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Der deutsche Fußball der Frauen will mit dem EM-Schwung nach vorn

Wie die Europameisterschaft in England eine nachhaltige Entwicklung bringen soll

  • Von Frank Hellmann, London
  • Lesedauer: 5 Min.
Will Menschen begeistern: Svenja Huth
Will Menschen begeistern: Svenja Huth

Siegfried Dietrich hat inzwischen mehr als sein halbes Leben daran gewerkelt, dem Fußball der Frauen zu mehr Sichtbarkeit und Anerkennung zu verhelfen. In den 90er Jahren hat es bei seinem Pionierverein 1. FFC Frankfurt auch wahre Quantensprünge gegeben. Doch auch der 65-Jährige muss sich im Rückblick eingestehen, dass es im vergangenen Jahrzehnt entweder nur noch in Tippelschritten vorwärts ging oder gar Rückschritte zu verzeichnen waren. Vom Hype um die Heim-WM 2011 ist beispielsweise kein nachhaltiger Effekt geblieben – viele Visionen zerplatzten wie ein zu kräftig aufgeblasener Luftballon.

Doch diesmal ist Dietrich als Vorsitzender des DFB-Ausschusses Frauen-Bundesligen und Sportdirektor der Frauen von Eintracht Frankfurt Frauen überzeugt davon, dass es durch diese Europameisterschaft einen »Ruck nach vorne« gibt. Dass der Rückenwind diesmal nicht mit dem Abpfiff des Endspiels am 31. Juli abflaut. »Wir wollen nach der erfolgreichen EM mit allen Verantwortlichen der Liga und dem DFB ein neues Wahrnehmungszeitalter der Frauen-Bundesliga einläuten«, betont der Antreiber. Fest steht für ihn dabei: »Umso besser unsere DFB-Frauen abschneiden, desto größer ist das Vermarktungspotenzial.«

Es wäre genau das, was sich die meisten Nationalspielerinnen wünschen. Dass sie nicht nur EM-Partien in England vor 15 000 oder 20 000 Zuschauern bestreiten, sondern wenigstens ab und zu im Vereinsalltag auf mehr als die bislang 1000 Besucher im Schnitt kommen. Für Svenja Huth vom VfL Wolfsburg wäre es »ein toller Erfolg, wenn wir es schaffen, die Menschen hier zu begeistern, zu gewinnen, aber auch nachhaltig zu binden«. Für die Führungsspielerin wäre es schön, »wenn wir diese Möglichkeiten, diese Stimmung und volle Stadien kontinuierlich auch in Deutschland schaffen könnten«. Das DFB-Strategiepapier »FF27 – Frauen im Fußball« nennt es eine der größten Herausforderungen, »die Stagnation der Zuschauerzahlen in der Bundesliga und das rückläufige Interesse bei Länderspielen« zu bekämpfen.

Der erste Meilenstein soll am 16. September mit dem Eröffnungsspiel der Frauen-Bundesliga zwischen Eintracht Frankfurt und Bayern München gesetzt werden. In der großen Arena im Stadtwald, an einem Freitagabend. Also in derselben Konstellation, mit der am 5. August die Bundesliga der Männer eröffnet wird. In Frankfurt hoffen die Verantwortlichen auf 20 000 bis 30 000 Fans. Auch weil die Eintracht gerade so en vogue ist. Die Frauen sollen vom Hype profitieren, der rund um den Europa-League-Triumph der Männer herrscht. Deshalb kamen auch schon zum letzten Saisonspiel gegen Werder Bremen plötzlich 4500 Zuschauer ins Stadion am Brentanobad in Frankfurt-Rödelheim. Dietrich schwebt ein »Highlightspiel im Herzen von Europa« vor, bei dem der Besucherrekord von 12 464 in der Bundesliga fällt.

Auch DFB-Generalsekretärin Heike Ullrich ist zuversichtlich, »dass unsere Erfolge bei der EM keine Eintagsfliege bleiben«. Beim Thema besserer Bedingungen und Infrastruktur sowie Vermarktung für die Frauen-Bundesliga seien alle gefragt. Und es geht nicht ohne die Tat- und Strahlkraft der großen Männermarken, so ehrlich müssen alle sein. Durchschnittlich erwirtschaftet ein Frauen-Bundesligist 1,3 Millionen Euro, hat aber Ausgaben von 2,5 Millionen. Daher müssen in Deutschland mehr als nur zwei, drei große Vereine das Rad mit Schwung drehen.

Das Ausland macht es schließlich vor, dass sich das Investment auch fürs eigene Nationalteam lohnt. Hätte der FC Barcelona sich nicht zu seiner Frauen-Abteilung bekannt, wäre Spanien nicht so gut. Ohne das Engagement vom FC Chelsea, Arsenal oder Manchester City wäre England nicht so stark – mit großen Titelaussichten vor dem Halbfinale an diesem Dienstag gegen Schweden. Ohne Olympique Lyon und Paris St. Germain wären die Französinnen nicht so versiert. Deshalb war die vom DFB veranstaltete erste Leadership-Reise für die Frauen-Bundesliga wichtig, als Akademieleiter Tobias Haupt 17 Vereinsvertreter vier Tage lang durch England führte. Mit Eintracht Frankfurts Markus Krösche, Christian Keller vom 1. FC Köln und Ronald Maul vom SV Meppen holten sich auch Manager aus dem Männerbereich Input ab.

Siegfried Dietrich sagt, die Europameisterschaft und die internationale Entwicklung gäben für Deutschland Anlass dazu, »manche Negativschlagzeilen der Vergangenheit als gesammelte Erfahrung abzuhaken«. Bis auf die beiden Torhüterinnen Almuth Schult und Ann-Katrin Berger sowie Sara Däbritz stehen alle Nationalspielerinnen in Deutschland unter Vertrag. Wenn sie am Mittwoch zum Halbfinale gegen Frankreich erstmals deutlich mehr als zehn Millionen Zuschauer vor die TV-Geräte ziehen, kann sich vieles von selbst ergeben. Das gestiegene Niveau der Partien und die sympathische Ausstrahlung der Protagonistinnen sind unbestritten. Danach geht es für Förderer wie Dietrich um den letzten Schritt: Menschen zu bewegen, sich mal eine Begegnung in der Bundesliga anzusehen. Am Fernseher oder vor Ort. Er ist überzeugt, dass sich neue Publikumsschichten gewinnen lassen. Denn: »Man kann den Qualitätsstandard einer neuen Frauenfußball-Generation bewundern.«

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