• Kultur
  • Ausstellung »Histories of Violence«

»Auf welcher Seite stehst du?«

Eine Ausstellung in Berlin-Mitte zeigt, wie sich sieben Künstler auf unterschiedliche Weise mit Kriegen beschäftigt haben

  • Von Matthias Reichelt
  • Lesedauer: 5 Min.
Die Videoprojektion »Myitkyna« thematisiert die Geschichte der koreanischen »Trostfrauen«.
Die Videoprojektion »Myitkyna« thematisiert die Geschichte der koreanischen »Trostfrauen«.

Wenn wir zum Krieg rüsten, werden wir Krieg haben», lautete die klare Botschaft von Bertolt Brecht 1951. Es ist zum Verzweifeln und Verrücktwerden, dass solche klaren Botschaften nach zwei Weltkriegen von einer neuen Politikergeneration nicht mehr berücksichtigt werden. Krieg hat nun auch Europa wieder fest im Griff, und das Säbelrasseln von imperialistischen Mächten mit dem Risiko eines dritten Weltkriegs schreitet voran. Durch das Dickicht der konkurrierenden Propagandamaschinerien kann sich «Wahrheit» nur mühsam ihren Weg bahnen. Gegenwärtig stehen sich in einem medial geführten Meinungskampf unversöhnlich zwei Positionen gegenüber: Hegemonial ist der Bellizismus, von den «Leit- und Qualitätsmedien» auf allen Kanälen flankiert, während die andere Seite auf die diplomatische Karte setzt.

Eine von Bernhard Draz organisierte Ausstellung im «Meinblau Projektraum» in Berlin-Mitte kommt da zur rechten Zeit und bringt Werke von sieben internationalen Künstlerinnen und Künstlern zusammen, die das Desaster verschiedener Kriege behandeln. Darunter die aus Südkorea stammende Chan Sook Choi, die im letzten Jahr den renommierten «Korea Artist Prize» gewann. Ihre Videoprojektion «Myitkyna» thematisiert das grausame Kapitel der koreanischen «Trostfrauen», die als sogenannte «comfort girls» von japanischen Soldaten während des Zweiten Weltkriegs aus Korea, Taiwan und China entführt und zwangsprostitutiert wurden. Einige nach Myitkyna in Myanmar (Burma) deportierte Frauen konnten von den US-Soldaten befreit werden und ihr Schicksal mitteilen. Chan Sook Choi hat daraus eine Erzählung kompiliert, die sie von drei Schauspielerinnen, darunter auch eine europäische Frau, vortragen lässt. Bis heute hallt das Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen im Krieg im Echoraum der erinnerten Geschichte nach und «Trostfrauen» kämpfen heute immer noch für finanzielle Kompensation durch Japan.

Oliver van den Berg interessiert sich für die verharmlosenden, oftmals weiblichen und Sympathie weckenden Namen von Raketen und hat diese in einem schattenwerfenden Wandrelief verarbeitet. Seine Skulptur «Hellfire», ein detailgetreuer Nachbau der biblisch benannten und tödlichen Waffe mit Bodenrampe unterstreicht die ästhetische und phallische «Qualität». Kürzlich soll der Al-Qaida-Chef Ayman al-Zawahiri durch eine von einer US-Drohne abgefeuerten Hellfire in Afghanistan ermordet worden sein.

Passend dazu erinnert Sven Kalden mit seiner Arbeit an den Kollaps der New Yorker Twin Towers am 11. September 2001. Ausgaben der «Taz» sowie der «Jungen Welt» überdruckte er mit dem charakteristischen Fassadenrelief von World Trade Center I und II. Bis in die Linke hinein war es damals wie heute inopportun, das offizielle US-Narrativ, dessen Widersprüche bis heute nicht geklärt sind, zu bezweifeln und zu hinterfragen. Wer das tat, wurde unweigerlich mit dem Etikett «Verschwörungstheoretiker» versehen und aus dem Debattenraum katapultiert. Kaum im Bewusstsein ist der Kollaps des viel unbekannteren und mit einer massiven Stahlstruktur versehenen WTC 7 am selben Tag. Angeblich aufgrund von Bränden auf mehreren Stockwerken stürzte das Gebäude um 17.20 Uhr innerhalb von 9,2 Sekunden in sich zusammen. Eine Doppelseite der «Berliner Zeitung», überdruckt von Kalden mit der Fassade dieses Baus, erinnert daran. Mit dem 11. September 2001 verbunden ist auch der Krieg, der unter der Führung der USA zusammen mit einer Koalition der Willigen über zwanzig Jahre u.a. gegen die Taliban in Afghanistan geführt wurde. Begonnen wurde er, weil der aus Saudi-Arabien stammende Osama Bin Laden als Al-Quaida-Führer den Befehl und die Koordination des Angriffs aus diesem Land gegeben haben soll. 2011 im Mai zogen die USA es vor, den völlig wehrlosen Bin Laden durch ein Kommando der Navy Seals in Pakistan ermorden zu lassen und seinen Körper im Meer zu versenken, anstatt ihm einen öffentlichen Prozess zu machen.

Der Fotograf Andreas Rost reiste zwischen 2007 und 2009 mehrfach in die afghanische Hauptstadt Kabul und dokumentierte in eindrücklichen Schwarz-Weiß-Bildern die Situation im öffentlichen Raum. Ruinen, Fassaden mit Einschusslöchern und die bedrückende Verschleierung der Frauen künden von der herrschenden Gewalt auf verschiedenen Ebenen.

Der aus Neapel stammende Multimedia-Künstler Costantino Ciervo erinnert an die katastrophale Situation von Geflüchteten in überladenen Booten, die, u.a. abgeschirmt von Frontex, dem Meer und dem Ertrinken überlassen wurden. Eine Singer-Nähmaschine «näht» mit blutroter Schrift die Daten von Havarien auf die wogende Meeresoberfläche auf einem LCD-Monitor unter der Nadel der Maschine.

Sharon Paz aus Israel hat Wolfgang Borcherts berührende Kriegserzählung «Nachts schlafen die Ratten doch» (1947) adaptiert und unter dem Titel «Dust» in den seit über 70 Jahren konfliktreichen Nahen Osten verlegt.

Joachim Seinfeld schließlich präsentiert seinen umfangreichen und ab 2005 sukzessive erweiterten Zyklus «Wenn Deutsche lustig sind». Die fotografiebasierte und von Seinfeld als «Dokufiction» kategorisierte Arbeit besteht aus historisch bekannten Fotografien aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie den antisemitischen Pogromen im Nazideutschland. Seinfeld hat sich selbst, manchmal mehrfach, hineinmontiert, unter anderem als Opfer und Täter zugleich. Aus historischer Distanz sich einzubilden, man hätte bestimmt auf der antifaschistischen und antiimperialistischen Seite gestanden, ist einfach. Eine größere Herausforderung ist es, in der Gegenwart der propagandistischen und medialen Macht zu trotzen und eine als «russenfreundlich» oder gar «Putinversteherei» geächtete Position gegen schwere Waffen in die Ukraine und für Diplomatie zu verfechten. Nun nimmt Seinfeld in seiner Arbeit zum aktuellen Konflikt zwar keine Stellung, evoziert aber dennoch die schmerzhafte Frage, die die US-amerikanische Bergarbeiterfrau Florence Reece 1931 in dem Song «Which Side Are You On?» formulierte. Die Frage hat ihre Gültigkeit keineswegs verloren, die Antwort kann mitunter ebenso komplex lauten wie die Verhältnisse.

«Histories of Violence», bis 28. August, Projektraum Meinblau, Berlin

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