Ein Tag bei der No Borders Airforce

Mit Kleinflugzeugen sucht die Nichtregierungsorganisation Sea Watch im Mittelmeer nach Booten mit Flüchtenden auf dem Weg nach Europa.

Seenotrettung: Ein Tag bei der No Borders Airforce

»Hotel Bravo Golf Mike November, hier spricht die tunesische Airforce. Sie verletzen tunesischen Luftraum. Wenden Sie sofort, oder wir fangen Sie ab und eskortieren Sie ans Festland!«, erfährt die vierköpfige Besatzung der Seabird 2 über Funk. »Tunesische Airforce, hier Hotel Bravo Golf Mike November«, antwortet Michel Julien ins Funkgerät, »wir befinden uns nicht in tunesischem Luftraum. Ich wiederhole, wir befinden uns nicht in tunesischem Luftraum.« Julien ist »Pilot in Command« (Pic) der Seabird 2. Er fliegt ein Kleinflugzeug vom Typ Beechcraft Baron 58 für Sea Watch Airborne, die Luftaufklärung der deutschen Seenotrettungs-NGO Sea Watch. Das Rufzeichen HB-GMN der in der Schweiz angemeldeten Maschine lautet im Nato-Buchstabieralphabet »Hotel Bravo Golf Mike November«.

Falls Julien die barsche Ansage verunsichert, lässt sich der ehemalige Pilot der belgischen Fluglinien Brussels Airlines und Sabena nichts anmerken. »Zum Glück gibts GPS«, sagt er, dadurch lasse sich die Position stets zweifelsfrei belegen. Knapp außerhalb der tunesischen Seerettungszone lässt er 1500 Fuß (etwa 495 Meter) über den blauen Weiten des Mittelmeers die Seabird über einem kleinen Boot mit Außenbordmotor kreisen. An Deck drängen sich 20 Flüchtende auf dem Weg nach Europa. Vom Flugzeug aus erkennt man mit dem Fernglas einen schwarzen Mann in oranger Rettungsweste dem Flugzeug mit ausgestreckten Armen zuwinken.

»Wir gehen runter auf 500 Fuß und sehen uns das genauer an«, sagt Samira. Die gebürtige Berlinerin sitzt neben Julien im Cockpit und leitet von dort als »Tactical Coordinator« (Tacco) den Einsatz. Ihren vollen Namen will sie nicht nennen, mit zwei Jahren Erfahrung arbeitet sie von der sich heute im Einsatz befindenden Crew am längsten bei Airborne. Als das Flugzeug die neue Flughöhe erreicht, gibt sie das Kommando »Bank, bank!« und Julien lässt die Maschine um 60 Grad zur Seite kippen. In der Schräglage hat Field-Media-Coordinator Samuel Müller den optimalen Winkel für ein Foto. Er und der mit einem Fernglas ausgerüstete Spotter sitzen zwischen Foto- und Filmausrüstung, einer Kühlbox mit Wasser und belegten Broten auf den beiden Rücksitzen.

»Das Boot startete vermutlich heute nacht von der tunesischen Küste«, sagt Samira. Von dort sind es 142 Seemeilen bis Lampedusa. Die italienische Insel ist wegen ihrer Lage nahe der Küsten Libyens und Tunesiens nicht nur bei Tourist*innen aus Italien beliebt, sondern auch das Ziel der meisten Bootsflüchtenden, die aus den beiden nordafrikanischen Ländern nach Europa wollen. »Bei einer Geschwindigkeit von drei Knoten braucht dieses Boot hier etwa zwei Tage für eine Strecke, die etwa der zwischen Hannover und Berlin entspricht«, erklärt Samira der Crew. Am Morgen habe die Boden-Crew von Sea Watch Airborne bei einer Drohne der europäischen Grenzschutzbehörde Frontex ein auffälliges Flugmuster beobachtet. Aus einem solchen könne die in Leipzig und Berlin im Homeoffice arbeitende Boden-Crew auf die Position von Booten mit Flüchtenden schließen.

»Wenn die Boden-Crew uns Bescheid gibt, starten wir mit dem Flugzeug von Lampedusa«, sagt Samira, »und suchen das Boot aus der Luft.« In der Hochsaison im Juli und August fliege Airborne manchmal täglich aus, um die Boote und ihre Insass*innen zu dokumentieren. Sobald die Crew der Seabird ein Boot sieht, teilt sie die Koordinaten Behörden, kommerziellen Schiffen und jenen von NGOs mit. Diese sollen die Flüchtenden aufnehmen oder in einen sicheren Hafen eskortieren. Die Dachorganisation Sea Watch selbst betreibt zu diesem Zweck derzeit die Schiffe Sea Watch 3 und Sea Watch 4 sowie das Rettungsboot Aurora.

»Wir bleiben möglichst nah an dem Boot«, sagt Samira. Sie befürchtet ein Eingreifen der libyschen Küstenwache, deren Boote sich, anders als die Flugzeuge und Drohnen von Frontex, »nicht mit unserer Open-Source-Software orten lassen«. Diese operiere häufig auch jenseits ihrer eigenen Seenotrettungszone vor der Küste Libyens in der maltesischen, über der sich die Seabird derzeit befindet.

Schmutzige Arbeit der Küstenwache

Leute von Sea Watch sprechen stets nur von der »sogenannten libyschen Küstenwache«. »Das libysche Rettungskoordinierungszentrum entspricht nicht internationalen Standards«, sagt Samira. Dazu gehöre, täglich rund um die Uhr erreichbar zu sein, Englisch zu sprechen und Rettungen koordinieren zu können. Es gebe zahlreiche Berichte von gewalttätigen Übergriffen auf Flüchtende durch die Küstenwache auf hoher See, einen besonders brutalen dokumentierte Sea Watch 2021. Die Küstenwache brächte die Geflüchteten auch nicht in sichere Häfen, wie es bei einer Seenotrettung vorgeschrieben sei. Stattdessen verschleppe sie diese zurück nach Libyen, in das Land, aus dem sie geflohen seien. Man spricht in diesem Fall von sogenannten Pullbacks. Sie sind nach internationalem Recht illegal.

Wenig überrascht es daher, wenn nicht nur die tunesischen, sondern auch die libyschen Behörden regelmäßig die Arbeit von Airborne behindern, indem sie behaupten, die Flugzeuge der Organisation verletzten ihren jeweiligen Luftraum. »Im Falle Libyens besagen mehrere juristische Gutachten und eins des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags, Libyen könne uns nicht verbieten, in seine Fluginformationsregion einzufliegen, da das internationaler Luftraum ist«, sagt Samira. Dieser deckt sich mit der Seenotrettungszone Libyens – dem Hauptfokus des Operationsgebietes von Airborne. Aber auch Italien untersagte Airborne in der Vergangenheit, von seinen Flughäfen zu starten, weil Seenotrettung »staatliche Aufgabe« sei.

Auch wenn die Behörden Italiens und Maltas bei der Seenotrettung von Flüchtenden oft eine mindestens zwiespältige Rolle einnehmen – die schmutzigste Arbeit in der Fluchtabwehr der Europäischen Union erledigt wohl immer noch die von dieser mit hohen Millionenbeträgen finanzierte libysche Küstenwache. Ihr Verhalten ist besonders unberechenbar. Bei einem Vorfall feuerten ihre Mitglieder sogar in die Luft. Aus gutem Grund lässt Sea Watch im Umgang mit der Küstenwache Vorsicht walten.

»Libyen ist ein Kriegsgebiet«, sagt am Abend nach der Mission Felix Weiß, Pressesprecher von Sea Watch, »nd« im Base Camp von Airborne, einem dreistöckigen Wohnhaus auf Lampedusa. Airborne fliege wegen der Gefahr für seine Crews bei Aufklärungsflügen nie näher als 15 Seemeilen an die Küste Libyens oder 30 Seemeilen an Tripoli oder Misrata heran. Bei der »sogenannten libyschen Küstenwache«, so Weiß, handle es sich um eine höchst undurchsichtige Organisation, die die EU dafür bezahle, Flüchtende aus Europa fernzuhalten. Es heiße auch, die Küstenwache rekrutiere sich aus jihadistischen Milizen, außerdem stehe sie im Verdacht, mit den kriminellen Netzwerken zu kooperieren, die Flüchtende auf dem Weg nach Europa auf unterschiedlichste Art brutal ausbeuteten. Mord, Folter, Zwangsarbeit, Erpressung und systematische Vergewaltigungen drohten Geflüchteten in libyschen Haftanstalten, berichtet die irische Journalistin Sally Hayden in ihrem im März erschienen Buch »The Fourth Time, We Drowned« über die »tödlichste Migrationsroute der Welt«.

Im Gemeinschaftsraum erholt sich die Crew von ihrem insgesamt achtstündigen Einsatz, wovon sie gut fünfeinhalb in der Luft verbrachte. Der Flug war anstrengend. In ihren orangefarbenen Overalls schwitzt die Crew unter der sengenden Sonne, an Bord hat es zwischen 40 und 50 Grad Celsius. Eine Klimaanlage würde 80 Kilo wiegen und dem Flugzeug wertvolle Flugzeit rauben. Unbeobachtet urinieren kann man während des Fluges nicht, es sei denn, man trägt eine der eigens für Kampfpiloten entwickelten Spezialwindeln. Von denen gibt es im Base Camp auf Lampedusa tatsächlich eine Packung. Doch so gut wie niemand macht von ihnen Gebrauch. Auch bei diesem Flug zog die Crew es vor, trotz der sommerlichen Hitze acht Stunden vor Abflug weitestgehend auf die Einnahme von Flüssigkeiten zu verzichten. Man gewöhnt sich dran.

Der Flug ist nicht nur körperlich anstrengend. Die Konfrontation mit der Realität des Grenzregimes ist auch emotional fordernd. Insgesamt drei Boote mit Flüchtenden sind der Crew der Seabird am heutigen Tag begegnet, die am Abend alle den Hafen von Lampedusa erreicht haben werden. Weiß und Samira freut das sichtlich, die Insass*innen sind vorerst nicht mehr in Lebensgefahr. Vom Hafen aus werden die Geflüchteten von der Polizei direkt in eine umzäunte und bewachte, zumeist völlig überfüllte Unterbringung, einen sogenannten Hotspot, gebracht. Von dort sollen sie planmäßig nach zwei Tagen auf das italienische Festland gelangen. In der Realität warten sie darauf oft mehrere Wochen.

Oft entdeckt Airborne menschenleere auf dem Meer treibende Boote, von denen häufig nur noch der Bug aus dem Wasser ragt. Auch am heutigen Tag sichtete die Crew eines mit einer aus der Luft erkennbaren Kennzeichnung der Guardia di Finanza. Die einer dem italienischen Finanzministerium unterstehende Polizeieinheit unterhält auf Lampedusa einen Stützpunkt und mehrere Schnellboote. Das Kennzeichen setzen sie, wenn sie die Insass*innen aus dem Boot aufgenommen haben. Viele verlassene, auf dem Mittelmeer treibende Boote sind hingegen nicht gekennzeichnet. Es ist unmöglich zu sagen, ob jemand die Geflüchteten rettete, die libysche Küstenwache sie verschleppte – oder ob sie ertrunken sind. »Rettungswesten gibt es an Bord meist kaum oder gar nicht«, sagt Weiß.

Eine kleine punk-rockige NGO

Zurück auf Lampedusa lässt sich die brutale Realität auf dem Meer aber auch leicht verdrängen. Auf der gerade einmal 20 Quadratkilometer großen Insel verhindert ein hoher Zaun Begegnungen zwischen den im Hotspot internierten Geflüchteten aus dem globalen Süden und der lokalen Bevölkerung. Die Boote der Guardia di Finanza liegen friedlich zwischen Fischerbooten im Hafen der Stadt Lampedusa. Den Flughafen nutzen neben Frontex und Sea Watch vor allem Passagierflugzeuge. Im Sommer kommen täglich Tourist*innen vom italienischen Festland. Sie tummeln sich tagsüber an den Stränden und betrinken sich abends in den vielen Bars der Stadt. Obendrein besitzt Italiens skandalumwitterter Expräsident, der Multimilliardär Silvio Berlusconi, eine Villa auf der Insel. Er soll dort eine seiner berüchtigten »Bunga-Bunga-Partys« gefeiert haben.

Im Base Camp der kleinen »No Borders Airforce«, als die sich die Airborne-Aktivist*innen im Spaß gelegentlich selbst bezeichnen, sieht es ein bisschen aus wie in einer sehr spartanisch eingerichteten linken Wohngemeinschaft. In den meisten Zimmern gibt es ein bis zwei Betten, einen Schrank und einen Ventilator. An den Wänden hängen Plakate mit Parolen wie »Seenotrettung is not a crime«, neben selbstgemalten Zeichnungen und einer Vielzahl von ausgedruckten Anweisungen auf Englisch. Über dem Klo steht etwa: »Wenn du das beim Pinkeln lesen kannst, machst du etwas falsch.« Der Verzehr von Fleisch ist im Haus verboten, Männer dürfen nicht mit nacktem Oberkörper in die Gemeinschaftsräume.

Die meisten Anweisungen stammen von einem früheren Crew Chief. Die Crew Chiefs leisten einen guten Teil der logistischen und sozialen Unterstützung am Boden. Sie waschen abends die verschwitzten orangen Overalls der Besatzung mitsamt der übrigen Wäsche und kochen das gemeinsame Abendessen. Morgens packen sie der Crew Verpflegung für die Einsätze und fahren sie mit einem Kleinwagen zum Flughafen. Derzeitiger Crew Chief ist Alex Folkes aus London. Von Beruf ist er internationaler Wahlbeobachter. Sprachlich hat er es von der Crew am leichtesten. Wie auf den Flugzeugen ist Englisch auch im Haus die Verkehrssprache, die meisten bei Airborne kommen jedoch aus Deutschland. Samuel Müller hat Journalismus studiert und kommt aus Stuttgart. Pressesprecher Weiß lebt in Berlin und wuchs in einer Plattenbausiedung im thüringischen Suhl auf.

»Wir sind als Organisation zu schnell zu groß geworden«, findet Weiß. Viele in der NGO trauerten der »kleinen Zecken-NGO« nach. Deren Schiffskapitäninnen trugen Dreadlocks und ernährten sich vegan. Jetzt ist Sea Watch ein viele Millionen Euro verbrauchendes Unternehmen. Reiche Bürgerkinder, die auf elitären Universitäten studieren, bewerben sich regelmäßig auf Praktika, um ihre Lebensläufe für den Einstieg in Spitzenpositionen zu pimpen. Weiß verzieht eine bittere Mine, als er auf Letztere zu sprechen kommt. Auch wenn der linke Spirit noch spürbar ist – früher sei es, so Weiß, bei Sea Watch »punk-rockiger« zugegangen.

»Wir waren dieser bunte Haufen, von dem kaum jemand die in Deutschland dafür nötigen Qualifikationen besaß, auf einem Schiff zu arbeiten«, erinnert sich Weiß. Er kam 2017 zu Sea Watch. Da waren die »goldenen Jahre der zivilen Seenotrettung« bereits so gut wie vorbei.

Italienischer Rechtspopulist gegen Seenotrettung

Zivile Seenotrettung durch NGO-Schiffe entstand infolge eines tödlichen Schiffsunglücks vor Lampedusa am 3. Oktober 2013. 366 Menschen kamen nachweislich dabei ums Leben, die Öffentlichkeit Italiens stand unter Schock. Italien gründete die staatliche Marineoperation Mare Nostrum. Doch als sie keine Unterstützung durch die EU bekam, wurde sie wieder eingestellt. An ihre Stelle trat nun eine Vielzahl neugegründeter NGOs, darunter 2014 auch Sea Watch. Staatliche Behörden arbeiteten zunächst noch eng mit ihnen zusammen.

Doch dann setzten Italien und Libyen eine libysche Seenotrettungszone durch. Dazu finanzierte die EU Libyen den Aufbau einer eigenen Küstenwache, die laut Recherchen des ARD-Magazins »Monitor« eng mit der Grenzschutzbehörde Frontex kooperiert. »So entstand erst ein legales Konstrukt, damit Frontex die Luftaufklärung für die libysche Küstenwache machen kann«, sagt Weiß. Unterhielte Frontex derzeit noch eigene Schiffe, müssten die Behörden nach internationalem Seerecht Flüchtende in Seenot in einen sicheren Hafen bringen, der wiederum dem internationalen Asylrecht gemäß nicht in dem Land sein dürfte, aus dem sie geflohen wären.

Während seiner Zeit als Italiens Innenminister von 2018 bis 2019 suchte Rechtspopulist Matteo Salvini die Auseinandersetzung mit den zivilen Seenotrettern – insbesondere mit der erkennbar linksgerichteten NGO Sea Watch. Er ließ Italiens Häfen für Schiffe sperren, die Flüchtende auf See an Bord nahmen. Die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete wurde von Salvini eine »verwöhnte deutsche Kommunistin« genannt und zur Staatsfeindin Nummer eins stilisiert, als er sie verhaften ließ, weil sie auf dem Mittelmeer 55 Flüchtende aufgenommen und mit der Sea Watch 3 nach Italien gebracht hatte.

Am Ende zog Salvini den Kürzeren, im August 2019 verkündete er den Bruch der Koalition seiner Partei Lega mit der Fünf-Sterne-Bewegung. »Über Sea Watch ist er gestürzt«, sagt Weiß nicht ohne Stolz. Die ungleiche Auseinandersetzung machte die kleine NGO auf einen Schlag weltberühmt, Rackete wurde zum internationalen Symbol für den weltweit tobenden Kampf gegen Populisten vom Schlage eines Donald Trump, Jair Bolsonaro oder Victor Orbán.

Mittlerweile strebt Salvini in Italien wieder an die Macht. In seinem Wahlkampf für die am 25. September stattfindende Parlamentswahl versuchte er zunächst auch die Situation auf Lampedusa zu instrumentalisieren. Mit einem Kurzauftritt am Hotspot wolle er die rechte Erzählung von einer »Invasion« von Migranten aus Afrika wiederbeleben, befürchtet Giovanni DAmbrosio, der sich zum Abendessen mit der Crew von Airborne eingefunden hat. Er sucht im Rahmen des Projekts Mediterranean Hope der Föderation Evangelischer Kirchen in Italien auf Lampedusa Kontakt zu Geflüchteten. Am 29. August erreichte ein völlig überfülltes Boot mit 500 Geflüchteten die Insel. Ein Wahlsieg eines Bündnisses italienischer Rechtsparteien, geführt durch Giorgia Meloni, die Spitzenkandidatin der postfaschistischen Partei Fratelli d‹Italia, gilt mittlerweile sogar als wahrscheinlich.

Für Sea Watch waren der Sieg über Salvini und die daraus erlangte Berühmtheit zwiespältig. Einerseits schwamm die kleine NGO, die zuvor oft kaum gewusst hatte, ob sie genug Geld für eine weitere Mission haben würde, auf einmal in Spendengeldern. Es gab genug davon, um sie an weniger bekannte Seenotrettungs-NGOs zu verteilen. Zugleich drohten Aktivist*innen von Sea Watch vor Gericht hohe Haftstrafen. Die Schiffe saßen fest, weil die Niederlande sie nicht mehr unter ihrer Flagge auslaufen ließ.

Die Organisation erlebte einen gewaltigen Wachstumsschub, war aber zugleich gezwungen, sich zu professionalisieren. Inzwischen registriert Sea Watch seine Schiffe in Deutschland. Die Voraussetzungen sind dort wesentlich umfangreicher als in den Niederlanden. Langjährigen Crew-Mitgliedern, die ihr Handwerk im Do-It-Yourself-Verfahren erlernten, fehlten oft die von den deutschen Behörden verlangten Qualifikationen.

»Ganz schlecht war für uns die Pandemie«, sagt Weiß. Das öffentliche Interesse wandte sich ab von den Zuständen an der südlichen Außengrenze der EU. Die Spendeneinnahmen sanken seitdem kontinuierlich. Weiß denkt, vielen Spender*innen dürfte inzwischen das Geld fehlen. Nur ist Seenotrettung teuer: Ein mehrstündiger Aufklärungsflug über dem Mittelmeer kostet mehrere Tausend Euro, ein Schiff mehrere Wochen auf See zu schicken, deutlich mehr. Dazu kommen nun enorme Preissteigerungen für Benzin wegen des Ukraine-Kriegs. Bei Ersatzteilen gibt es Lieferengpässe. Etwas besorgt wirkt Weiß, als er von diesen Dingen spricht.

Die Crew dagegen wirkt deutlich unbekümmerter. Im Gemeinschaftsraum wird noch das eine oder andere Bier geleert. Dann versucht man trotz anhaltender Hitze noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Denn am nächsten Tag heißt es von Neuem, die blauen Weiten des Mittelmeers nach Booten mit Flüchtenden abzusuchen.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal