Union vor Duell mit den Bayern im Höhenflug

Seinen malerischen Aufstieg hat Union Berlin auch den Bayern zu verdanken – nun kommt es zum Spitzenspiel

  • Von Maik Rosner, München
  • Lesedauer: 6 Min.
Unions Rani Khedira (r.) und seine Mitspieler wollen es am Samstag gegen den FC Bayern besser machen als beim 0:4 im März.
Unions Rani Khedira (r.) und seine Mitspieler wollen es am Samstag gegen den FC Bayern besser machen als beim 0:4 im März.

Die Schwärmerei kam auf den ersten Blick von unerwarteter Stelle, dafür formulierte sie der Urheber gewohnt ausdrucksstark. Die Bundesliga könne sich freuen, weil dieser Verein »eine ganz besondere Ausstrahlung« habe, befand der Anhänger. Begeistert hieß er den 1. FC Union Berlin im Namen aller Fußballfans willkommen. Zugleich klang seine Sorge an, dass es womöglich nicht reichen könnte. »Als Aufsteiger hat man es leider immer schwer, aber damit uns dieser bunte Farbklecks in der Bundesliga länger erhalten bleibt, drücken sicher einige Menschen die Daumen«, ließ er also wissen und wünschte »auch von Seiten des FC Bayern: Viel Glück!«

Gut drei Jahre liegt es nun zurück, dass sich Uli Hoeneß in einer Kolumne der Berliner Zeitung als großer Sympathisant von Union Berlin zu erkennen gab. Seine Zuneigung begründete der langjährige Spieler, Manager und Präsident des FC Bayern auch damit, dass Union schon zu DDR-Zeiten ein »Auffangbecken« gewesen sei »für die, die anders dachten«. Diese Identität des politisch begründeten und sportlich prägenden Kampfgeistes imponierte dem Metzgersohn. Höchsten Respekt zollte er auch dafür, dass sich die Fans am Stadionbau beteiligten oder Union bei der Versorgung von Flüchtlingen half. Dass es beim ersten Bundesligaspiel des Vereins aus Köpenick im August 2019 gleich zum Treffen mit dem anderen ostdeutschen Erstligisten RB Leipzig kam, bezeichnete Hoeneß als »feine Pointe der Fußball-Geschichte«, 30 Jahre nach dem Mauerfall.

An diesem Samstag empfängt Union die Bayern zu ihrem bereits siebten Vergleich in der Bundesliga. Die feine Pointe liegt nun eher darin, dass die Berliner das von Hoeneß gewünschte Glück seit ihrem Aufstieg 2019 gar nicht in Anspruch nehmen mussten. Bei seiner Bundesliga-Premiere verlor Union zwar 0:4 gegen Leipzig, in Abstiegsgefahr geriet die Mannschaft von Aufstiegstrainer Urs Fischer aber bisher nie. Im Gegenteil: Der Trend zeigt weiter nach oben. Nach den Abschlussplätzen elf (2020), sieben (2021) und fünf (2022) grüßt Union seit seinem 6:1-Rekordsieg beim FC Schalke am vergangenen Samstag von Platz zwei, punktgleich mit dem Meister aus München. Vor dem fünften Spieltag ist der FC Bayern nur wegen der besseren Tordifferenz Tabellenführer. »Sehr erfolgreich, sehr sympathisch. Mir gefällt das«, sagte Hoeneß über Union jüngst in der »Sport Bild«, »die machen einen super Job.«

Dass die Berliner die Bayern tabellarisch auf Augenhöhe zum Spitzenspiel der Bundesliga empfangen, ist der vorläufige Höhepunkt ihrer bemerkenswerten Entwicklung. Um im Bild von Bayerns Ehrenpräsident zu bleiben: Union kommt nun nicht mehr nur als bunter Farbklecks daher, sondern als Herausforderer des roten Riesen, zumindest für den Moment. Bereits zum zweiten Mal in Serie spielen die Ost-Berliner zudem international. In der vergangenen Saison starteten sie in der Conference League, nun dürfen sie in der höherklassigen Europa League ran. »Man hat den Eindruck, man lebt ein bisschen wie in einem Märchen und muss sich immer wieder kneifen«, sagte Oliver Ruhnert dieser Tage. Der auf dem Transfermarkt sehr umtriebige und oft treffsichere Manager gilt neben dem besonnenen Schweizer Trainer Fischer als Schlüsselfigur für den Erfolg. Ruhnert trat seinen aktuellen Posten im Mai 2018 an, kurz darauf verpflichtete er Fischer.

Beeindruckt von der kontinuierlichen Entwicklung der Eisernen ist auch Bayerns Offensivspieler Thomas Müller. Bei Union wüssten sie, »wie man im Fußball Ergebnisse erzielt«, sagt der mit 32 Titeln erfolgreichste deutsche Fußballer der Geschichte. »Dass sie jetzt so weit oben stehen, hatte ich auch nicht auf dem Schirm«, räumt er zwar ein. Völlig überrascht sei er aber nicht. Schließlich habe er ein paar Spiele von Union gesehen, und aufgefallen sei ihm, dass die Berliner weiterhin ihren Außenseiter-Stil mit schnellen Kontern pflegen, »aber den eben mit 100 Prozent Überzeugung. Sie haben dafür auch die richtigen Spielertypen«. Müllers indirektes Lob: »Gegen Union spielt man nicht gerne.«

Es hat auch mit dem FC Bayern zu tun, dass Union diese Entwicklung einschlagen konnte. Nach ihrem Abstieg aus der zweiten Liga 2004 liefen die Berliner wegen Schulden in Höhe von rund vier Millionen Euro Gefahr, keine Lizenz für die damals drittklassige Regionalliga zu erhalten. Wie beim FC St. Pauli 2003 erklärte sich der FC Bayern bereit, bei Union zu einem Benefizspiel anzutreten, um mit den Einnahmen maßgeblich zur Rettung beizutragen. Dass Hoeneß ein Herz für Kult hat, zeigte er im Falle von Union bereits 1993 und 1997, als er mit den Bayern zu Testspielen bei den schon damals klammen Berlinern antrat. Etwas neidisch schaute Hoeneß dennoch auf die Eisernen, jedenfalls auf deren Stadion und Fans. Beim ersten Besuch 1993 ließ er seinen Blick schweifen und sagte in eine Fernsehkamera: »Wunderbar, leider haben wir das in München nicht.« Seine Heimspiele trug der FC Bayern zu jener Zeit im oft nicht ausverkauften Olympiastadion aus.

Es ist also eine besondere Beziehung, die diese ungleichen Vereine verbindet, wenn der Zweite Union den Ersten FC Bayern herausfordert. Dennoch bewegen sich die Münchner sportlich und wirtschaftlich eigentlich in einer eigenen Liga. Das wissen auch die Berliner. Der geschätzte Kaderwert des FC Bayern liegt mit rund 850 Millionen Euro fast zehnmal so hoch wie der des 1. FC Union. Allein Joshua Kimmich ist fast so viel wert wie die gesamte Berliner Belegschaft. Das Stadion an der Alten Försterei ist das kleinste der Bundesliga und erreicht mit einer Kapazität von gut 22 000 Zuschauern nicht einmal ein Drittel der Münchner Arena (75 000).

Umso imposanter ist es, dass sich Union im oberen Drittel der Bundesliga gemütlich eingerichtet hat. Gegen die Bayern konnten die Berliner allerdings noch kein Ligaspiel gewinnen. Vier Niederlagen und zwei Unentschieden stehen zu Buche. In der vergangenen Saison verloren sie sogar jeweils hoch (2:5 und 0:4). Doch bei Union ist man bekanntlich kämpferisch. »Wir versuchen das Spiel so anzugehen, dass wir gewinnen können. Wenn möglich, wollen wir einen Punkt bei uns behalten«, sagt Trainer Fischer.

Sein Münchner Kollege Julian Nagelsmann bezeichnet es als »extrem schwer«, in der Alten Försterei zu spielen. Zugleich verortet er Union irgendwo zwischen Viktoria Köln und Inter Mailand. Union spiele mit seinem Umschaltstil ähnlich wie der Drittligist und Pokalgegner vom vergangenen Mittwoch, nur mit einer höheren Qualität, findet Nagelsmann. Inter, Gegner am kommenden Mittwoch in der Champions League, spiele wiederum vergleichbar mit Union, nur mit mehr Ballbesitz. »Da kommen sehr ähnliche Aufgaben auf uns zu«, sagt Nagelsmann.

Wenn die Entwicklung der Köpenicker so weitergeht, spielen sie 2023 auch in der Champions League. Hoeneß hat dazu bereits eine Prognose gewagt. Im Vergleich zum FC Bayern verfolge Union »ein anderes Konzept. Damit kann man nicht die Champions League gewinnen«. Auf jeden Fall würden die Berliner auch in Europas Eliteliga als bunter Farbklecks beginnen. Wie im August 2019 in der Bundesliga, als Hoeneß die Daumen drückte, dass sie nicht gleich wieder absteigen.

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