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Die falsche Blaupause

Die European Championships in München sollen die Olympiareife Deutschlands beweisen. Das ist jedoch ein Trugschluss

  • Von Oliver Kern, München
  • Lesedauer: 8 Min.
Die European Championships in München stehen im Zeichen der Olympischen Spiele von 1972. Nicht wenige hoffen nun auf eine neue Bewerbung.
Die European Championships in München stehen im Zeichen der Olympischen Spiele von 1972. Nicht wenige hoffen nun auf eine neue Bewerbung.

Der neunjährige David versucht sich gerade beim Teqball, einer Sportart, bei der man einen Fußball übers Netz eines gewölbten Tisches spielt. „Wir haben das gestern schon gesehen. Das musste ich unbedingt mal ausprobieren», sagt David, der seine Ferienwoche gerade mit Papa Michi bei den European Championships in München verbringt. Tags haben sie sich am Königsplatz Beachvolleyball angesehen, und „die Stimmung war super», sagt Michi. Sein Sohn wäre am liebsten noch mal hin, aber heute Abend wollen sie ins Stadion zu den Leichtathleten, also ging es diesmal in den Norden der Stadt, zum Olympiapark. Vorher steuerten sie aber direkt den Teil an, in dem Kinder verschiedene Sportarten testen können – Blindenfußball, Biathlon, Judo oder eben Teqball.

Die beiden sind Münchner, und dem Vater war schon lange klar, dass er sich die Wettbewerbe vor der eigenen Haustür anschauen würde. Sogar der Familienurlaub wurde extra eine Woche vorverlegt, damit man rechtzeitig wieder daheim sein würde. „Es sind viele Leute in der Stadt, dazu die Sportler, ausländische Touristen, das genieße ich. Es erinnert mich ein bisschen an die Fußball-WM 2006″, sagt Michi.

Ganz offensichtlich ist der Mittdreißiger sehr sportinteressiert. Vor neun Jahren, als er gefragt wurde, ob sich München für die Olympischen Winterspiele 2022 bewerben sollte, hatte er aber beim gescheiterten Bürgerentscheid nicht mit abgestimmt. Einen Grund nennt er dafür nicht. Dabei findet er „das generell eigentlich gut: Ich habe lieber Olympia hier in München als in Aserbaidschan oder China, wo die Spiele mit Nachhaltigkeit nicht viel zu tun haben. Hier hätten wir ja viele Sportstätten. Und wenn die eine oder andere neu gebaut werden müsste, würde sie danach ja weiter genutzt. Ich wäre also offen dafür», sagt Michi.

Menschen wie Michi und David haben deutsche Sportfunktionäre derzeit im Sinn, wenn sie betonen, die European Championships in München würden zeigen, dass Deutschland 50 Jahre nach den letzten Spielen im Land wieder reif sei für Olympia. Die Organisation funktioniert reibungslos, und die Menschen in Olympiapark, Hallen und Stadien zeigen sich begeistert.

Doch taugt dieses Event wirklich als Blaupause? Wer schon einmal bei Olympischen Sommerspielen war, wird diese Frage schnell mit Nein beantworten. In München werden gerade EM-Medaillen in neun Sportarten vergeben, bei den Spielen 1972 am selben Ort waren es 21, im vergangenen Sommer in Tokio dagegen schon 33. Die Zahl der Medaillenentscheidungen hat sich in den vergangenen 50 Jahren auf 339 erhöht und damit fast verdoppelt. Bei Weitem nicht alles könnte hier also in den vorhandenen Sportstätten ausgetragen werden wie jetzt. 

Das positive Argument der Nachhaltigkeit dieser European Championships ist also keineswegs einfach auf Olympia übertragbar. Es fehlen zum Beispiel eine Bahnradbahn, ein Schwimmstadion sowie große Hallen für Basket-, Hand- und Volleyball, die den Dimensionen entsprechen, wie sie das Internationale Olympische Komitee fordert. Das wird dem IOC gern als Gigantismus ausgelegt, doch die Zuschauerzahlen sowie die der Medienvertreter sind nun einmal viel höher bei Olympia.

Doch wer würde diese Sportstätten später nutzen? Handball wird in München nicht erstklassig gespielt, und die alte olympische Radrennbahn wurde vor sieben Jahren bereits abgerissen, weil sie nicht mehr genutzt wurde.

Der Hauptknackpunkt aber ist die Atmosphäre, denn Olympische Spiele laufen längst nicht mehr so ab wie die dagegen fast familiär anmutenden European Championships in München. Der Olympiapark steht derzeit allen Menschen offen. Nur wenn bekannte Bands wie die Beatsteaks abends Konzerte spielen, wird mal ein kleiner Teil wegen Überfüllung abgesperrt.

Solche Menschenaufläufe wären bei Olympia allerdings durch weitere Zigtausend Event-Touristen aus aller Welt die Normalität und müssten anders kanalisiert werden. Das passiert dann oft durch Zäune und den Verkauf von Tickets für den Park. Selbst wenn die billig sind, dürfen damit dann keine Sportereignisse besucht werden. Schon bei den Spielen von London, die in der jüngeren Vergangenheit noch am meisten gepriesen wurden, war das ein Frustfaktor für die Einheimischen, die es nicht schafften, die Wettkämpfe in der eigenen Stadt zu sehen.

Das besondere Flair entsteht in Bayerns Landeshauptstadt derzeit auch, weil die Athleten so nah an den Leuten sind. Am Donnerstag und Freitag radelten beispielsweise die Nationalteams der Mountainbiker mitten durch die Menschenmassen zu ihrer Wettkampfstrecke – bei Olympia undenkbar. Man stelle sich den Aufschrei vor, wenn Sportler wegen unachtsamer Fans ihren Start verpassen. Vom Sicherheitsaspekt nach mehreren Attentaten in der Geschichte der Spiele, nicht zuletzt vor 50 Jahren in München, mal ganz abgesehen. Organisatoren gehen spätestens seit dem 11. September daher immer den Weg der strikten Trennung von Athleten und Fans. Nahbar sind die Spiele daher nie.

Dennoch will der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) die Gelegenheit nutzen und setzt das Thema Olympiabewerbung trotz zuletzt sieben gescheiterter Bewerbungen wieder auf die Tagesordnung. Die Münchner Boulevardzeitung „tz» titelte schließlich schon nach dem Auftaktwochenende: „Olympisch», und laut „Abendzeitung» sei München nun „Olympiareif!»

DOSB-Präsident Thomas Weikert hielt sich im Vergleich dazu noch zurück, sagte aber dieser Tage: „Man kann Olympische Spiele auch ohne Gigantismus haben. Das IOC hat begriffen: Etwas anderes wird man gar nicht mehr machen können. Auf dem hier kann man also aufbauen. Wenn wir ein nachhaltiges Konzept haben, das die Menschen mit einbezieht, werden wir auch eine Begeisterung für Olympische und Paralympische Spiele auslösen können.» Ein solches Konzept fehlt jedoch immer noch. Trotzdem wünscht sich auch Weikerts Vizepräsidentin Verena Bentele, „dass wir die European Championships als Referenz nehmen, um zu zeigen: Wir haben es drauf.»

Weitere Sportfunktionäre und Politiker blasen ins selbe Horn. So sagte Alfons Hölzl, Präsident des Deutschen Turner-Bunds am Donnerstag: »Wir sind uns sicher, dass die European Championships einen Schub gebracht haben und die Akzeptanz der Bevölkerung für Olympia 2036 dadurch gestiegen ist. Die spürbare Begeisterung ist ein Beleg dafür, dass wir auf einem guten Weg sind.« Bayerns Innenminister Joachim Herrmann plädierte ebenfalls dafür, dass sich Deutschland zu einer Bewerbung aufraffe.

Fragt man die Athleten, zeigen sie sich viel reservierter, obwohl es doch meist ihr großer Traum ist, einmal Olympia vor Heimpublikum zu erleben. Einerseits wissen sie, dass bis einschließlich 2032 die Gastgeber von Sommerspielen bereits gesetzt sind. Vor 2036 ginge es also gar nicht, und dann sind die Karrieren der allermeisten EM-Starter von München längst vorbei. Zudem kennen auch sie die Schattenseiten der Spiele. „Im Kleinen sehen wir hier, wie schön das sein kann, mit vielen Sportarten in Deutschland Meisterschaften zu erleben. Ich würde Olympische Spiele daher nur befürworten, wenn wie hier Infrastruktur ausgebaut wird, die schon besteht und danach weiter genutzt werden kann, also einen Mehrwert bietet», sagte Zehnkampf-Europameister Niklas Kaul. „Es bringt nichts, tolle Sportanlagen zu bauen, die danach nicht mehr genutzt werden.»

Davon abgesehen traut Beachvolleyballerin Karla Borger, Präsidentin des Vereins Athleten Deutschland, der aktuellen Euphoriewelle nicht: »Wir müssen ein bisschen die Kirche im Dorf lassen und erst einmal andere Sachen klären.» So solle der Schwung lieber mit in die Vereine und die Nachwuchsförderung genommen werden. »Nur weil einmal die Hütte voll ist, heißt das ja noch nicht, dass der Leistungssport jetzt angekommen und akzeptiert ist in der Gesellschaft.» 

Tatsächlich ist der Bürgerwille, selbst unter Sportfans im Olympiapark, überhaupt nicht so klar, wie es so manch Sportfunktionär derzeit darstellt. „Das Zugucken, da wäre ich sofort dabei. Das wäre mega», sagt Ralf aus Kassel, dessen Kind gerade einige Gleichgewichtsgeräte ausprobiert. Er zeigt sich in München begeistert von den Bahnrad- und Turnwettkämpfen, die er sich in seinem Familienurlaub angeschaut hat. „Aber dieser ganze Kommerz, die Machenschaften, der Betrug, all die Skandale, die nerven so sehr an Olympia. Da bin ich insgesamt eher dagegen.» Man müsste die Spiele zusammendampfen, meint der Lehrer. „Aber weil das nicht so richtig zurückgeschraubt werden kann, sind die Menschen dagegen.»

Der Hesse hofft, dass es die nächsten Gastgeber in Paris, Los Angeles und Brisbane vor allem in Sachen ökologischer Nachhaltigkeit besser machen. „Wenn der Turnaround geschafft wird, ist das vielleicht eine Chance», meint er, und auch der Münchner Familienvater Michi sagt über eine mögliche deutsche Bewerbung: „Man muss erst mal sehen, wie viel das kostet.»

„Olympia in München wär doch richtig cool», sagt hingegen sein Sohn David und macht sich über die Probleme der Erwachsenen einfach keinen Kopf. Die einzige Frage, die sich ihm stellt, ist die nach der Sportart, in der er antreten wird. „Am liebsten als Fußballspieler», meint der Junge im Ronaldo-Shirt. Papa Michi hat noch einen anderen Vorschlag: „Vielleicht doch lieber Leichtathletik. Du warst doch beim Sommerfest in der Schule so gut.» – „Ja, das geht auch», sagt David.

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