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Nadine Keßler: »Das Gesamtpaket passt«

Die Uefa-Abteilungsleiterin Frauenfußball über die EM in England als bislang größte Bühne und deren Nachhaltigkeit

  • Von Frank Hellmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Ruhe vor dem Sturm: Das Interesse an der an diesem Mittwoch beginnenden Europameisterschaft ist noch größer als erwartet.
Ruhe vor dem Sturm: Das Interesse an der an diesem Mittwoch beginnenden Europameisterschaft ist noch größer als erwartet.

Die 13. Fußball-Europameisterschaft der Frauen startet am Mittwoch mit einem Ausrufezeichen, wenn das Old Trafford in Manchester zum Eröffnungsspiel zwischen England und Österreich ausverkauft ist. Was erhoffen Sie sich davon?

Ein ausverkauftes Old Trafford ist der Startschuss, um ein Signal zu geben und Begeisterung zu schüren. Es ist die größte Bühne, die wir bisher bei einem solchen Turnier hatten. Der historische Ort soll zeigen, wohin die Reise geht. Es ist schon jetzt verrückt, wie groß das Interesse geworden ist.

Wie ist der Stand beim Kartenverkauf?

Ich verfolge das genau, weil ich gefühlt alle fünf Minuten ins Ticketsystem klicke. (lacht) Wir sind bereits jetzt bei 500 000 verkauften Karten, was gigantisch ist, wobei ein Fünftel der Kartenkäufer aus anderen Ländern als England stammt. 2017 in den Niederlanden waren es 240 000 Tickets – nach dem Turnier. Dass die Leute sich jetzt schon beim Vorverkauf so bedienen, war im Frauenfußball ja nicht üblich.

Es wurde sogar schon beanstandet, dass zu kleine Spielstätten ausgewählt worden seien, weil die City Academy in Manchester nur 4700 Zuschauer fasst, andere Stadien auch nur 8000 oder 12000 Plätze bieten. Hat man zu vorsichtig gedacht?

Dass diese Kritik aufkommt, zeigt die Entwicklung. Nur ist es bei einem Bewerbungsverfahren nicht so, dass die Uefa die Stadien auswählt. Dieses Gesamtkonzept hat der englische Verband zusammen mit den Städten und Klubs entwickelt. Wir haben zwei Stadien mit einer Kapazität unter 10 000, zwei liegen zwischen 10 000 und 20 000, vier um die 30 000 und zwei mit einer Kapazität oberhalb von 70 000. Das Gesamtpaket passt, es stehen jetzt rund 700 000 statt 430 000 Tickets bei der EM 2017 zur Verfügung. Dort lag der Zuschauerschnitt ohne Beteiligung der Niederlande bei knapp 5000. Es ist also kein einfaches Unterfangen, die größtmögliche Ambition umzusetzen, ohne die Realität zu verlieren. Deshalb war die Stadienwahl keine Fehlentscheidung.

Hat sich der Frauenfußball international vielleicht selbst überholt? Oder haben Sie damit gerechnet, dass der FC Barcelona in der Women’s Champions League zweimal im vollen Camp Nou spielt?

Ich würde am liebsten sagen, wir haben genau so alles geplant. (lacht) Aber natürlich haben wir uns so etwas erhofft, weshalb wir flexible Regularien geschaffen haben. So können, anders als bei den Männern, die Stadien im Frauen-Wettbewerb spontan gewechselt werden. Die Zuschauerzahlen sind durch die Decke gegangen; ab dem Viertelfinale wurde überall in großen Stadien gespielt, sodass nicht nur in Spanien Rekorde aufgestellt wurden. Großes Kompliment an die Klubs, die diese Extrameile gemacht haben.

Die EM schreibt nun diesen Trend mit den Nationalteams fort?

Wir haben uns die Messlatte sehr hoch gelegt. Wir wollen zeigen, wie weit der Frauenfußball gekommen ist, was sich medial und kommerziell getan hat. Die Akzeptanz und Wahrnehmung ist viel besser als zu meiner aktiven Zeit, als mir ein bisschen gefehlt hat, dass auch über das Spiel berichtet wurde.

Bei der WM 2011 in Deutschland war das Eröffnungsspiel in Berlin ausverkauft und das gesamte Turnier gut besucht, aber der nachhaltige Effekt ist ausgeblieben. Besteht diese Befürchtung für England auch?

Es ist nicht einfach, diesbezüglich einen nachhaltigen Fußabdruck zu hinterlassen. Zum ersten Mal werden der Verband und die Regierung, die lokalen Behörden und die Uefa gemeinsam nach dem Turnier daran arbeiten, mehr Möglichkeiten für Frauen und Mädchen im Fußball zu kreieren – ob als Spielerin, Trainerin oder Schiedsrichterin. Es wurde Personal eingestellt, damit in England mehr als nur ein Turnier bleibt.

Für diese EM hat die Uefa das Preisgeld auf 16 Millionen Euro verdoppelt, jeder Teilnehmer erhält 600000 Euro Startgeld. Bei der EM der Männer waren es 331 Millionen Euro an Preisgeld und 9,25 Millionen Euro Startgeld. Sind diese krassen Unterschiede noch zeitgemäß, wenn viele Verbände die Prämienzahlungen inzwischen angleichen?

Im Moment verdient die Uefa kein Geld mit dem Turnier und generell auch nicht mit dem Frauenfußball. Das ist Teil meiner Antwort. Es ist natürlich gut, dass solche Entwicklungen stattgefunden haben, wobei man sich die Equal-Pay-Agreements im Detail genau anschauen muss. Die Uefa hat vor einiger Zeit die Rechte für die Frauen-Turniere von denen der Männer getrennt. Diese Einnahmen werden komplett weitergegeben, das kann ich versprechen. Derzeit sind wir in einer Investitionsphase, denn auch die Ausrichtung, die Teamunterbringung, die Werbung kosten nun rund fünfmal mehr als bei der EM 2017.

Also wären im nächsten Schritt Medien und Sponsoren gefordert, mehr für die Rechte eines höherwertigen Frauen-Turniers zu bezahlen?

So sieht es aus. Wir brauchen Fernsehsender und Sponsoren, die spezifisch in den Frauenfußball investieren.

Sie haben bis zu Ihrem Karriereende auf allerhöchstem Level gespielt. Wo beobachtet eine ehemalige Weltfußballerin die größte Veränderung, wenn Sie das Spiel betrachten?

Das Niveau ist enorm gestiegen. Sowohl auf Nationalmannschafts- als auch auf Klubebene. Ich hätte keine Chance mehr, da mitzuhalten – das ist physisch, technisch und taktisch komplett eine andere Nummer geworden. Vielleicht schätze ich mich zu schlecht ein, aber so sehe ich das. (lacht)

Haben Sie für diese EM einen Favoriten?

Nein, darüber bin ich sogar froh. Viele Teams haben schon Titelambitionen angemeldet, das finde ich super. Das Niveau dieser EM wird auch sportlich nicht vergleichbar sein mit früheren Turnieren.

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