Wout, der Vielfältige

Der Belgier Wout van Aert entwickelt sich bei der Tour de France vom Gartenruinierer zum heimlichen Star

  • Tom Mustroph, Chatel
  • Lesedauer: 5 Min.
Belgiens Sprintstar Wout van Aert (M.) und der Slowene Tadej Pogačar (r.) bestimmten die erste Woche der Tour de France 2022.
Belgiens Sprintstar Wout van Aert (M.) und der Slowene Tadej Pogačar (r.) bestimmten die erste Woche der Tour de France 2022.

Wout van Aert ist das Gesicht dieser Tour de France. Gut, Tadej Pogačar trägt als Gesamtführender Gelb. Der Slowene begeistert und erschreckt zugleich mit der Leichtigkeit, in der er seine Siege holt. Wout van Aert, Träger des Grünen Trikots des besten Sprinters, ist hingegen der Mann, der wohl am prägnantesten die Malocherseiten dieses Quälsports auf dem Rad verkörpert. Nach seinem Etappensieg am Samstag durch einen Bergsprint aus dem Feld versuchte er es am Sonntag diesmal aus einer Fluchtgruppe heraus, auch wenn dieser Versuch beim Etappensieg des Luxemburgers Bob Jungels nicht von Erfolg gekrönt war. Auch im Gelben Trikot schoss er bei dieser Tour schon aus dem Peloton und sicherte sich mit einem zehn Kilometer langen Kampf allein gegen alle anderen seinen ersten Tagessieg bei dieser Rundfahrt. »Ich wünschte, ich wäre im Sprint so schnell wie er«, staunte selbst der übermächtig wirkende Pogačar.

Begonnen hat die beeindruckende Karriere des mittlerweile 27-jährigen Belgiers als Gartenzerstörer. »Als ich sechs Jahre alt war, bekam ich mein erstes Mountainbike. Ich bin damals den ganzen Tag lang im Garten meiner Eltern herumgefahren. Mein Vater mochte das nicht so sehr. Er sah aber, wie sehr ich das genoss. Also ließ er mich weiter den Garten zerstören«, blickte der erwachsene Radprofi nun auf diese Anfänge zurück. Mit acht Jahren bestritt er dann sein erstes Mountainbike-Rennen – und wurde prompt Zweiter. Es war der Beginn einer langen Folge von Podiumsplätzen und Siegen. Zuerst vornehmlich im Gelände. Von 2016 bis 2018 wurde van Aert dreimal in Folge Cross-Weltmeister.

In dieser Zeit bestritt er auch erste Straßenrennen. Die Fachwelt staunte, wie er als Jungprofi eines zweitklassigen Rennstalls die Ronde von Limburg sofort auseinanderfuhr. Erst zersplitterte er mit einem Antritt 13 Kilometer vor dem Ziel das Feld. In der dabei entstehenden Spitzengruppe erwies er sich dann auch noch als Schnellster im Sprint. Das Team Jumbo-Visma ließ sich noch anderthalb Jahre Zeit, das Talent tatsächlich zu verpflichten. Ein dritter Platz bei der Strade Bianche 2018 überzeugte die Manager des Worldtour-Rennstalls dann aber doch: Seit März 2019 setzt man auf die Dienste des Supertalents.

Van Aert dankte prompt. 2020 gewann er Strade Bianche. Auch Mailand-Sanremo, das Amstel Gold Race und Gent-Wevelgem, allesamt große Eintages-Klassiker des Profiradsports. Mittlerweile acht Etappensiege bei der Tour de France stehen ebenfalls zu Buche. Die Bandbreite der Siege reicht vom steilen und langen Berganstieg auf den Mont Ventoux über Triumphe im Zeitfahren bis hin zum Massensprint auf den Champs Elysees von Paris.

Bei dieser Tour fügte der Belgier neue Rekorde der Vielseitigkeit hinzu. Erst wurde er dreimal hintereinander Zweiter – im Zeitfahren und bei zwei Sprintankünften. Die vierte Etappe gewann er dann mit jener Solofahrt vor einem zunehmend verzweifelnden Favoritenfeld. Auf der Pflastersteinetappe danach stürzte er, musste dann trotzdem Arbeit für seinen havarierten Co-Kapitän Jonas Vingegaard leisten und verteidigte dennoch sein Gelbes Trikot gegen die Fluchtgruppe und den ebenfalls enteilten Tadej Pogačar.

Tags darauf ging er in Gelb schon früh in eine Fluchtgruppe. Viele Begleiter fand er nicht. Er wurde eingeholt und landete das erste Mal nicht in den Top 20 des Tages. Die Aktion löste Kopfschütteln aus. »Die Gruppe war viel zu klein. Es war verrückt«, meinte etwa der britische Mitfavorit Tom Pidcock. Tadej Pogačar, der das Gelbe Trikot von van Aert übernahm, war jedenfalls froh: »Wäre die Gruppe größer gewesen, wäre Wout wohl vorn geblieben. Er ist ein toller Rennfahrer«, sagte der Slowene.

Am Samstag bekam Pogačar dann im direkten Duell die Stärke des Belgiers aber wieder zu spüren. Van Aert gewann in Lausanne vor dem Australier Michael Matthews und eben Pogačar. »Es war eine gute Gelegenheit, viele Punkte für das Grüne Trikot zu sammeln. Die Mannschaft hat den ganzen Tag hart gearbeitet, und ich wollte das dann vollenden«, lautete der knappe Kommentar von van Aert. Gelb hat er mittlerweile aus den Augen verloren. Auf den kommenden Bergetappen wird er aber entweder als Helfer für Vingegaard gebraucht oder als stärkste Lokomotive den Jumbo-Bergzug durch Alpen und Pyrenäen ziehen.

Tadej Pogačar jedenfalls ist des Lobes voll über seinen vielseitigen Rivalen: »Er belebt die Rennen enorm. Es ist eine Freude, gegen ihn zu fahren. Und zum Glück hat Wout noch nicht daran gedacht, sein Körpergewicht zu reduzieren.« Würde van Aert ans Schmachten gehen, und dabei einen Großteil seiner Kräfte behalten, könnte er auch bei dreiwöchigen Rundfahrten aufs Podium kommen. Doch daran denkt er im Moment noch nicht. Vielmehr will er weiter seine Vielfältigkeit ausbauen. Darin ist er einsamer Champion. In seinen bislang 28 Renntagen in diesem Jahr kam er 19 Mal unter die Top 3, sieben Mal gewann er. Da kommt nicht einmal ein Tadej Pogačar mit. Bei bislang 32 Renntagen kam der Slowene bei weniger als der Hälfte unter die Top 3. Immerhin neun Mal gewann er. Der Vielseitigkeitspreis geht aber immer noch an Wout van Aert.

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