fifteen steht für Vielstimmigkeit«, heißt es. Und das ist eine der Stärken dieses Events. Denn so kann man die Machtverhältnisse hinterfragen und sich im Rahmen solch einer globalen Veranstaltung etwa von der kolonialistischen Idee, »Englisch sei die Weltsprache«, distanzieren und stattdessen versuchen, sich mit den Begriffen und Werten anderer Kulturen auseinanderzusetzten.

Von der hegemonialen Kunst, die man aus eurozentristischen Kunstgeschichtsbüchern kennt, gibt es bei der diesjährigen Documenta kaum eine Spur; auch nicht von europäischen Galerist*innen und Händler*innen, die von einer Biennale zur nächsten, von dieser Messe zu jener ziehen und nach großen Namen suchen. Es wurde versucht, die Ausstellungsorte zu dezentralisieren. Insgesamt 32 Stätten können besucht werden, die in der ganzen Stadt verteilt wurden: vom zentral liegenden Stadtbezirk Mitte über das grüne Gebiet Fulda bis hin zur Nordstadt und der industriellen Gegend Bettenhausen. Das Museum Fridericianum und die Documenta-Halle im Zentrum gelten seit Langem als die Hauptorte der Documenta. Doch dieses Jahr wurde auf den Kasseler Osten (Bettenhausen) besonders fokussiert. »Wir wollen Räume schaffen, die die Beziehungen zwischen Stadtzentrum und Peripherie neu definieren«, so Ruangrupa. Dort sind fünf Stationen mit wichtigen Ausstellungen zu besichtigen, darunter das Hübner-Areal (die Lager- und Produktionsflächen, die die Verkehrstechnik-Firma Hübner vor Kurzem aufgegeben hat) und das Hallenbad Ost (ein im Bauhaus-Stil errichtetes Schwimmbad, das seit 2009 geschlossen ist).

Das Fridericianum wurde wiederum zu einem Wohnzimmer umgewandelt, in dem Kunst und Leben miteinander verknüpft sind. Die Künstler*innen arbeiten, essen und schlafen dort. Da, wo man etwa irgendwelche Skulpturen erwartet, begegnet man nun einer Gemeinschaftsküche, die in das klassizistische Gebäude eingebaut wurde. Da das Harvesting (das Ernten) ein Bestandteil der Lumbung-Praxis ist, werden auch viele Ideen im Laufe der 100-tägigen Veranstaltung gesammelt (geharvestet); viele Projekte – Film- oder Ton-Dokumente, Zeichnungen und Memes – werden erst in einem künstlerischen Schaffensprozess vor Ort geboren. Diese sollte man als eine Art dynamischer Kunst betrachten, die sich stets ändert beziehungsweise weiterentwickelt. Interaktive Kunst, aber auch Performances, Video- und Soundinstallationen und aktivistische Arbeiten überwiegen statische Objekte. Es gibt außerdem viel Platz für Zusammenkünfte, gemeinschaftliche Aktivitäten, Gemütlichkeit, Teppiche und Kissen sind ausgebreitet, Teekannen stehen bereit, Musik erklingt. Denn der Aufbau sozialer Beziehungen, Humor und Freundlichkeit sind ebenfalls im Lumbung-Prozess von besonderer Bedeutung: »Make friends, not art!« ist ein Motto aus einem älteren Booklet von Ruangrupa und erklärt viel über die Herangehensweise dieser Künstler*innengruppe aus Jakarta.

Die präsentierten Werke sind mehrheitlich politisch. Die ungarische Gruppe »Off-Biennale Budapest« beschäftigt sich in einer Ausstellung im Fridericianum mit einem langfristigen Projekt: einem transnationalen Raum, in dem Arbeiten der Roma-Künstler*innen gezeigt werden können – einer Art RomaMoMA (Roma Museum of Modern Art). Das Instituto de Artivismo Hannah Arendt (Instar) zeigt eine Reihe von Ausstellungen an zwei Standorten, in der Documenta-Halle in Kassel und in der Instar-Zentrale in Havanna, und macht vor allem auf kubanische Künstler*innen und Intellektuelle aufmerksam, die von der Regierung zensiert wurden.

»Du kannst in einem dänischen Flüchtlingslager bloß drei Sachen machen: essen, auf die Toilette gehen und schlafen«, ist auf einer Wand im Hübner-Areal zu lesen. Dort präsentiert das Trampoline House aus Kopenhagen seine Projekte und Performances. Das ist eine Communitiy aus Künstler*innen und Aktivist*innen, die sich für eine neue globale Flüchtlingspolitik einsetzen, die auf Solidarität und Einbezug beruht. Im Gegensatz zum Staat Dänemark, der die Asylbewerber*innen komplett isoliert von der lokalen Bevölkerung unterbringt, bot das Trampoline House mehr als zehn Jahre Geflüchteten Sprachkurse, Berufs- und Rechtsberatung sowie gemeinsame Aktivitäten wie Workshops und Kunstausstellungen an.

In der Unterführung am Platz der Deutschen Einheit in Bettenhausen ist eine sehr besondere Kunst versteckt. Auf den ersten Blick scheint es sich hier um einen der üblichen städtischen Tunnel zu handeln: schmutzig, stinkig, mit Grafitti bemalt. Doch man hört ungewöhnliche Klänge und Stimmen, wenn man durchgeht. Einige Lautsprecher wurden in die Wände und in die Graffiti integriert, sodass sie ein Teil des Ganzen geworden sind. Neben jedem steht ein kleiner Text, beispielsweise: »Das ist Nabila, eine Geflüchtete aus Marokko, hör ihrer Geschichte zu!«

»Die Flüchtlinge möchten sich ja auch in die Gesellschaft integrieren! Die ganze Idee dieses Kunstwerks ist, sich anzupassen«, sagt der sudanesische Künstler Khalid Albaih dem »nd«. Seine Klanginstallation heißt »The Walls Have Ears« (Die Wände haben Ohren). »Das ist ein arabisches Sprichwort«, erklärt Albaih, »es bezieht sich prinzipiell auf die Polizei; wir sagen, man wird immer abgehört.« Den Spruch hat er in seiner Arbeit für die Documenta 15 nun anders benutzt: Dieses Mal hofft er, dass jemand zuhört!

Albaih ist ein politischer Comiczeichner vom Trampoline House. Er lebte auch mal in Dänemark und kennt viele Asylbewerber*innen dort, die er für sein Projekt interviewt hat. »Manchmal leben Menschen neun oder gar zwölf Jahre in den Deportation-Camps, manche waren Kinder, als sie dahin geschickt wurden, nun sind sie erwachsen«, so Albaih. Er habe diesen nicht so schönen Ort in Kassel für seine Arbeit ausgewählt, weil hier viele normale Menschen unterwegs seien: »Ich möchte diese Menschen erreichen.« Es ist in der Tat eine ganz spezielle Art von Kunst, die ein Teil ihrer Umgebung geworden ist. Um sie zu entdecken, ja zu verstehen, muss man ihr nahe kommen, ihr etwas Zeit geben. Genauso wie bei den geflüchteten Menschen, deren Geschichten sie erzählt.

Bis zum 25. September. Mehr Informationen unter www.documenta-fifteen.de

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