Der undankbare 4. Platz

Der Mann, der die Grenze öffnete: Gerhard Lauter

Gerhard Lauter verfasste im Herbst 1989 das neue Reisegesetz der DDR.
Gerhard Lauter verfasste im Herbst 1989 das neue Reisegesetz der DDR.

Im Sport kennt man den »undankbaren 4. Platz«. Die öffentliche Aufmerksamkeit gilt nur den Dreien auf dem Podium – der knapp Unterlegene ist schon vergessen, sobald er die Linie überquert hat. In der Geschichte ist es ähnlich. Am 9. November 1989 stotterte Günter Schabowski den »Mauerfall« herbei, weshalb sein Name auf ewig mit der Öffnung der Staatsgrenze der DDR verbunden ist. Der Zweite auf dem Podium war Riccardo Ehrmann, ein italienischer Journalist. Er stellte auf der bewussten Pressekonferenz die Frage nach dem neuen Reisegesetz der DDR. Die entscheidende Nachfrage jedoch, ab wann dieses gelte, kam vom »BILD«-Reporter Peter Brinkmann, worauf Schabowski bekanntlich mit »sofort, unverzüglich« reagierte. Schabowski ging in die Geschichte ein, Ehrmann bekam das Bundesverdienstkreuz, und Brinkmann – nachdem die beiden Erstplatzierten tot sind (Schabowski 2015, Ehrmann 2021) – hat als letzter lebender Akteur ein Dauerabo in Dokumentationen und Jahrestag-Talkshows. Aber jener, der den Corpus Delicti in die Welt gebracht hatte, fand nirgendwo Erwähnung.

Den undankbaren 4. Platz belegte der Oberst der Volkspolizei Gerhard Lauter, damals Leiter der Hauptabteilung für Pass- und Meldewesen im Innenministerium.

Bekanntlich gingen die DDR-Bürger im Herbst ’89 auch für mehr Reisefreiheit auf die Straßen, weshalb ein Reisegesetz erarbeitet wurde, das am 6. November in dieser Zeitung veröffentlicht wurde. Es erregte wegen seiner Einschränkungen viel Unmut, der Rechtsausschuss der Volkskammer verwarf es umgehend als »unzureichend«. 

»Am Morgen des 8. November bestellte mich der Innenminister zu sich«, schrieb Lauter in seinen Erinnerungen.  Armeegeneral Friedrich Dickel beauftragte ihn, mit Genossen des MfS bis zum nächstenTag eine neue Regelung zu entwerfen. »Du hast das Reisegesetz gemacht – und das klang so wie: Du hast die Suppe eingebrockt, also löffle sie gefälligst auch aus.« Als sich Lauter morgens neun Uhr am 9. November mit den Kollegen – »vier Spitzenbürokraten« wird später der »Spiegel« höhnen – in seinem Arbeitszimmer traf, war man sich einig: »Wer das Land verlassen will, darf ohne die bisherigen Prüfungen ausreisen. Der Rest wäre technisches Regelwerk.« Man bereitete drei Dokumente vor (allerdings ohne an die Zuständigkeit der Vier Mächte für Berlin zu denken): »eine politische Entscheidungsvorlage für die SED-Führung, einen Entwurf für eine Rechtsverordnung des Ministerrates, um überhaupt zu einer gewissen Rechtsgrundlage zu kommen, und eine Presseerklärung für ADN, die amtliche Nachrichtenagentur, versehen mit einer Sperrfrist zum 10. November, 4.00 Uhr.« 

Schabowski zog 18.54 Uhr auf jener Pressekonferenz das Papier, das ihm kurz zuvor Egon Krenz in einer Pause des ZK-Plenums in die Hand gedrückt hatte, aus seinem Koffer. Und trug es vor. Er hatte es nachweislich noch nie gelesen. Der neben ihm sitzende Gerhard Beil versuchte ihn halblaut zu bremsen und machte auf die Sperrfrist aufmerksam. Zu spät.

Lauter verbrachte in seinem Büro eine »irre Nacht«: »Der Operative Diensthabende des Ministeriums ließ alle Anrufe zur ›Maueröffnung‹ zu mir durchstellen. Natürlich kannte ich die Regelungen, die von der Regierung per Umlaufvorlage beschlossen waren – wer aber sonst?«

Wer aber sonst kannte den 39-jährigen Gerhard Lauter? Er kam aus Dresden, hatte Jura studiert und bei der Volkspolizei (VP) in Leipzig als Leutnant seine Dienstlaufbahn begonnen. 1974 leitete er die Zentrale Antiterroreinheit der Volkspolizei, mit 33 Jahren wurde er Fahndungschef der Kriminalpolizei und mit 39 Leiter des Pass- und Meldewesens der DDR. Und er war noch keine 40, als er unter dem letzten Innenminister der DDR, Peter-Michael Diestel, als Oberst diente. Bis zum letzten Tag. 

Am 3. Oktober 1990 war Lauter a. D., ohne Arbeit –und vergessen. Er kehrte nach Leipzig zurück und eröffnete eine Rechtsanwaltskanzlei, die er so lange führte, bis es gesundheitlich nicht mehr ging. Als ich ihn 2010 als meinen Autor kennenlernte, war seine Sehkraft schon extrem eingeschränkt. Darunter litt er mehr als unter der Tatsache, dass er an den Jahrestagen des »Mauerfalls« keine Rolle spielte. In seinen Erinnerungen kam er auch erst auf Seite 152 auf diese Angelegenheit zu sprechen, der er überdies weniger Platz einräumte als etwa der »Spiegel« in Heft 45/2009. Dort hieß es abschließend über Gerhard Lauter, er habe »am Morgen des 9. November durch einen dreizeiligen Absatz in einer Ministerratsvorlage seine DDR ins Wanken« gebracht. Er wolle zwar nicht »den Sozialismus zurück, der an diesem Tag unterging, aber ist Mitglied im Leipziger Stadtvorstand der Partei DIE Linke«. Was soviel hieß wie: Er hat’s noch immer nicht kapiert.

Gerhard Lauter verstarb am 19. September in Leipzig. In den Medien fand das keine Erwähnung. Der undankbare 4. Platz eben.

Gerhard Lauter: Chefermittler. Der oberste Fahnder der K in der DDR berichtet. Edition Ost (2012)         

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