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Das Risiko der falschen Pille

Medizin ist ein Hochsicherheitsbereich, in dem Patienten geschützt werden müssen

Zwei Tablettendosierer: Eine falsche Einordnung kann schnell gefährlich werden.
Zwei Tablettendosierer: Eine falsche Einordnung kann schnell gefährlich werden.

Viele Menschen, insbesondere ältere, müssen regelmäßig Medikamente nehmen. Diese Patienten wissen in der Regel, wie die Pillen heißen und kennen ihre Dosis, manchmal den Wirkstoff. Den wenigsten ist bewusst, dass Medikationsmanagement ein Hochrisikobereich ist, nicht nur in Kliniken, sondern auch im ambulanten Bereich. Es können also Fehler auftauchen, die gravierende Folgen haben: Bei der Verschreibung kann eine falsche Dosis aufs Rezept gelangen oder ein falscher Wirkstoff. Etwas schieflaufen kann, wenn etwa im Haushalt Tabletten versehentlich vertauscht werden. Je mehr Medikamente eine Person regelmäßig einnehmen muss, um so größer das Risiko. Medikationsfehler sind für zirka fünf Prozent aller Krankenhauseinweisungen verantwortlich, informierte kürzlich das Aktionsbündnis Patientensicherheit.

Doch das sichere Medikationsmanagement ist nur ein Aspekt von vielen, die unter dem Stichwort Patientensicherheit gefasst werden. Zum Thema gehören Behandlungsfehler sowie die Lern- und Sicherheitskultur in diesem Bereich. Deshalb wurde Ende vergangener Woche, nach langer Vorbereitung, ein nationales Gesundheitsziel Patientensicherheit veröffentlicht. Beteiligt haben sich an dem Vorhaben 140 Organisatoren, darunter alle wichtigen Player aus dem Gesundheitsbereich, bis hin zu den Ministerien in Bund und Ländern. Dass Kliniken oder Arztpraxen für sich selbst Strukturen schaffen, mit deren Hilfe sie Fehler vermeiden, ist die eine Sache. Hier gibt es zum Beispiel Fehlerberichtssysteme, Befragungen oder anonyme Briefkästen, nicht alles muss nun neu erfunden werden.

Patientensicherheit ist indessen nicht der Begriff, mit dem Menschen das Problem formulieren. »Sie fragen sich vor dem Krankenhausaufenthalt eher: Werde ich da heil wieder herauskommen?«, wie es Günter Hölling ausdrückt. Er ist Mitbegründer des Gesundheitsladens in Bielefeld und sprach bei der Veranstaltung für die Bundesarbeitsgemeinschaft der PatientInnenstellen. Höllings Wahrnehmung wird von einer aktuellen Umfrage der Kaufmännischen Krankenkasse bestätigt. Demnach ist die Angst der Deutschen vor einem Krankenhausaufenthalt nach zwei Pandemiejahren wieder gestiegen. Rund 47 Prozent der Befragten gaben in der Umfrage als Grund dafür an, Schlechtes über die stationäre Behandlung gehört zu haben. 46 Prozent begründen ihre Angst mit eigenen schlechten Erfahrungen im Krankenhaus.

Menschen im Gesundheitssystem sind laut Günter Jonitz das übergeordnete Thema bei der Patientensicherheit. Der Chirurg und langjährige Präsident der Berliner Ärztekammer war Leiter der Arbeitsgruppe, die das Gesundheitsziel formuliert hat. Bei der Vorstellung verwies er darauf, dass das Thema auch international wichtig wurde. So hat die Weltgesundheitsversammlung erst im Vorjahr einen globalen Aktionsplan zur Patientensicherheit verabschiedet, der bis 2030 läuft. Zugleich, so Jonitz, geht es um mehr als »nur« erhöhte Sicherheit für Patienten. »Es geht um eine bessere Qualifikation von Mitarbeitern und bessere Teamarbeit, damit um eine bessere Versorgung und am Ende um höhere Arbeitszufriedenheit.«

Die Debatte läuft vor dem Hintergrund der knappen (menschlichen) Ressourcen in vielen Teilen des Gesundheitssystems. Wenn Patienten also Ärzte darauf hinweisen, dass sie bei Betreten ihres Zimmers vergessen haben, sich die Hände zu desinfizieren, ist das ein Zeichen der Sicherheitskompetenz, die erwünscht ist. Wenn aber Patienten dieses Verhalten aus Angst vor Schlechterstellung vermeiden, läuft etwas falsch. Oder wenn sie merken, dass Personal nur durch die Gegend hetzt. Zum Gesundheitsziel gehört auch die Aufgabe, das Wissen um Patientenrechte einfach zugänglich zu machen, Fehlermeldungen ernst zu nehmen sowie daraus zu lernen.

»Die kurze Zeit von etwa sieben Tagen, die Menschen heute durchschnittlich im Krankenhaus verbringen, reicht meist nicht aus, dass sie überhaupt den Patientenfürsprecher zu Gesicht bekommen«, schildert Aktivist Hölling die Lage. Er begrüßt, dass sich große Einrichtungen wie Kliniken zu dem Thema viele Gedanken machen. »Aber die eine Woche im Krankenhaus ist häufig nur eine kurze Episode in der langen Karriere etwa eines chronisch Kranken.« Befragungen zum Beispiel bei der Entlassung reichen aus seiner Sicht nicht aus. Er schlägt kommunale Patientenberatungsstellen vor, die das ganze Versorgungssystem abdecken.

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