Irrwitz und Schauer

Vor 200 Jahren starb E. T. A. Hoffmann, der in seiner Literatur in die Abgründe des bürgerlichen Daseins blickte

Das Berliner Restaurant Lutter & Wegner, in dem E. T. A. Hoffmann einst als Stammgast zechfreudig über Kunst spottete
Das Berliner Restaurant Lutter & Wegner, in dem E. T. A. Hoffmann einst als Stammgast zechfreudig über Kunst spottete

Das Jahr 1814 war für E. T. A. Hoffmann voller Versprechen. Im Mai waren die ersten beiden Bände seiner »Fantasiestücke in Callots Manier« erschienen, zudem hatte er die Arbeit an den »Elixieren des Teufels« begonnen, die ihm auch ein »finanzielles Lebenselixier« bringen sollten, wie er hoffte. Die Oper »Undine« war beinahe fertig geschrieben. Und nun erfüllte sich auch noch sein sehnlichster Wunsch, den er im Brief seinem »teuersten Freund« Theodor Gottlieb von Hippel offenbart hatte. Hoffmann hatte die Rechte studiert, wollte »wieder im preußischen Staat angestellt« werden und hoffte auf eine »Anstellung in irgendeinem Staats-Bureau …, die mich nähret«.

Hippel half, und Hoffmann zog im September 1814 von Leipzig nach Berlin, um fortan im Büro des Justizministers und am Kammergericht zu arbeiten. Nur auf ein Gehalt musste er erst einmal verzichten. Jetzt kämen die Wander- und Meisterjahre, schrieb er zuversichtlich und fügte hinzu, er sitze nun »fest im Sattel«. Und wirklich: Er erregte, kaum angekommen, großes Aufsehen. Schon einen Tag danach war er Mittelpunkt einer Runde, zu der die Schriftsteller Friedrich de la Motte Fouqué, Ludwig Tieck, Adelbert von Chamisso und der Maler Philipp Veit gehörten. Hoffmann, hat sich Ludwig Tieck später erinnert, »war eine merkwürdige Erscheinung, ein kleines unruhiges Männchen mit dem beweglichsten Mienenspiel und stechenden Augen. Er hatte etwas Unheimliches.« Immerhin: Man riss sich um ihn.

Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, geboren 1776 in Königsberg, hatte als musikalisches Wunderkind gegolten. Inzwischen war er 38 Jahre alt und hatte zu Ehren Mozarts 1809 seinen dritten Vornamen in Amadeus geändert. Als junger Bursche hatte er sich als Erzähler versucht, aber die zwei dicken Romane, die er als 20-Jähriger verfasst hatte, waren in der Schublade gelandet. Er war Beamter des preußischen Staates geworden, mal erfolgreich und befördert, mal oben und mal ganz unten, ins annektierte Polen abgeschoben, aus Warschau ausgewiesen und als Musikdirektor in Bamberg gescheitert. Er war, belächelt als Provinzler, Kapellmeister in Dresden gewesen und hatte schon zweimal versucht, in Berlin Fuß zu fassen. Ohne Vermögen und ohne Aufträge, hatte er, eine chancenlose Randfigur, sogar einen langen und bitteren Hungerwinter überstehen müssen. Erst jetzt, nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft und den »Bedrängnissen der kriegerischen Zeit«, war er dem Elend entronnen. Und nun sollte auch der Ruhm kommen.

Das Amt, dessen Pflichten nun Hoffmann penibel nachkam, drückte, dennoch könne er von der Kunst, wie er im März 1815 schrieb, nun einmal nicht mehr lassen. Noch sah er sich in erster Linie als Komponist, wozu beitrug, dass seine Oper »Undine«, Anfang August 1817 prominent und in der Ausstattung Karl Friedrich Schinkels am Königlichen Schauspielhaus in Berlin uraufgeführt, ein enormer Erfolg wurde. Sein »Undinchen«, schrieb er begeistert, sei in viereinhalb Wochen sechsmal »bei überfülltem Hause« gegeben worden, während er seine Arbeit am Kammergericht »wie den Klotz des Baugefangenen« hinter sich herschleppe. Er hoffte auf weitere Erfolge als Komponist und ein Leben als Kapellmeister.

Zunächst aber hatte er zu tun, all die Journale und Almanache zu bedienen, die ihn um Beiträge baten. Er war plötzlich eine Berliner Berühmtheit, und er hütete sich, den Bitten nicht nachzukommen. Schließlich brauchte er Geld, viel sogar, denn im Kammergericht arbeitete er noch immer umsonst, und die weitverbreiteten Blätter und Kalender zahlten gut. Man müsste vier Hände haben wie ein Floh, stöhnte er und schrieb hastig und so schnell es ging; schrieb manchmal mehrere Geschichten gleichzeitig, auch um seiner schönen und »herzensguten Frau« Mischa eine »bequeme Lage« zu schaffen. Abends zog es ihn zu Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt. Dann wurde beim Wein stundenlang gut gelaunt und witzgewaltig über Kunst geredet und gespottet, am häufigsten und am liebsten mit Ludwig Dievrient, dem genauso zechfreudigen und trinkfesten Schauspielerfreund.

Aus der Musikerkarriere, von der er immer noch träumte, ist dann doch nichts geworden. Lebendig geblieben ist Hoffmann als Schöpfer wundersamer Romane, der »Lebens-Ansichten des Katers Murr« oder der »Elixiere des Teufels«, komischer und grotesker Märchen und Geschichten, irrwitziger und schauerlicher Nachtstücke, als Meister des Skurrilen. Er war der Einzige unter den Romantikern, schrieb die Schriftstellerin Ricarda Huch, »dessen Auge gerade Wunder und Rätsel wahrnimmt, wo ein oberflächlicher … Sinn nur uninteressante Prosa vermutet«. Er war der wildeste von ihnen, heiter und bizarr, einer, der tagsüber die schnürende Luft preußischer Amtsstuben tapfer, wenngleich nicht immer klaglos ertrug und am heimischen Schreibtisch Doppelgänger, Geisterfürsten, Vampire und Verstorbene schuf, von denen er sogar sagen konnte, in welcher Straße und in welchem Haus sie wohnten.

Die Zeitgenossen nannten ihn den »Gespenster-Hoffmann«. Sie hielten seine Schöpfungen meist für Ausgeburten einer schier grenzenlosen Fantasie, den dichtenden Kater genauso wie den Minister, der erbärmlich im Nachttopf ertrinkt, und übersahen oder ignorierten, dass die Gespenster, die er in seine Geschichten holte, dem Leben entstammten. Sie entstammten einer Realität, mit der Hoffmann als Richter jeden Tag konfrontiert war, der »ganzen Wirklichkeit des Alltags draußen auf dem Markt und drinnen im Herzen«, wie Franz Fühmann sagt, dem Spukhaften und den Albträumen, all dem Undurchsichtigen, Unerklärlichen, Ungeheuren, das der Verstand nicht fassen konnte.

Hoffmann, ausgestattet mit beidem: dem realistischen Blick für die Zustände seiner Zeit, mit Not, Hunger, Hass, Tod, Niedertracht und Ungerechtigkeit, sowie einem feinen Sensorium fürs Zwielichtige und Hintersinnige, sah in die Abgründe und verborgenen Winkel des bürgerlichen Daseins und zeigte mit Spottlust, Ironie und bitterer Satire die Nachtseite und das Gespenstische einer Welt, der der Wahnsinn nicht fremd war. Heinrich Heine, der im 19. Jahrhundert zu den sehr wenigen gehörte, die in Hoffmann mehr sahen als den Verfasser harmloser Schauergeschichten, nannte sein Werk einen »Angstschrei in 20 Bänden«.

Der kleine und dürre Mann, der als Schriftsteller, Zeichner und geistreicher Unterhalter eine Berliner Institution und Sehenswürdigkeit wurde, hat es zuletzt auch im ungeliebten Brotberuf zu Ansehen und Erfolg gebracht. Eine Kabinettsorder des Königs beförderte ihn zum Mitglied einer Kommission, die die Karlsbader Beschlüsse von 1819 durchsetzen und alle vermeintlichen »Demagogen« hinter Schloss und Riegel bringen sollte. »Wie Du mich kennst«, schrieb Hoffmann am 24. Juni 1820 an Freund Hippel, »magst Du Dir wohl meine Stimmung denken, als sich vor meinen Augen ein ganzes Gewebe heilloser Willkür, frecher Nichtachtung aller Gesetze, persönlicher Animosität entwickelte …« Zum Verdruss der Obrigkeit und des Berliner Polizeipräsidenten Kamptz pochte er, Gegner jeder Gesinnungsschnüffelei, furchtlos auf die Unabhängigkeit der Justiz und sorgte mit seinen Gutachten dafür, dass Angeklagte in mehreren Prozessen freigesprochen wurden.

Sein prominentester Fall wurde Friedrich Ludwig Jahn, der »Turnvater«, der verhaftet worden war und für dessen Freilassung Hoffmann mit allem Nachdruck kämpfte. Aus Kamptz, dem fanatischen Inquisitor und verhassten Gegner, wurde im »Meister Floh«, dem letzten Märchen, an dem Hoffmann gerade schrieb, der mit ätzenden Strichen gemalte Hofrat Knarrpanti, der meint, »daß, sei erst der Verbrecher ausgemittelt, sich das begangene Verbrechen von selber finde«. Die Satire, ruchbar, noch ehe sie veröffentlicht war, geriet in die Fänge der Staatsmacht, die das Manuskript in der Druckerei schleunigst beschlagnahmen ließ und dafür sorgte, dass die inkriminierten Passagen unterdrückt wurden. Zur Strafe sollte der aufsässige Kriminalrat zudem einem Verhör unterzogen und in die Provinz verbannt werden.

Doch dazu kam es nicht mehr. Hoffmann, inzwischen bis hoch zum Kopf gelähmt, starb mit 46 Jahren am 25. Juni 1822. Zuletzt hatte er in seiner Geschichte »Des Vetters Eckfenster« von einem Kranken – seinem Ebenbild – erzählt, der vom Lehnstuhl am Fenster das Treiben auf dem Gendarmenmarkt verfolgt.

Hinterlassen hat Hoffmann ein großes, jahrzehntelang missachtetes Werk und einen Haufen Schulden, insgesamt 2300 Taler, mehr als zwei Jahresgehälter. Mischa, der Witwe, wurde geraten, die Erbschaft auszuschlagen. Den Grabstein auf dem Friedhof am Halleschen Tor spendeten Freunde. Großzügig erwies man sich bei Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt. Die 1116 Taler, mit denen Hoffmann in der Kreide stand, wurden gestrichen. Man hatte an ihm und den vielen Gästen, die seinetwegen kamen, reichlich verdient. Kamptz freilich trat noch einmal nach. Ein Hilfegesuch der Witwe, die nach Posen gezogen war und in Armut lebte, lehnte er kategorisch ab.

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