Der fünfte Beatle

Überraschung als Prinzip: Die Aequinox-Musiktage in Neuruppin trotzen der Coronakrise

  • Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 4 Min.
Spannende Begegnung: Time Travel – Henry Purcell und die Beatles in der Interpretation von Asya Fateyeva und der Lautten Compagney
Spannende Begegnung: Time Travel – Henry Purcell und die Beatles in der Interpretation von Asya Fateyeva und der Lautten Compagney

Eine Schauspielerin, vier Sängerinnen und Sänger, drei Musikerinnen und Musiker setzen sich an einen großen runden Tisch. Einander zugewandt plaudern und sinnieren sie, singen, musizieren und rezitieren. Corinna Harfouch, die Capella Angelica und die Lautten Compagney blättern in den etwa 400 Jahre alten Liederbüchern des englischen Barden John Dowland, verbinden sie mit Gedichten seines Zeitgenossen John Donne – und sind im Handumdrehen bei ganz heutigen Fragen.

Er habe, sagt der Lautenist und Leiter der renommierten Lautten Compagney, Wolfgang Katschner, ein solches Programm schon lange vorgehabt, und man glaubt ihm das sofort. Weil er bekannt dafür ist, gemeinsam mit seinen Kollegen immer neue Formen und Ausdrucksmöglichkeiten für die große Kunst der Alten Musik zu suchen, neue Zugänge zu jahrhundertealten Werken zu finden, Brücken zwischen Epochen, Regionen und Kunstgattungen zu schlagen.

Ein Labor für diesen Experimentiergeist ist das von der Lautten Compagney im brandenburgischen Neuruppin ausgerichtete Aequinox-Festival. Eigentlich zur Tag- und Nachtgleiche im März ins Leben gerufen, musste es wegen der Coronakrise 2020 ausfallen und seitdem in den Sommer wandern. Es ist eine Energieleistung von Katschner, der Festivalorganisatorin Gabriele Lettow sowie vielen Kollegen und Helfern, dieses Ereignis über die schwierigen Zeiten gerettet zu haben. Aber sie müssen der Pandemie Tribut zollen. Die Besucherzahlen blieben bei der zwölften Auflage der Musiktage am letzten Wochenende sichtbar unter dem Niveau vor Corona, was an den Unwägbarkeiten, der erschwerten Planung und dem vorerst neuen Termin im Kulturkalender liegen mag. Überall in Kunst und Kultur steht ja die Frage, wie viel Substanz durch die Pandemie verloren ging.

Unter diesen Umständen ist es nicht weniger als grandios zu nennen, was in diesem Jahr wieder geboten wurde. Vor allem, wenn man weiß, dass extrem kurzfristig Musiker wegen Corona-Infektionen absagen mussten und anderswo ganze Ensembles außer Gefecht gesetzt sind. Da ist beispielsweise der brillante Abend »Time Travel«, eine Hommage an Henry Purcell und die Beatles. Danach ist man fest davon überzeugt, dass Purcell, ein Mann des 17. Jahrhunderts, der fünfte Beatle gewesen sein muss.

Eine These, die musikhistorisch gewagt sein mag, für die aber die Lautten Compagney und die Saxofonistin Asya Fateyeva eine gute Stunde lang handfeste Beweise liefern. So, wie sie die Songs verbinden und verweben, zwischen deren Entstehung ja immerhin gut drei Jahrhunderte liegen, lassen sie John, Paul, George, Ringo und Henry als Brüder im Geiste erscheinen. Zumindest stehen sie in einer langen Tradition britischen Songwritings. Was Fateyeva und die Lautten Compagney daraus machen, sind alterslose Klassiker; die CD »Time Travel« wurde Anfang dieses Jahres mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet.

Und bei Purcells »Cold Song«, der mit seinen düsteren Dissonanzen schon seinen Zeitgenossen Schauer über den Rücken gejagt haben dürfte, bekommt man eine Vorahnung davon, was uns Wirtschaftsminister Habeck für den Fall kommender Energieknappheit in Aussicht stellt. Es ist der Soundtrack zum Krisenwinter, bei dem sich auch das letzte Nackenhaar aufstellt.

Es sind solche Begegnungen, die einen Wesenskern der Arbeit der Lautten Compagney ausmachen. Zu erleben am Wochenende in Neuruppin unter anderem auch bei einem Aufeinandertreffen des Barockkomponisten Samuel Scheidt mit dem Klangkonstrukteur Erik Satie, zwischen denen 300 Jahre liegen. Oder des Renaissance-Meisters Orlando di Lasso mit dem Songwriter Leonard Cohen, zelebriert vom Ensemble Phoenix Munich.

Oder eben beim heiteren, ernsthaften musikalisch-literarischen Tischgespräch über Liebe und Leidenschaft, Beziehungen und Verhältnisse, über das Leben im Kleinen und im großen Ganzen. Denn, und darauf läuft es ja hinaus, das Private war schon immer politisch. Acht Künstler am runden Tisch, die sich und die Zuhörer bestens unterhalten, das Publikum ringsherum hautnah dran. Hochpräzise Satzgesänge von berückender Lebendigkeit – wem da nicht das Herz aufgeht, dem ist wohl auch anders nicht zu helfen. Wer Gelegenheit hat, dieses Programm zu sehen und zu hören, sollte sich das keinesfalls entgehen lassen. Man geht danach klüger, entspannter, angeregt seiner Wege. Und das ist in diesen Zeiten schon einiges wert.

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