Der falsche Klitschko

Bei Anruf Fake: Vitali, weißt du noch?

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 4 Min.
Neulich im Videochat: Die echte Giffey und der falsche Klitschko
Neulich im Videochat: Die echte Giffey und der falsche Klitschko

In der vergangenen Woche hat ein falscher Vitali Klitschko mit mehreren Bürgermeistern europäischer Hauptstädte telefoniert – per Video, so dass diese Anrufe echt wirkten. Doch diese gesteigerte Authentizität ist eine gesteigerte Künstlichkeit: ein Deep Fake, digital hergestellt, wie man es von Hollywood-Filmen kennt.

Neben Madrid, Wien, Budapest war auch Berlin betroffen: Eine echt wirkende Digitalausgabe des Kiewer Bürgermeisters und früheren Profi-Boxers telefonierte am Freitag mit der Regierenden Bürgermeisterin Franzika Giffey (SPD). »Selbst Profis können nicht unterscheiden, ob sie mit einer echten Person sprechen oder mit einem Fake«, sagte sie hinterher. Ihr seien bei der Videoschalte erst wegen der Fragen des Unbekannten Zweifel gekommen. So habe der Gesprächspartner wissen wollen, ob Berlin bei der Ausrichtung eines Christopher Street Day in Kiew helfen könne. »Da habe ich zu meinen Leuten gesagt: ›Hier stimmt was nicht.‹« Und in dem Moment sei das Gespräch abgebrochen, nach einer knappen halben Stunde.

Das von der Berliner Senatskanzlei veröffentlichte Foto zeigt Kiews Bürgermeister in einem Setting, das wie das eines Interviews mit einem ukrainischen Journalisten im Frühjahr aussieht. Klitschko trägt die gleiche Jacke und im Hintergrund ist ebenfalls die ukrainische Flagge zu sehen. Der echte Vitali Klitschko äußerte sich am Wochenende in Kiew: »Bei mehreren Bürgermeistern in Europa hat sich ein falscher Klitschko gemeldet, der absurde Dinge von sich gegeben hat«, sagte Klitschko in Kiew in einem durch »Bild« verbreiteten Video. Dahinter stecke kriminelle Energie.

Das Gespräch wurde laut Senatskanzlei am 2. Juni per E-Mail angefragt und dann auf diesem Weg weiter angebahnt. Nach Kritik daran, dass die Mail nicht die offizielle Domain-Endung des Kiewer Bürgermeisters gehabt habe, erklärte eine Senatssprecherin, es sei »insbesondere seit Kriegsbeginn nicht ungewöhnlich«, dass etablierte ukrainische Kontakte über Adressen ohne institutionelle Mailsignatur oder Domain kommunizierten. Die ukrainische Botschaft sei über den Gesprächstermin vorab informiert worden. Laut Giffey war das »ein ganz standardmäßiger Vorgang.«

Zu Begin des Gesprächs habe das Gegenüber darum gebeten, Russisch sprechen zu können, damit seine Mitarbeiter zuhören könnten. Dann habe man einen russisch-deutschen Dolmetscher hinzugezogen. Klitschko sagte am Samstag, offizielle Gespräche könne es nur über offizielle Kanäle in Kiew geben. Für Gespräche auf Deutsch oder Englisch brauche er auch nie einen Übersetzer.

Wer steckt dahinter? Ist dies eine neue Form der Desinformation und der Verunsicherung der westlichen Gesellschaften in den Zeiten von Zoom und Home Office; ein Schachzug der Russen an der virtuellen Front? Zumal die Videoschaltung, live oder als Aufzeichnung, vorrangig vom Präsidenten der Ukraine Wolodymyr Selenskyj im Verteidigungskrieg gegen Russland als Mittel, sich weltweit medial zu Wort zu melden, benutzt wird. Als ob nun zukünftig stets daran gezweifelt werden sollte, ob da überhaupt noch der »richtige Präsident« spricht? Das wäre eine rechte Taktik aus der Ecke der Querdenker, AfDler und anderer Verschwörungsideologen, die die großen Medien – ohne jede Medientheorie – allgemein für manipuliert bis gefälscht halten.

Oder es ist eine satirische Aktion, um die in jeder Beziehung bildverliebten Politiker vorzuführen? Auf Grundlage des klassischen Telefonstreichs, wie ihn die »Titanic« schon oft gegen diverse irrlichternde Figuren eingesetzt hat. Legendär war auch die Aktion des linken Dichters Horst Tomayer, der 1982 für »Konkret« als Fake-Bergsteiger-Filmer Luis Trenker den ebenfalls uralten rechten Schriftsteller Ernst Jünger anrief, um reaktionär daherzuplaudern, was dieser dann sehr geschmeichelt in seinen Tagebüchern festhielt. Noch legendärer ist der Anruf 1998 bei Paul Breitner, als ihn der damalige DFB-Präsident Egidius Braun zum neuen Bundestrainer machen wollte, nachdem Berti Vogts zurückgetreten war. Breitner war begeistert – für 16 Stunden, dann rief ihn Braun wieder an und sagte, es ginge leider doch nicht. Der Witz daran war: Es war der echte Braun – in beiden Fällen.

Will der russische Geheimdienst auf einmal lustig sein? Das ist stark zu bezweifeln. mit Agenturen

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