Die alte Tante SPD vor der Wende

In Potsdam wurde der zweite Band der Brandenburger SPD-Geschichte vorgestellt

  • Von Matthias Krauß
  • Lesedauer: 3 Min.
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und Martin Gorholt (SPD), der den zweiten Teil der Parteigeschichte im Land mit herausgibt
Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und Martin Gorholt (SPD), der den zweiten Teil der Parteigeschichte im Land mit herausgibt

Es sei »der interessantere« Band gewesen, sagt Mitherausgeberin Sabine Hering am Donnerstag in Potsdam bei der Buchvorstellung von »Sozialdemokratie in Brandenburg (1933 bis 1989/90)«, dessen bereits im vergangenen Jahr erschienener Vorgänger sich mit der Parteigeschichte von 1868 bis 1933 befasst. Während die Geschichte bis 1933, so Hering, als weitestgehend erforscht gelten kann, sei für die Zeit danach die Quellenlage eher dünn. Nach dem durch die NS-Regierung verhängten Verbot der SPD im Juni 1933 war sie auch in Brandenburg, abgesehen von einzelnen Widerstandsaktionen, praktisch nicht mehr vorhanden. Flugblätter wurden in der Lausitz verteilt, was SPD-Genossen mit langjähriger KZ-Haft büßten.

Die Nachkriegsjahre firmieren im Band als Zeit des kurzen Neubeginns, in der die märkische SPD rasch zur alten Stärke zurückfand. Hochburgen waren Orte wie Luckenwalde, Brandenburg (Havel), Velten und Spremberg. Grob betrachtet habe es in jenen Tagen drei Gruppen innerhalb der SPD gegeben, sagt Mitherausgeber Martin Gorholt: zunächst jene um Kurt Schumacher, die beinharte Antikommunisten waren und sich jeglicher Zusammenarbeit verweigerten; dann jene, die bereit waren, es mit den Kommunisten zu versuchen; und schließlich diejenigen, die sich immer mehr zurückzogen. Geprägt gewesen sei das Bild dieser Jahre von Sozialdemokraten, die verfolgt, zum Teil verschleppt und umgebracht worden seien, und von jenen, die stolze Karrieren in der DDR gemacht hätten. Auch nach Erscheinen dieses Bandes bleibt ungeklärt, ob die Friedrich-Ebert-Straße in Potsdam nun nach dem Reichspräsidenten benannt ist oder seinem gleichnamigen Sohn, der einst Oberbürgermeister von Ostberlin war.

Vor 15 Jahren hatte der einstige SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine bei einem Auftritt in Potsdam bestritten, dass es sich beim Zusammenschluss von SPD und KPD 1946 um eine Zwangsvereinigung gehandelt habe. Dem widerspricht Gorholt. Die Elemente des Zwangs seien unbestreitbar und spätestens 1950/51 sei alles Sozialdemokratische innerhalb der SED erloschen gewesen. Aus diesem Grunde nehme er die DDR-Staatspartei SED auch nicht als Teil der SPD-Geschichte wahr, gleichwohl viele Sozialdemokraten später SED-Mitglieder gewesen seien. Im Vorwort des von über 100 Biografien geprägten Buches schreibt der frühere Ministerpräsident Matthias Platzeck von einer großen Lücke, die nach 1950 entstanden sei: »Denn ab da verlieren sich die Spuren der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, die Schritt für Schritt aus ihren Ämtern und Berufen entfernt wurden.«

Brüche und Verbindungen aus dieser Zeit sind bis heute sichtbar: Erschienen ist der neue Band im Dietz-Verlag (West), der also nicht zu verwechseln ist mit dem Karl-Dietz-Verlag (Ost) im Umfeld der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der seinerseits nach 1990 aus dem SED-Parteiverlag hervorgegangen war. Aus der Vereinigung der SPD-Zeitung »Das Volk« und der KPD-Zeitung »Deutsche Volkszeitung« ging im April 1946 das SED-Zentralorgan »Neues Deutschland« hervor. Seit 1990 firmierte es mit dem Untertitel »Sozialistische Tageszeitung«.

Der Band schließt ab mit der Neugründung der Sozialdemokratie 1989. Bezugnehmend auf das SED-Symbol der geschlossenen Hände zitiert Hering den langjährigen Landesvorsitzenden Steffen Reiche: Man habe seine Hand eben dort herausgezogen. Besonders in den Biografien des späteren Ministerpräsidenten Manfred Stolpe, seiner populären Sozialministerin Regine Hildebrandt und des Theologen Richard Schröder spiegele sich diese Zeit wider. Obwohl eine Reihe der Akteure im Gründungsort Schwante sich später als inoffizielle Mitarbeiter des MfS herausstellten: Herausgeber Gorholt will seine Partei nicht als Stasigründung bezeichnen lassen. Auf die entscheidenden, den Gründungsakt prägenden Persönlichkeiten treffe das nicht zu.

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