Lernen an der Holz-Taschenlampe

Sommerserie: Bei den »Jungen Tüftlern« können sich Jung und Alt nachhaltige Technologien erbasteln

Was kommt denn da aus dem Lasercutter? Zu Besuch bei den "Jungen Tüftlern"
Was kommt denn da aus dem Lasercutter? Zu Besuch bei den "Jungen Tüftlern"

Sie geht an, dann doch wieder aus. Noch mal eine Lage Kupferklebeband dahin, wo der Schalter eingebaut ist, rät Alex Kutschera. Und »einfach rumprobieren«. Der freundliche junge Mann hat die im Bau befindliche Mini-Taschenlampe aus Holz mitentwickelt, die hier am Moritzplatz in Berlin-Kreuzberg im 1. Stock des Aufbau-Hauses gerade von den Händen eines erwachsenen Technik-Laien zusammengeklebt und -geschraubt wird.

Es sind Sommerferien, erst vor wenigen Minuten ist eine Horde von 15 Kindern zwischen 6 und 16 Jahren aus der Tür gestürmt, nachdem sie zusammen mit einem Elternteil in einem großen Bastelraum der gemeinnützigen Organisation »Junge Tüftler« das Gleiche gemacht haben – eine Taschenlampe bauen. »Goodlab« heißt der Ort und soll verstanden werden als offene Werkstatt für alle, die eben auch »einfach rumprobieren« wollen – oder die kommen, um etwas ganz bestimmtes herauszufinden.

»Sieht gut aus«, sagt Kutschera derweil mit einem Seitenblick auf den Selbstversuch und erklärt geduldig, welche Änderungen er an der Vektorgrafik für den Laserschneider vornehmen musste, damit sich das besagte Produkt noch etwas schneller in etwas verwandelt, was alle kennen und viele brauchen: Eine gut funktionierende batteriebetriebene Lichtquelle, um dunkle Ecken und Momente auszuleuchten, wenn mal keine Lampe von der Decke hängt.

Der Unterschied zu den herkömmlichen Geräten ist aber: Sie ist aus Holz. Die dünne Platte, aus der die dafür benötigten, vorgestanzten Teile sanft herausgelöst werden müssen, hat das Laserschneidegerät unter dem Fenster gerade frisch ausgespuckt. Vor einigen Wochen erst ist der Prototyp von zahlreichen Besucher*innen eines Workshops auf der Re:publica, der europaweit größten Konferenz zur digitalen Gesellschaft, erprobt worden.

Alex Kutschera kommt eigentlich aus dem bayerischen Gmund am Tegernsee und forscht derzeit im Rahmen eines Projekts zur Metropolregion München an der TU Berlin. Vor allem aber ist er selber Bastler und möchte andere dafür begeistern – vorrangig Kinder und Jugendliche. Kutschera hat dafür mit anderen den Bus »Hubertus« eingerichtet, der als mobile Forschungswerkstatt durch das bayerische Oberland fährt – ein »Fablab« auf Rädern. Das Anliegen des dahinterstehenden Vereins: Naturwissenschaften allen näherbringen, die sich dafür interessieren, aber aus unterschiedlichen Gründen nicht automatisch einen Zugang dazu haben.

Daher ist er auch gerade hier in Kreuzberg beim Projekt der »Jungen Tüftler« dabei. Susanne Grunewald arbeitet als Mentorin für das Projekt, zusammen mit Alex Kutschera betreut sie den Workshop zum Bau der Taschenlampe. »Sie ist Sinnbild für viele Dinge. Zum Beispiel für Technik an sich, die oft als Black Box daherkommt – man öffnet sie und guckt in etwas hinein, was sonst zu ist«, sagt die Medienpädagogin. Beim Licht sei es ähnlich, ergänzt ihr Workshop-Kollege: »Wir machen es an – als etwas vollkommen Selbstverständliches.«

Jedes Smartphone hat eine integrierte Taschenlampe, und kleinere Kinder in der westlichen Welt bekommen diese alle naselang im Schlüsselanhängerformat als Geburtstagsgeschenk von ihren Freund*innen. Für Menschen, die auf das Sonnenlicht als Lichtquelle angewiesen sind, stellt sich das ganz anders dar. Abends lesen, lernen, etwas arbeiten – ohne künstliches Licht geht das nicht. Susanne Grunewald klebt einen Sticker auf ein Papiertütchen, in dem ein Taschenlampen-Selbstbau-Kit steckt: »Licht = Macht« steht darauf.

Die Berlinerin brennt, ähnlich wie Kutschera, für die unzähligen Möglichkeiten, Menschen jeden Alters dazu anzuhalten, sich spielerisch mit der allgegenwärtigen Technologie zu beschäftigen – ob dafür nun Mini-Roboter gebaut werden oder praktische Dinge aus dem 3D-Drucker purzeln. Ziel ist es, den Teilnehmer*innen der zahlreichen offenen und angeleiteten Formate, die die Organisation seit Oktober letzten Jahres im »Goodlab« anbietet, vor allem eines zu ermöglichen: Neugierig zu bleiben und sich nicht entmutigen zu lassen, wenn mit »der Technik« mal was nicht klappt. Denn alle wissen: Mit dieser ist es nicht immer so einfach.

Muss es auch nicht sein, findet Grunewald, die schon viele Jahre viel Herzblut in Projekte wie das »Goodlab« steckt. Das merke man gerade bei Kindern: »Kinder sind schnell gestresst und frustriert, wenn etwas nicht funktioniert, aber wenn man sagt: ›Oh, das ist aber interessant, was du da gemacht hast!‹, dann wundern sie sich und entdecken, dass es auch einen ganz anderen Blick auf das gibt, was sie als Fehler kennen«, erklärt die Medienpädagogin.

Das habe auch mit dem unkritischen Verhältnis zu Technologie im Allgemeinen zu tun, meint Alex Kutschera. »Zurzeit benutzt die Technologie die Leute. Wir plädieren dafür, Technologie aber adäquat, also angemessen zu nutzen, nicht andersherum. Auf Englisch heißt das ›to own technology‹. Nicht bei allem, aber bei vielem ist es möglich zu schauen: Ich habe da was gebaut, es funktioniert nicht, na, dann schaue ich mir das noch mal an.« Dies sei auch eine Art Didaktik. Und kritisch sein heiße ja nicht, keinen Spaß zu haben. »Es geht darum, das Machen an sich kritisch zu durchleuchten und auch die Technologie, die zum Einsatz kommt. Zum Beispiel zu fragen: wofür brauche ich ein Smartphone? Wann benutze ich einen 3D-Drucker? Der Drucker produziert schließlich auch nur noch mehr Plastikmüll, wenn er nicht sinnvoll eingesetzt wird«, so Kutschera.

So gesehen fühlt es sich gleich ein bisschen besser an, die eigene Taschenlampe aus Holzplättchen zusammenzuschrauben. Und wieder auseinander, denn leider klappt es immer noch nicht mit dem Schalter. Dann die Entdeckung: die beiden Draht-»Beinchen« der Mini-LED hängen trotz Fixierung ein wenig in der Luft. Hier muss eindeutig noch mehr Kupferklebeband drauf.

Das ganze Gefriemel und Gefummel macht ziemlich Spaß – es steht ja auch niemand daneben und erwartet, dass sofort ein voll funktionstüchtiges Produkt entsteht. Als sich leise die Erinnerung an den Werkunterricht in der eigenen Schulzeit anschleicht, kommt die Frage auf, was in den heutigen Schulen aus diesen Arbeitsräumen geworden ist. Oft in den Kelleretagen untergebracht, rochen sie nach Arbeitsmaterialien und Werkzeugen, und beim Schleifen eines Holzautos schaute einem der spezielle Typ des dunkelblau bekittelten Werklehrers argwöhnisch über die Schulter. Diese Art von Werkunterricht dürfte ausgestorben sein, aber die Orte gibt es noch, weiß Susanne Grunewald von zahlreichen Projekttagen an Grundschulen in der Region: »Viele alte Werkräume sind verstaubt und werden nicht mehr benutzt oder nur, wenn sich ein bestimmter Lehrer oder eine bestimmte Lehrerin dafür engagiert.« Dabei eignen sie sich für die Art des Lernens, das die beiden hier anbieten, ausnehmend gut: »Hands on« – von den Händen ausgehend etwas zu begreifen, was einem abstrakt erscheint.

Aber noch sind die Hürden hoch: »Wir machen die Erfahrung, dass viele Erwachsene und Lehrer*innen davon ausgehen, dass man erst ein bestimmtes theoretisches Wissen haben muss, bevor man sich der praktischen Erprobung der Technik zuwenden darf«, berichtet Susanne Grunewald. »Aber warum sollte ein Kind nicht erst eine Taschenlampe bauen und dabei dann lernen, wie ein Stromkreis funktioniert?«

Um anschließend die Fragen zu entwickeln, die darüber hinausgehen: »Es wird gerne so dargestellt, als ob neue Technologie im Grunde immer dazu da ist, alle Probleme der Welt zu lösen, aber das ist natürlich nicht so. Wir wollen ermuntern, zu fragen: Welche Folgen hat diese Lösung? Für wen und was ist das gut, wollen wir das wirklich?«, so Grunewald.

Man habe mit dem »Goodlab« einen Ort schaffen wollen, an dem Menschen ihre Ideen von einer besseren Zukunft und einer nachhaltigeren Welt selbst in die Hand nehmen können, erklärt Projektleiterin Caroline Servais. »Wir wollen das kostenlos anbieten, und noch klappt das durch die Förderung, die wir für die angeleiteten Formate, mit denen wir vor allem an Schulen unterwegs sind, erhalten.« Neben Kooperationen mit den sehr diversen Einrichtungen in der Gegend um den Moritzplatz versorgen die »Tüftler« zahlreiche Kinder- und Jugendeinrichtungen mit ihren Angeboten. Weil die Kapazitäten für die vielen Anfragen kaum reichen, liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der Multiplikator*innen-Ausbildung. Aber, sagt Servais, auch vielen Lehrer*innen fehle der Mut, Kisten mit Bausätzen zu öffnen und gemeinsam mit den Schüler*innen zu lernen, was damit entstehen kann. Auch wenn es dafür leider bisher an ausreichender Förderung mangele: »Wir wollen neben den Kindern und Jugendlichen unbedingt auch mehr Erwachsene zum Ausprobieren und Mitmachen ermuntern«, erklärt die Projektleiterin. Es ist in jedem Fall zu empfehlen.

good-lab.org

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